Zum Tod von Hans Küng

Der Entschärfer der Weltreligionen

Von Christian Geyer
07.04.2021
, 15:45
Nach dem Entzug des Lehramts rang er um die humane Substanz des Christentums: Zum Tod des Theologen Hans Küng.

In dem Maße, wie Hans Küng als „Kirchenkritiker“ internationale Kontur gewann, sah er sich auch immer wieder der Frage ausgesetzt, was er denn überhaupt „noch glaube“. Bereits zwei Jahre vor dem spektakulären Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis im Dezember 1979 hatte die Deutsche Bischofskonferenz die „theologische Methode“ des Tübinger Dogmatik-Professors kritisiert.

Küng stelle mit einer idiosynkratischen Auswahl von Bibelstellen und losgelöst von kirchlicher Glaubensüberlieferung unter anderem die Christologie und die Sakramentenlehre unzureichend dar. Da hatte der am 19.März 1928 im schweizerischen Sursee Geborene schon Bestseller wie „Christ sein“, „Unfehlbar? Eine Anfrage“ oder „Die Kirche“ publiziert, Bücher, mit denen er gelehrt und sprachgewandt dem Bedürfnis nach Existentialisierung von dogmatisch gefasster Religion entgegenkam, nach Enttraditionalisierung der spirituellen Substanz.

Verhältnismäßig spät, erst im Jahre 2009 mit der Schrift „Was ich glaube“, legte Küng sein persönliches Credo ausführlicher dar, nachdem er die kirchenamtliche Agenda weitgehend abgeräumt und damit Reformanliegen vorweggenommen hatte, wie sie heute vergleichsweise unbeachtet vom Synodalen Weg verhandelt werden. Der Streit um päpstliche Unfehlbarkeit und Jungfrauengeburt mobilisieren heute keine Kulturkämpfe mehr.

Glauben, so Küng in der genannten Schrift, „interpretiere ich nicht kirchlich verengt oder intellektualistisch verkopft“. Vielmehr gehe es ihm um eine „ganzheitliche Weltsicht“, in welcher das Leben selbst zum Gegenstand gläubiger Zuwendung werde, um ein Grundvertrauen ins Dasein nach Erik Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung, auf das sich der Theologe explizit beruft.

Existentialistische Aufmischung

Indem Küng sein Gottvertrauen rückblickend als „Lebensvertrauen“ ausbuchstabiert, düpierte er die kirchliche Autorität schon, bevor er beim Zweiten Vatikanischen Konzil als „Peritus“, als theologischer Anwalt, auftrat, und sicherte, von heute her gesehen, zugleich die Kohärenz seiner Biographie. Hier war Küng in seinem Element, hier traf Küng den Nerv seines Publikums: in der existentialistischen Aufmischung von begrifflichen Festlegungen und dogmatischen Vorgaben. Der Streit um „Wahrheit“ entfällt, wenn Glaube, wie Küng es beschreibt, als „eine von persönlicher Erfahrung getragene, seriös informierende Besinnung zum sinnvollen Lebensbezug“ aufgefasst und als persönliche „geistige Lebensgrundlage“ subjektiviert wird im Unterschied zu einem Fürwahrhalten von überlieferten Lehren. Ein solcher Glaube betrachtet sich nicht als rechtfertigungsbedürftig vor einer hierarchischen Autorität – und programmiert so die Entfremdung und in Küngs Fall die Entzweiung von gläubiger Existenz und Folgsamkeit einforderndem Lehramt.

Nach dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis blieb Küng in Tübingen Professor für Ökumenische Theologie und Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung. 1980 erschien eine umfangreiche Dokumentation zum „Fall Küng“, herausgegeben von seinen Tübinger Mitstreitern Herbert Haag und Norbert Greinacher. In deren Schlusswort heißt es, Küngs Maßregelung durch Rom und die deutsche Bischofskonferenz betreffend: „Wer diese Dokumentation von Anfang bis Ende unvoreingenommen studiert, wird um die Feststellung nicht herumkommen: Hans Küng ist durch seine Kirche Unrecht geschehen. Die kirchenrechtlichen Bestimmungen wurden auf flagrante Weise verletzt. Das Vorgehen spricht den Prinzipien der christlichen Brüderlichkeit Hohn. Die von Küng vorgetragenen theologischen Sachfragen wurden entweder nicht erkannt oder besserwisserisch beantwortet.“

Haag und Greinacher lassen an den verheerenden Folgen des Falls Küng – innerkirchlich wie bei den säkularen Beobachtern – keinen Zweifel.

