Fluggesellschaft

Air Berlin insolvent – Lufthansa interessiert

15.08.2017
, 15:26
© dpa, reuters
Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin ist zahlungsunfähig. Der Flugbetrieb werde fortgeführt, teilte das Unternehmen mit. Der Staat hilft. Gespräche über die Zukunft laufen schon.

Die Fluggesellschaft Air Berlin ist insolvent. Nachdem der Hauptaktionär Etihad erklärt habe, keine weitere finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen, sei man „zu dem Ergebnis gekommen, dass für die Air Berlin PLC keine positive Fortbestehensprognose mehr besteht“, hieß es in einer Pflichtmitteilung des Unternehmens. Vor diesem Hintergrund habe man beim zuständigen Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt, ließ Air Berlin wissen.

Bei dieser Variante des Insolvenzverfahrens würde das Management des Unternehmens weiter die Geschäfte führen. Offenbar gibt es auch schon ein Ziel, wie es längerfristig weitergeht. „Es werden Verhandlungen mit Lufthansa und weiteren Beteiligten zur Veräußerung von Betriebsteilen geführt“, teilte Air Berlin mit. Von Seiten der Lufthansa hieß es bestätigend, man befinde sich „in Verhandlungen über den Erwerb von Teilen der Air-Berlin-Gruppe“.

Die Bundesregierung unterstützt Air Berlin zudem mit einem Übergangskredit abgesichert durch eine Bundesbürgschaft, um den Flugbetrieb aufrecht zu erhalten. Air Berlin fliegt seit Jahren Defizite ein, im vergangenen Jahr betrug der Verlust 780 Millionen Euro. Die Lage verschärfte sich Ende März mit der Umstellung auf den Sommerflugplan. Flugausfälle und Verspätungen häuften sich danach.

Air Berlin insolvent
Bund sichert Flugbetrieb mit Kredit
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Der Insolvenzantrag hatte sich offenbar schon in der vergangenen Woche abgezeichnet. Aus Unternehmenskreisen hieß es, der arabische Partner Etihad habe am Mittwoch eine vereinbarte Kredittranche in Höhe von 50 Millionen Euro nicht überwiesen. Am Freitagabend habe Etihad dann mitgeteilt, Air Berlin künftig nicht mehr zu unterstützen. Die 50 Millionen Euro wären Teil eines Darlehens über 350 Millionen Euro gewesen, den der Großaktionär Etihad Air Berlin Ende April zugesagt hatte.

Tickets bleiben gültig

Bundeswirtschaftsministerin Zypries zeigte sich zuversichtlich, dass Air Berlin den Übergangskredit des Bundes zurückzahlen kann. Dies sollte aus dem Erlös der Start- und Landerechte (Slots) möglich sein, sagte Zypries am Dienstag auf einer Pressekonferenz. Die Bundesregierung schießt der Airline in der Urlaubszeit 150 Millionen Euro zu. Zypries geht davon aus, dass damit der Flugbetrieb für drei Monate gesichert ist.

Nach den Worten von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) kann der Flugbetrieb bis Ende November aufrecht erhalten werden. "Air Berlin hat Eigenmittel, nach wie vor, und in Kombination der verfügbaren Mittel und dem Kredit des Bundes gehen wir davon aus, dass der Flugverkehr bis Ende November gesichert ist", sagte Dobrindt am Dienstag in Berlin. Kartellrechtliche Bedenken sehe er derzeit nicht, weil es nur um den Verkauf von Unternehmensteilen der Fluglinie gehe und nicht um eine Komplettübernahme. Neben der Lufthansa gebe es weitere Airlines, mit denen Air Berlin in Verhandlungen stehe. Kartellfragen müssten im Laufe des Verfahrens aber noch genauer geprüft werden.

Bild: dpa

Der Überbrückungskredit für Air Berlin sei in Brüssel bei der EU angemeldet worden, sagte Dobrindt weiter. Die offizielle Genehmigung brauche aber einige Tage. Dobrindt verwies darauf, dass die insolvente Fluggesellschaft täglich 80.000 Passagiere transportiere. Die Genehmigung für den Flugbetrieb sei weiter gültig.

Nach Angaben des Unternehmens bleiben alle gebuchten Tickets gültig. Auch die Flugpläne würden nicht geändert, hieß es am Dienstagnachmittag auf der Internet-Seite von Air Berlin. Alle Flüge von Air Berlin und ihrer Tochtergesellschaft Niki fänden wie geplant statt. Zudem seien auch alle vorgesehenen Flüge weiterhin buchbar, teilte die Fluggesellschaft mit.

