Aktienmarkt-Analyse

Auf die Rally an der Börse in Island folgt der Kurseinbruch

03.11.2004
, 13:02
Ein strammes Wirtschaftswachstum hat der Börse in Island in diesem Jahr zunächst ein fulminantes Kursplus beschert. Doch neuerdings geht es rasant in die andere Richtung. Und die Bewertung ist trotzdem noch immer hoch.
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Der isländische Aktienmarkt hatte in diesem Jahr mit einer fulminanten Kursrally überrascht, die ihm die beste Performance in Westeuropa beschert hat. Jetzt folgte ein jäher Absturz: In der längsten Verlustserie seit 1996 hat der Index der Börse Reykjavik innerhalb von zehn Tagen 16 Prozent abgegeben.

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"Es gibt einige Panikverkäufe", sagt Agla Hendriksdottir, Fondsmanagerin bei Islandsbanki hf in Reykjavik. "Die Anleger sind erschrocken. Sie denken, daß die Kurse zu stark gestiegen sind." Vor dem Einsetzen der Verlustserie hatte der ICEX 15 seit Jahresbeginn 87 Prozent zugelegt.

Zu den größten Verlierern gehören Kaupthing Bunadarbanki hf und Landsbanki Islands hf, die beiden größten Banken des Landes, sowie der Nahrungsmittelhersteller Bakkavör Group hf. Die Kaupthing-Aktie ging auf Talfahrt, nachdem die Bank eine Kapitalerhöhung über 52,8 Milliarden isländische Kronen (602 Millionen Euro) durchgeführt hatte, um die Expansion zu finanzieren.

Stramme Wachstumsraten, aber hohes Bewertungsniveau

Auch nach den Kursverlusten der letzten Tage werden die Aktien im ICEX 15 Index immer noch zum 24fachen des Gewinns gehandelt. Das ist das dritthöchste Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in Westeuropa, zeigen Bloomberg-Daten. Nur in Irland und Luxemburg sind Aktien teurer. "Es ist offensichtlich, daß die Kurse ziemlich hoch sind", kommentiert Edda Ros Karlsdottir, Analystin bei Landsbanki.

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Westeuropas kleinster Aktienmarkt besteht seit 1990, heißt es auf der Website der Börse Reykjavik. Derzeit sind nach Informationen der Federation of European Securities Exchanges 40 Unternehmen in Island gelistet. Für dieses Jahr liegt der ICEX 15 immer noch 52 Prozent im Plus und verzeichnet damit den größten Anstieg unter den westeuropäischen Börsenbarometern.

Das Land mit rund 280.000 Einwohnern profitiert von einem kräftigen Wirtschaftswachstum. Im zweiten Quartal glänzte Island mit einer jährlichen Wachstumsrate von 6,4 Prozent. Zum Vergleich: in der Eurozone legte das Bruttoinlandsprodukt im selben Zeitraum zwei Prozent zu.

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Schwergewicht Kaupthing bestimmt den Trend entscheidend mit

Für weiteren Rückenwind sorgten die Expansionsbestrebungen isländischer Unternehmen im Ausland. Kaupthing berichtete am 28. Oktober, daß sich der Gewinn im dritten Quartal mehr als verdoppelt hat, nachdem sie die dänische Bank FIH A/S erwarb. Kaupthing hat außerdem Gesellschaften in Schweden, Norwegen und Finnland aufgekauft und sich an der britischen Investmentbank Singer & Friedlander Group Plc beteiligt.

Mit einem Anteil von 30 Prozent ist Kaupthing die größte Aktie im ICEX 15. Seit dem 20. Oktober, dem Beginn der Verlustserie, hat die Aktie 17 Prozent ihres Wertes eingebüßt, trotzdem ist der Kurs immer noch fast doppelt so hoch wie Anfang des Jahres.

Teilweise rasante Gewinnsteigerungen

Bakkavör ist im Mai mit zehn Prozent bei dem britischen Salatlieferanten Geest Plc eingestiegen, zu dessen Kunden auch die Hamburger-Kette McDonald's Corp. gehört. Vergangene Woche gab Bakkavör bekannt, daß der Gewinn im dritten Quartal um 66 Prozent geklettert ist. Bei dem Kurseinbruch haben die Bakkavör-Aktien 21 Prozent verloren, für das Jahr liegen sie noch 21 Prozent im Plus.

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Fast doppelt so hoch wie zu Jahresbeginn ist der Kurs von Landsbanki, obwohl er in den vergangenen zehn Handelstagen 24 Prozent abgesackt ist. Vergangene Woche teilte die Bank mit Hauptsitz in Reykjavik mit, daß sich der Gewinn im dritten Quartal mehr als vervierfacht hat auf 5,7 Milliarden Kronen. Islandsbanki hat in der ersten Jahreshälfte den Gewinn auf 6,83 Milliarden Kronen annähernd verdoppelt. Obwohl der Kurs in den letzten Tagen 14 Prozent eingebrochen ist, hat die Aktie seit Jahresbeginn 56 Prozent zugelegt.

SIF hf, ein Fischverarbeitungsunternehmen, kündigte im Oktober eine Kapitalerhöhung an, um eine Akquisition zu finanzieren. SIF will die französische Labeyrie Group für 332,3 Millionen Euro einschließlich übernommener Schulden, kaufen, um in Europa zu expandieren. "Wir hatten einige Aktienplatzierungen, die den Markt ausgetrocknet haben", konstatiert Atli Gudmundsson, Analyst bei Islandsbanki.

Gesamte Marktkapitalisierung geringer als die von Swiss Re

Das vergleichsweise geringe Volumen des isländischen Aktienmarktes führt dazu, daß die Performance des ICEX 15 auch in den nächsten beiden Monaten volatil bleiben dürfte, erwartet Analystin Karlsdottir. Auf dem Höhepunkt kam der Aktienmarkt auf ein Volumen von 17 Milliarden Dollar, zeigen Bloomberg- Daten.

Damit liegt seine Marktkapitalisierung noch unter der von Swiss Re., dem nach Gewichtung kleinsten Unternehmen im europäischen Benchmarkindex Stoxx 50. Inzwischen ist die Marktkapitalisierung des ICEX 15 auf 14,7 Milliarden Dollar gesunken. "Bis zum Jahresende könnten wir noch einige Kursausschläge beobachten", sagt Karlsdottir.

Quelle: Bloomberg
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