Zum Tod von Maria Frisé

Drei Leben auf einmal

Von Andreas Platthaus
31.07.2022
, 16:54
Die Schriftstellerin Maria Frisé, aufgenommen 2004
Maria Frisé war Schriftstellerin, langjährige Redakteurin der F.A.Z. und Mitarbeiterin der Zeitung bis zuletzt. Nun ist sie im Alter von sechsundneunzig Jahren gestorben.
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Sie war mit sechsundneunzig Jahren die mit Abstand älteste aktive Mitarbeiterin der F.A.Z., und allein in den letzten zwölf Monaten schrieb sie noch sieben Artikel, davon sechs Buch­rezensionen fürs Literaturblatt dieser Zeitung, unter anderem über die jüngsten Werke von so bekannten Autoren wie Martin Walser oder Martin R. Dean. Der siebte Artikel jedoch, erschienen am 14. Oktober des vergangenen Jahres im Reiseblatt, galt brandenburgischen Musenhöfen, deren kulturelle Bedeutung in achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert nun wiederentdeckt und touristisch vermarktet wird. Da spürte man die ganze Vertrautheit Maria Frisés mit der preußischen Geschichte. Ihre Familie war ein Teil davon.

Geboren als Maria von Loesch stammte sie mütterlicherseits aus dem alten schlesischen Grafengeschlecht Zedlitz-Trützschler – das gutsherrliche Dasein war ihr „erstes Leben“, wie sie es selbst bezeichnete. Es endete, als sie gerade neunzehn geworden war: Die Hei­mat verlor sie am 18. Januar 1945, dem Tag ihrer Hochzeit, die noch rasch auf dem Familienanwesen durchgeführt wurde, bevor die Flucht vor der anrückenden Roten Armee begann. Sie glückte, und damit begann das zweite Leben: Die frisch verheiratete Maria Stahlberg gelangte mit ihrem Mann nach Norddeutschland, wurde Mutter von drei Söhnen, doch die Ehe hielt nicht. Nach der Scheidung heiratete sie 1957 den Publizisten Adolf Frisé, der damals mit der Erschließung des Nachlasses von Robert Musil befasst war. Seine Frau sollte die wichtigste Mitarbeiterin bei den daraus hervorgegangenen Editionen werden, vor allem der großen Werkausgabe, die nicht nur die erste philologisch zuverlässige Erschließung des gigantischen Romantorsos „Der Mann ohne Eigenschaften“ bot, sondern auch die Tagebücher und Briefe Musils zugänglich machte.

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Schriftstellerin eigenen Rechts

Doch Maria Frisé wurde in diesem, ihrem dritten Leben auch zur Schriftstellerin eigenen Rechts. 1966 brachte sie bei Rowohlt ihren ersten Erzählungsband heraus, „Hühnertag und andere Geschichten“, und einen großen Erfolg landete sie 1990 mit dem Er­innerungsbuch „Eine schlesische Kindheit“, dem Auftakt zu mehreren autobiographischen Werken, dessen letztes, das 2004 publizierte „Meine schlesische Familie und ich“, das meistbeachtete wurde. Weiteres großes Thema der Schriftstellerin war die Familie als allgemeines Phänomen; noch im Alter von neunzig gab sie „Auskunft über das Leben zu zweit“, und danach machte sie sich an einen neuen Erzählungsband, der 2021 erscheinen sollte: „Einer liebt immer mehr“.

Am bekanntesten aber wurde sie der Öffentlichkeit als Redakteurin der F.A.Z., deren Feuilleton sie 1968 beitrat und fast ein Vierteljahrhundert lang angehörte, zuletzt als Verantwortliche für die Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“. Nach dem 1991 angetretenen Ruhestand riss der Kontakt zur Zeitung nicht ab. Maria Frisé war eine geschätzte Autorin bis zu­letzt, die ihre überreiche Lebenserfahrung in die Artikel einfließen ließ und sich eine intellektuelle Neugier be­wahrte, die jede Begegnung mit ihr zu einem Vergnügen machte.

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In Bad Homburg, wo sie nach dem Tod von Adolf Frisé im Jahr 2003 weiterhin lebte, war sie ein Mittelpunkt der Gesellschaft, und bis weit ins zehnte Lebensjahrzehnt hinein blieb Maria Frisé eine begeisterte Reiterin. Die strenge Selbstdisziplin, die sie pflegte, resultierte bei ihren Rezensionen in immer knapperen Texten, die aber stets das Essenzielle der besprochenen Bücher her­auszuarbeiten verstanden. Ihrem vorletzten Artikel, über Max Frischs Kriegstagebücher, merkte man die Erschütterung an, dass sie im Alter von sechsundneunzig Jahren noch einmal einen Krieg in Mitteleuropa erleben musste. Am gestrigen Sonntag ist sie im Kreis ihrer Familie gestorben. Was für drei Leben!

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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