Zu Besuch bei Javier Marías

Meister der Möglichkeitkeitswelten

Von Paul Ingendaay
14.03.2010
, 19:50
Nach dem Schreiben kommt das Vorlesen: Javier Marías vergangenen Dienstag im Frankfurter Literaturhaus
Mammutwerk mit autobiographischen Zügen - der spanische Schriftsteller Javier Marías hat den letzten Band seiner Romantrilogie „Dein Gesicht morgen“ vollendet. Man trifft einen Mann, dem Denkverbote zuwider sind - und der mit Folklore nichts am Hut hat.
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Ein förmliches Interview schlage ich ihm lieber nicht vor. Erstens, weil Javier Marías in den letzten Monaten kaum etwas anderes tut. Zweitens, weil selbst der geduldigste Mann nur so und so oft dieselben Sachen sagen kann. Und drittens, weil der bedeutendste spanische Schriftsteller der Gegenwart seit bald acht Jahren mit seiner Trilogie „Dein Gesicht morgen“ - veröffentlicht in drei Bänden, doch eigentlich ein einziger 1600-Seiten-Roman - durch europäische oder amerikanische Städte zieht. In den letzten Monaten waren es Rom, Paris, London, New York, Berlin. Eine Zumutung, und man sieht es ihm an. Bei unseren gelegentlichen Mittagessen in seinem Lieblingsrestaurant in der Madrider Altstadt sprechen wir also über Kino, Lokalpolitik, die zyklisch wiederkehrenden Krisen von Real Madrid, dies und das. Um dann doch wieder bei der Literatur zu landen.

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Javier Marías wusste bestimmt nicht, was er tat, als er im Oktober 2002 in Spanien „Fieber und Lanze“ herausbrachte, den ersten Band des Großwerks, das mit dem jetzt auf Deutsch erschienenen Band „Gift und Schatten und Abschied“ abgeschlossen ist. Er halte nichts von dicken Romanen, sagte er damals, die Zeit des Lesers sei kostbar und das neunzehnte Jahrhundert definitiv vorbei. Dennoch hatte er sich in seiner Fiktion auf eine Reise begeben, die in der spanischen Literatur keine Parallele hat. „Dein Gesicht morgen“ ist der Gipfel einer Romankunst, die man reflexiv, analytisch, hypertroph oder auch diabolisch nennen könnte, denn hier scheint das bloße Phantasieren einer Tat schon ihre Erfüllung in sich zu tragen. Wie das Virus die Ansteckung.

Das Wesen von Lüge und Verrat ergründen

Pensamiento literario nennt der Autor sein Verfahren der schreibenden Nachforschung, „literarisches Nachdenken“, das aus dem Roman ein Kompendium der Abschweifungen über Möglichkeitswelten macht. Und je mehr er geschrieben hat, desto stärker schlingen sich seine Bücher um die eigenen literarischen Motive, nehmen sie auf und variieren sie, so wie auch seine süchtig machenden Metaphern sich selbst umkreisen. Seit seinem Roman „Der Gefühlsmensch“ (1986), in dem die Liebe nicht gelebt, sondern geträumt und erinnert wird, ist der Erzähler immer ein ähnlicher Typus Mann, manchmal sogar derselbe - ein Single, Grübler und professioneller Einfühler in fremde Schicksale. Mag sein, dass es einen Marías-Sound gibt, der sich inzwischen in 34 Sprachen über den Erdball verteilt hat; vor allem aber ist es eine Form, die Welt zu betrachten und mit ruhelosem Verstand den Empfindungen des Einzelnen nachzugehen.

Erniedrigung der Frau? „Das Model hat das doch freiweillig gemacht.” - Javier Marías hält nichts von Denk-Vorschriften
Erniedrigung der Frau? „Das Model hat das doch freiweillig gemacht.” - Javier Marías hält nichts von Denk-Vorschriften Bild: AFP

Das Erscheinen des ersten Bandes von „Dein Gesicht morgen“ hat sein Vater, der Philosoph Julián Marías, noch erlebt. Ein Teil des Mammutwerks mit autobiographischen Zügen gilt ihm und seiner Rolle im Spanischen Bürgerkrieg. Seinerzeit wurde der Republikaner, der keine einzige Kugel abgefeuert hatte, von seinem besten Freund denunziert und drohte vom Franco-Regime erschossen zu werden. Die mutige Aussage eines anderen rettete ihm das Leben. Von solcher Art sind die Schlüsselerlebnisse, die der Autor - in Madrid nannte man ihn nur den „jungen Marías“, um ihn von seinem Vater zu unterscheiden - immer und immer wieder umwälzt, um das Wesen von Lüge, Feigheit und Verrat zu ergründen.

