Filmfestival Cannes

Im roten Saab durch Hiroshima

Von Andreas Kilb, Cannes
12.07.2021
, 08:56
Im Auto kann man am besten vom eigenen Unglück erzählen: Szene aus Ryusuke Hamaguchis Film „Drive my Car“
Einmal Meisterschaft, einmal ermüdendes Faszinosum und eine gute Portion Selbstgefälligkeit: Filme von Nanni Moretti, Sean Penn und Ryusuke Hamaguchi.

Am Anfang von Nanni Morettis Film „Tre piani“ (Drei Stockwerke) steht eine hochschwangere Frau nachts auf der Straße und wartet auf ein Taxi zum Krankenhaus. Aber das Taxi kommt nicht. Stattdessen biegt ein Kleinwagen kreischend um die Ecke, rast knapp an ihr vorbei, überfährt eine andere Fußgängerin und kracht schließlich in die verglaste Parterre-Front eines Apartmenthauses.

Die Personen, von denen „Tre piani“ erzählt, sind alle direkt oder indirekt in den Unfall verwickelt: das alternde Richter-Ehepaar, dessen Sohn am Steuer saß; das junge Paar mit siebenjähriger Tochter, dessen Wohnung dabei beschädigt wurde; die Schwangere, deren Mann im Ausland arbeitet, so dass sie allein mit dem Baby klarkommen muss; die Greisin und ihr zunehmend dementer Gatte, die auf das Mädchen aus dem Erdgeschoss aufpassen, wenn seine Eltern ihrem aufreibenden Berufsleben nachgehen. Sie alle wohnen im selben dreistöckigen Mietshaus, und es ist diese Einheit des Ortes, die Moretti, wie er sagt, an dem Roman des israelischen Autors Eshkol Nevo gereizt hat, nach dem „Tre piani“ entstand. Manche Filme sind eine Reise, dieser Film ist ein Tableau.

Der Film beginnt im Vorfrühling. Man kann die klare Luft förmlich riechen, den Duft der Cafés, die Glücksversprechen der Ewigen Stadt. Nur die Bewohner der drei Stockwerke können es nicht. Sie alle sind unglücklich: das Richterpaar, weil es mit der Rebellion seines Sohnes ringt, die junge Mutter, weil ihr Mann nicht da ist, die Berufstätigen im Parterre, weil ihnen die Zeit für ihre Tochter fehlt. Als dann der Alte von gegenüber mit dem Mädchen verschwindet und die beiden erst nach Stunden in einem Park gefunden werden, gerät das Haus aus der Balance. Francescas Vater bedroht und würgt den Greis im Krankenhaus, dann schläft er mit dessen minderjähriger Nichte, die aus Paris angereist ist, es kommt zur Anzeige und zum Prozess. Der Sohn jenes Richters, den Moretti selbst spielt, schlägt seinen Vater zusammen, bevor er wegen fahrlässiger Tötung ins Gefängnis geht. Der Ehemann der jungen Mutter prügelt sich mit seinem Bruder. Und plötzlich, mit einem Schnitt, sind fünf Jahre vergangen.

Wie lässt sich „Meisterschaft“ bestimmen?

Man fragt sich manchmal, wie sich das, was im Kino „Meisterschaft“ heißt, eigentlich genau bestimmen lässt. Die ehrliche Antwort lautet, dass man das nicht fassen kann. Die Beherrschung der filmischen Mittel allein ist es nicht, der Stil ebenso wenig. Ein Erzählrhythmus, der im einen Fall perfekt ist, kann in einem anderen fehl am Platz sein. Am ehesten kommt man dem Phänomen des Meisterlichen womöglich nahe, wenn man es als eine Form des Schauens bezeichnet. Das betrifft den Blick auf Menschen ebenso wie den auf Gegenstände und Geschichten, das einzelne Bild ebenso wie den Film im Ganzen. Bei Nanni Moretti zeigt es sich in der Art, wie er einzelne Dinge hervorhebt und andere weglässt, etwa die Verurteilung des jugendlichen Fahrers oder die Wiederversöhnung des Paars aus dem Parterre nach der Entdeckung des sexuellen Übergriffs. Man hat an den Blicken der beiden gesehen, dass sie zusammenbleiben werden, und die Strafe für den Jungen ergibt sich aus dem Tod seines Opfers. Dafür wendet der Film viel Geduld auf, um das Gesicht der Richterin Dora zu lesen, die zuerst ihren Sohn an die Justiz und dann, nach einem weiteren Zeitsprung, ihren Mann an den Tod verliert. Margherita Buy, die sie spielt, ist in Italien so berühmt wie hierzulande Senta Berger, nur dass sie anders als ihr deutsches Pendant ihre vierzigjährige Karriere fast nur mit Kinofilmen bestritten hat. Das sieht man: Buys Präsenz, zurückgenommen und ergreifend zugleich, ist eine der großen schauspielerischen Erfahrungen dieses Festivals.