Planetarisches Lehramt in Tübingen

In „Erlebte Menschlichkeit“ (2014), dem mehr als siebenhundert Seiten starken dritten Teil seiner Autobiographie, schildert Küng die Umstände dieser sich über lange Zeit hin angebahnten Verwerfung, die er zugleich für die entscheidende Zäsur seines Lebens hält: „Der Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis unmittelbar vor dem Weihnachtsfest 1979 war für mich eine zutiefst deprimierende Erfahrung. Doch bedeutete sie zugleich den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Ich konnte eine ganze Reihe neuer Themen in den Blick nehmen, die nicht nur die Kirche, sondern die Menschheit bewegen: Frau und Christentum, Theologie und Literatur, Religion und Musik, Religion und Naturwissenschaft, den Dialog der Religionen und Kulturen, den Beitrag der Religionen für den Weltfrieden und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Menschheits- oder Weltethos.“

Tatsächlich avancierte Küng nach dem Entzug der „venia legendi“ durch seine Kirche zu einer Art planetarischem Lehramt der Menschlichkeit mit dem besonderen, von ihm sich selbst verliehenen Lehrauftrag, das Konfliktpotential der Religionen zu entschärfen. In dieser Mission war er weltweit unterwegs, am Schreibtisch wie im Flugzeug, ein mobiler Meta-Papst in Tübingen, der wiederum der Amtsauffassung von Franziskus näher kommt als jener von dessen sechs Vorgängern, die Küng erlebt hatte.

Jedenfalls sind die programmatischen Überschneidungen augenfällig, die es zwischen Küngs „Stiftung Weltethos“ und der Enzyklika „Fratelli tutti. Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ aus der Feder von Jose Mario Bergoglio gibt. Küngs Stiftung hat solche Verwandtschaft bei Erscheinen der Enzyklika denn auch dankbar vermerkt.

Dass Joseph Ratzinger als Papst gleich nach Amtsantritt seinen ehemaligen Tübinger Professoren-Kollegen in Castel Gandolfo zu Gespräch und Abendessen empfing, war nicht wirklich als Rehabilitierung gedacht. Man klammerte die kirchlichen Lehrdifferenzen vielmehr aus und plauderte übers Weltethos. Papst Benedikt habe, so hieß es hernach in einer vatikanischen Erklärung, das Bemühen Küngs gewürdigt „im Dialog der Religionen wie in der Begegnung mit der säkularen Vernunft zu einer erneuerten Anerkennung der wesentlichen moralischen Werte der Menschheit beizutragen“. Alles Strittige ließ man insoweit auf sich beruhen.

Es ist die humane Substanz des Christentums, für die sich Küng unbeeindruckt von den Konflikten mit seiner Kirche bis zuletzt einsetzte. Theologisch widerriet er dabei allen Vereinnahmungstendenzen, die an ihn herangetragen wurden: „Keinesfalls wollte ich Menschen theologisch anders interpretieren, als sie sich selbst verstehen, wollte nicht, wie andere Theologen, aus Nietzsche einen Gottgläubigen machen und aus Atheisten oder Agnostikern gar verborgene, ,implizit‘ oder, wie der Theologe Karl Rahner seinerzeit sagte, ,anonyme‘ Christen“, erklärte er 2009 und fügte hinzu: „Dass besonders Juden und Muslime diese Art theologischer ,Anonymisierung‘ als Versuch christlicher Vereinnahmung nicht schätzen würden, war mir schon früh klar.“

Am Dienstag ist Hans Küng im Alter von dreiundneunzig Jahren in Tübingen gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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