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Ein Mann, völlig frei von Folklore

Marías' Alter Ego heißt Jaime (Juan, Jacobo) Deza und arbeitet für eine Sondereinheit des britischen Geheimdienstes. Seine Spezialität ist es, die Gesichter seiner Mitmenschen zu entziffern und daraus Voraussagen über ihr künftiges Handeln abzuleiten. Doch der Held muss sich mit Vermutungen behelfen, und bei einem Heimatbesuch in Madrid wird auch er selbst fast so gewalttätig wie seine zwielichtigen Auftraggeber. Die Idee der Folter, scheint es, ist ansteckend.

Die lange Lesestrecke, die sein neues Werk dem Publikum abverlangt, hat die Literaturkritik in zwei Lager gespalten. Manche sehen in „Dein Gesicht morgen“ den totalen Roman und ein Meisterwerk, andere wünschen sich den süffigeren, kompakteren Marías des Bestsellers „Mein Herz so weiß“ zurück, der sich allein in Deutschland 1,3 Millionen Mal verkaufte. Heute klingen die Hymnen nirgendwo lauter als in England und Amerika, wo Marías als einer der großen europäischen Modernisten gilt. Das hat seine Logik. „Früher haben sich die Leute unter spanischer Literatur ein Stereotyp vorgestellt, Figuren in Stierkämpfermontur und Frauen in Flamencokostümen“, sagt Marías. „Damit kann ich nicht dienen. Ich halte Spanien für ein modernes Land, das sich weniger vom übrigen Europa unterscheidet, als man gemeinhin glaubt.“Seine Landsleute haben dem völlig folklorefreien Marías deshalb schon früh vorgeworfen, seine Bücher klängen „übersetzt“. Der Autor selbst, ein preisgekrönter Übersetzer des „Tristram Shandy“, nimmt es als Kompliment.

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Ins Stadion geht er nicht mehr

Herrscht in seinen Romanen der philosophische Ton eines scharfen, manchmal pedantischen Beobachters vor, überrascht einen der Mensch Marías durch Charme, Höflichkeit und jugendlich wirkende Verspieltheit. Der Gang durch seine Madrider Wohnung mit ihren säuberlich angeordneten Memorabilia, gerahmten Fotografien und Zinnsoldaten lässt auf einen Mann schließen, der die Welt seiner Kindheit ohne Umwege in das Erwachsenenleben verlängert hat. Aus der Glanzzeit von Real Madrid in den fünfziger Jahren mit Puskas und dem Linksaußen Gento - Marías selbst ist Linksfüßler - stammt seine Verfallenheit an den Fußball, und für einen einzigen Puskas von damals würde er den brasilianischen Ronaldo hergeben und den portugiesischen gleich dazu. Ins Stadion allerdings geht er nicht mehr, Real Madrid ist eine Sache für den heimischen Fernseher. In fußballfreien Stunden unterhält er sich mit DVD-Boxen amerikanischer Fernsehserien, von „The West Wing“ über „Six Feet Under“ bis „Mad Men“.

In Spanien sind Schriftsteller öffentliche Figuren, die regelmäßig als Kolumnisten in Erscheinung treten. Javier Marías ist keine Ausnahme. Man darf sich das wie einen lärmenden Dorfplatz vorstellen, mit Gedränge, Stimmengewirr und umherfliegenden Schimpfworten. Ein halbes Dutzend Bände mit seinen gesammelten Kolumnen liegt in den Buchhandlungen, Titel wie „Sie machen aus mir noch einen Verbrecher“ und „Was ich nicht sagen wollte“. Woher kommt diese Lust am Streit und der Einmischung? „Ich habe Meinungen wie jeder von uns“, sagt Marías, „und ich verwechsle meine Romane nicht mit dem Leben. In meinen Kolumnen kann ich sagen, was ich von der Politik und dem Zustand unserer Gesellschaft halte.“