Was Nanni Moretti gelungen ist, hat Sean Penn verpasst. Penns „Flag Day“, der wie „Tre piani“ im Wettbewerb läuft, folgt dem Lebensweg eines prototypischen amerikanischen Verlierers (den der Regisseur verkörpert) durch den Blick seiner Tochter (die von Penns Tochter Dylan gespielt wird). Auch hier gibt es Zeitsprünge, Trennungen, Wiederbegegnungen, das Aufwachsen der einen und das Altern der anderen, aber die Geschichte bekommt nie die Dringlichkeit, die sie bei Moretti hat, weil der Film sich ohne erkennbare Leitidee von einer Station zur anderen, von einer Episode zu nächsten hangelt. Dabei ist es sicher nicht hilfreich, dass Penn sich selbst gegenüber eine Nachsicht beweist, die ein Regisseur einem Schauspieler besser nicht entgegenbringt. In „Flag Day“ wirken seine Manierismen verbraucht, aber Penn kann nicht damit aufhören, sie vor der Kamera zu wiederholen, bis sein Film an seiner Selbstgefälligkeit erstickt.

Sean Penn in Cannes
Sean Penn in Cannes Bild: EPA

Der dritte Wettbewerbsbeitrag des Wochenendes ist die Verfilmung einer Erzählung von Haruki Murakami. „Drive My Car“ handelt von einem Theaterregisseur, der nach Hiroshima reist, um Tschechows „Onkel Wanja“ zu inszenieren, und eine Fahrerin zugeteilt bekommt, die ihn von seiner ländlichen Unterkunft in die Stadt und wieder zurückbringt. Auf den Fahrten breitet er vor ihr die Tragödie seines Lebens aus: den plötzlichen Tod seiner Frau, die jahrelange Untreue, die ihm vorausging, und den Tod des gemeinsamen Kindes, der das Paar aus seiner Bahn warf.

Eine einfache Geschichte. Aber das hat Ryusuke Hamaguchi, dem Regisseur von „Drive My Car“, nicht genügt. Er hat Murakamis Story mit zusätzlichen Motiven orchestriert, bis aus der Etüde eine Symphonie wurde. Das Ergebnis wirkt ebenso faszinierend wie ermüdend. Es ist, als wollte Hamaguchi den gesamten Murakami-Kosmos in drei Kinostunden durchqueren: Kunst, Sex, Betrug, Männerfeindschaft, Liebe zur Musik und Sehnsucht nach dem einfachen Leben, das alles wird zu einem dichten Bilderteppich verwoben. Und doch wünscht man sich gelegentlich die Schlichtheit der Vorlage zurück.

Vielleicht liegt das Problem des Films auch nur darin, dass er die Gewichte der Erzählung verschoben hat. Der Nebenbuhler des Theatermachers Kafuku, ein Fernsehstar, der bei Murakami eine Randfigur bleibt, spielt im Film die Hauptrolle in Kafukus „Onkel Wanja“-Inszenierung. Die junge Frau am Steuer des roten Saab 900, in dem der Tokioter Regisseur durch Hiroshima rollt, rückt dadurch in den Hintergrund, die Geschichte verliert ihren fließenden Rhythmus. Erst am Schluss kommt die Fahrerin wieder zu ihrem Recht. Doch da sind bereits zweieinhalb von drei Kinostunden vergangen. Der Kritiker André Bazin, nach dem einer der großen Kinosäle in Cannes benannt ist, hat die Kamera einmal als Schreibwerkzeug des Autorenfilms bezeichnet. Aber so, wie Hamaguchi in „Drive My Car“ mit Murakamis Worten umgeht, kann Bazin es nicht gemeint haben.

Drei Stockwerke voller Schicksale, eine amerikanische Familienfarce und ein Ehedrama aus Japan: Es war das Wochenende der Beziehungsgeschichten. Doch jetzt beginnt die Festivalwoche von Wes Anderson, Kirill Serebrennikow, Jacques Audiard, Bruno Dumont und Apichatpong Weerasethakul. Dann wird sich zeigen, was die Goldene Palme von Cannes in diesem Jahr wert ist.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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