Erfahrener Insolvenzverwalter übernimmt

Etihad äußerte sich am Dienstag enttäuscht über das Ende von Air Berlin: „Für alle Beteiligten, vor allem da Etihad in den vergangenen sechs Jahren weitreichende finanzielle Unterstützung für Air Berlin während früherer Liquiditätskrisen und für deren Sanierungsbemühungen gewährt hat." Erst im April habe Etihad weitere 250 Millionen Euro zugeschossen. "Doch das Geschäft von Air Berlin hat sich in einer beispiellosen Geschwindigkeit verschlechtert." Als Minderheitsaktionär könne Etihad kein weiteres Geld zuschießen und das eigene Risiko erhöhen. Die Fluggesellschaft war 2011 bei Air Berlin eingestiegen und hält knapp 30 Prozent an der Airline.

Die neue Lage hat die börsennotierte Air Berlin nach Darstellung aus unternehmensnahen Kreisen nicht sofort per Ad-hoc-Mitteilung melden müssen, weil sie sich damit selbst geschadet hätte. Ohne weitere Gespräche etwa über einen Brückenkredit der Bundesregierung hätte das die sofortige Einstellung des Flugbetriebs bedeutet.

Der Jurist Lucas Flöther übernimmt nach eigenen Angaben als vorläufiger Sachwalter bei der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin. Der erfahrene Insolvenzverwalter aus Halle werde ab sofort die Interessen der Gläubiger vertreten, sagte sein Sprecher. Flöther wurde am Dienstag vom Amtsgericht Berlin-Charlottenburg bestellt. Er hatte zuletzt unter anderem den insolventen Fahrradhersteller Mifa aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt gerettet und bei der Pleite des Internetriesen Unister in Leipzig übernommen.

Seit 2013 im Sinkflug

Der Abstieg begann indes sichtbar schon im Jahr 2013, nachdem der Umsatz 2012 mit 4,3 Milliarden Euro seinen höchsten Stand erreicht hatte, und das Unternehmen mit knapp 7 Millionen Euro einen kleinen Reingewinn auswies – den ersten und einzigen nach 2007. Doch schon damals war die Eigenkapitaldecke auf winzige 6 Prozent des Vermögens geschrumpft.

Danach aber ging Air Berlin in den finanziellen Sinkflug über: 2013 überstiegen die Schulden erstmals das Eigenkapital, 2016 schließlich um mehr als das Doppelte. Gleichzeitig schrumpfte der Umsatz, der 2016 mit 3,8 Milliarden Euro unter das Niveau von 2010 fiel.

Dass es in dieser Zeit dennoch gelang, etwa 2014 Anleihen im Volumen von 270 Millionen Euro zu verkaufen, lag daran, dass die Anleger darauf spekulierten, der Großaktionär Etihad werde die Gesellschaft nicht fallen lassen. Mit 5,625 bzw. 6,75 Prozent waren die Zinsen zuletzt sogar noch verhältnismäßig niedrig gewesen: 2011 hatte Air Berlin schon einmal 11 Prozent bezahlen müssen. Lange griff der Großaktionär Air Berlin unter die Arme, indem er Anleihen im großen Stil erwarb.

Der Handel in der Aktie wurde am Dienstagmittag ausgesetzt. Zuletzt wurden für diese noch 76 Cents bezahlt. 2007 hatte sie mehr als 20 Euro gekostet.

Die Gewerkschaften hoffen nun, möglichst viele Arbeitsplätze erhalten zu können. Die Nachricht der Insolvenz von Deutschlands zweitgrößter Fluglinie sei ein Schock für die Mitarbeiter, erklärte die Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). Doch der Luftverkehr in Deutschland wachse. „Damit sind alle Voraussetzungen gegeben, diese deutschen Arbeitsplätze zu erhalten", gab sich VC-Präsident Ilja Schulz zuversichtlich.

Mehr als 8.000 Mitarbeiter betroffen

Skeptischer äußerte sich Verdi-Bundesvorstand Christine Behle: „Wir haben große Sorge um die Arbeitsplätze der Beschäftigten.“ Deren Sicherung müsse oberste Priorität haben. Air Berlin müsse „mit Hochdruck daran arbeiten, tragfähige und gute Konzepte zu entwickeln, um möglichst viele Arbeitsplätze zu retten.“ Anfang des Jahres zählte Air Berlin rund 8600 Mitarbeiter.

Das Land Berlin prüft Hilfsmöglichkeiten für die Mitarbeiter. „Ich gehe davon aus, dass zumindest ein Teil der Arbeitsplätze in Gefahr ist“, sagte Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Dienstag. „Wir müssen als Senat rasch zu einer Verständigung darüber kommen, wie wir die betroffenen Kolleginnen und Kollegen unterstützen können.“ Der Senat werde dazu auch das Gespräch mit der Unternehmensführung sowie den Gewerkschaften suchen. Noch sei es aber zu früh für konkrete Festlegungen.

Quelle: FAZ.NET
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