Man kann nicht eine Stadt von vier Millionen Einwohnern ermorden

Nicht viel, so viel ist klar. Marías beklagt eine zunehmende Infantilisierung, schlampigen Sprachgebrauch und die Verrohung der Sitten. Ätzenden Spott gießt er über die konservative Stadtregierung aus, deren früherer Bürgermeister gleich gegenüber seiner Wohnung residierte. „Man kann nicht eine Stadt von vier Millionen Einwohnern ermorden“, schrieb er über den bauwütigen Mann, der im Ruf besonderer Frömmigkeit stand, „den Leuten das Leben zerstören, ihnen die Gesundheit rauben, die Ruhe, den Schlaf, die Luft und dann auch noch in den Himmel kommen wollen.“

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Auf die Politik setzt Marías nicht bei der Erziehung des Menschen. Das eine Mal, als er vehement wählte und es öffentlich sagte, war 2004, nach den islamistischen Terroranschlägen von Madrid. Acht Jahre Aznar-Regierung und Partido Popular waren zu viel gewesen. „Am Ende sagte ich mir: Jeder andere ist besser als die.“ Doch der Zeitgenosse Marías, der Verächter von Mobiltelefon, Computer und E-Mail, ist auch für die Linke kein sicherer Partner. Routinierte Gesten sozialer Betroffenheit sind ihm ein Greuel. Deshalb sieht man ihn nicht auf Demonstrationen und findet seinen Namen nicht unter offenen Briefen, und die sogenannten brennenden gesellschaftlichen Probleme langweilen ihn. „Ein Roman ist nicht ,wichtig' wegen seines Themas“, sagt er. „Er ist es aufgrund der Qualität seiner Prosa. Viele heutige Schriftsteller beziehen ihre Wichtigkeit aus ihrer angeblichen Aktualität. Doch sie merken nicht, dass diese angemaßte Bedeutung schon heute abgestanden ist.“

Das Recht auf Eigensinn

Mit solchen Äußerungen, zumal wenn er sie mit konkreten Namen aus dem Kulturbetrieb garniert, macht man sich keine Freunde. Noch weniger, wenn man in einem politisch stark polarisierten Land wie Spanien aus dem „progressiven“ Konsens ausschert. Nach Kuba zum Beispiel will Marías nicht reisen, solange ein Castro dort das Sagen hat, heiße er Raúl oder Fidel. Das Baskenland betritt er nicht, weil ein Teil der Gesellschaft den Eta-Terrorismus unterstützt und die Redefreiheit bedroht.

Auf die Rechte des Individuums kommt der Schriftsteller, der seit drei Jahren in der Königlich-Spanischen Akademie für Sprache sitzt, immer wieder zu sprechen. Er meint damit das Recht zur Abweichung, zum Eigensinn und Nichtkorrekten. Noch kann er in seinem Lieblingsrestaurant in der Madrider Altstadt unbehelligt eine Zigarette rauchen. Im Sommer vielleicht schon nicht mehr. Dann könnte die Zapatero-Regierung den Tabakgenuss in öffentlichen Gebäuden, zu denen auch Bars und Restaurants zählen, vollständig verboten haben.

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Ein schöner Hintern ist keine Erniedrigung

„Diese Reglementiersucht ist schlimm“, sagt Marías, „sie ist eines der Übel unserer Zeit. Ständig schreibt man uns vor, was wir sagen, denken und tun sollen. Auf einem Werbeplakat erscheint ein Hintern, und jemand beklagt, das sei eine Erniedrigung der Frau. Warum soll das Foto eines schönen Hinterns eine Erniedrigung sein? Das Model hat das Foto doch freiwillig gemacht.“

In seiner Wohnung hängt ein Ölbild des deutschen Malers Paul Keller-Reutlingen, eine Flusslandschaft bei Nacht. Das mysteriöse Gemälde entspricht dem Mann, der es vor Jahren auf einer Auktion kaufte und mit nach Madrid brachte. Es sind die dunklen Zonen, die ihn interessieren, Ereignisse, die nur in unserer Phantasie existieren, die Geheimnisse des Nichtgesagten. Das ist es, was Javier Marías von guter Literatur fordert. Szenen, die ihn verlocken, ein anderes Reich zu betreten. Wie ein Streichholz, das in einem dunklen, unbekannten Zimmer aufflammt.

Javier Marías: „Dein Gesicht morgen 3. Gift und Schatten und Abschied“. Roman. Aus dem Spanischen von Elke Wehr und Luis Ruby. Klett-Cotta, 726 Seiten, 29,90 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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