Branchen-Analyse

Öl-Nachfrage zieht wieder an - zum Vorteil von Öl-Aktien

Von Joseph Radigan, Standard&Poor's
28.10.2005
, 11:28
Energiewerte sind durch die Hurrikanschäden und die damit verbundenen Sorgen und das wirtschaftliche Wachstum etwas ins Stolpern geraten. Nach Einschätzung von S&P dürfte eine kräftige Erholung aber nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Die Aktienwerte der größten amerikanischen Ölgesellschaften haben ihr bisheriges Kurshoch des Jahres gegen Ende September erreicht. Danach sind die Kurse nur noch gefallen. Die meisten großen Öltitel haben 14 Prozent oder mehr an Wert verloren. Vornehmlicher Grund für den starken Kursfall war die allgemeine Besorgnis über eine Abschwächung des wirtschaftlichen Wachstums und der Energienachfrage. Dieser Trend dürfte sich jedoch sehr bald umkehren, erklärt Tina Vital, die für Standard & Poor's Equity Research diversifizierte Öl- und Raffineriegesellschaften beobachtet. Daher stellt der derzeitige Kursrückgang in ihren Augen vor allem eine optimale Kaufgelegenheit dar.

Obwohl an der amerikanischen Golfküste die durch die Hurrikane Katrina und Rita verursachten Förderungs- und Raffinerieausfälle weiter anhalten, erwartet Tina Vital, daß hohe Ölpreise und kräftige Raffineriemargen die Hurrikan-Verluste des dritten Quartals mehr als ausgleichen werden. In den Medien ist das Thema bevorstehender Rückgang der Wirtschaftsaktivitäten und der Ölnachfrage ziemlich aufgebauscht worden. Die S&P-Analystin ist hingegen der Ansicht, daß die Golfstürme letztlich nur wenig Einfluß auf das globale wirtschaftliche Wachstum genommen haben. Außerdem sieht Vital eine weiterhin kräftige Ölnachfrage.

Rekordniveau für Raffineriemargen

Auf Basis von Global-Insight-Daten prognostiziert sie ein Anziehen der Ölnachfrage bis ins vierte Quartal des laufenden Jahres und sogar in das kommende Jahr hinein. Global Insight erwartet zudem, daß die weltweite Nachfrage nach Öl 2006 um 2,11 Prozent auf 85,16 Millionen Faß Öl pro Tag wächst. Zum Vergleich: Für 2005 beträgt die geschätzte Zunahme der Ölnachfrage 1,54 Prozent. Daraus schlußfolgert S&P, daß die Öl- und Gaspreise den Winter über stabil bleiben werden. Nach Ansicht von Vital dürften daher die großen Ölgesellschaften sowohl im dritten als auch im vierten Quartal 2005 substantielle Gewinnsteigerungen vermelden können.

Hinzu kommet, daß weltweit die Raffineriemargen nach den Hurrikans Katrina und Rita auf Rekordhöhe geklettert sind, erklärt Tina Vital weiter. In den vergangenen drei Jahren haben die Raffineriemargen in den Vereinigten Staaten im Durchschnitt über sechs Dollar je Faß betragen. Kurz nachdem Katrina und dann Rita die Golfküste verwüstet haben, schossen die amerikanischen Raffineriemargen auf über 30 Dollar je Faß. Auch in Nordeuropa und Asien folgten die Margen diesem Trend.

Bei Benzin erhöhten sich die Spreads im New York Harbor auf mehr als 33 Dollar je Faß und an der Golfküste auf fast 55 Dollar je Faß. Gleichzeitig schnellten die Golf-Spreads für Destillate (Heizöl, Diesel und Düsenkraftstoff) auf knapp 70 Dollar je Faß. Während schmalere Benzin-Spreads die amerikanischen Raffineriemargen zurück auf knapp 18 Dollar je Faß (Stand: Mitte Oktober) gedrückt haben, weist Vital darauf hin, daß dieser Wert immer noch dem Dreifachen der Durchschnittswerte der vergangenen Jahre entspricht. Auch bei den Destillaten fallen die Spreads nach wie vor sehr hoch aus.

Immer noch einige Produktionsausfälle

„Wir rechnen damit, daß die globalen Preise für Öl und die amerikanischen Preise für Gas den ganzen Winter hindurch kräftig bleiben werden. Die amerikanischen Raffineriemargen werden auch im vierten Quartal im zweistelligen Bereich liegen“, faßt Vital zusammen.

Dennoch ist für die großen Ölgesellschaften nicht alles so rosig. Die Produktions- und Raffinerieausfälle an der amerikanischen Golfküste halten weiter an. Nach dem Hurrikan Katrina sind die Handelsspannen in den Vereinigten Staaten ins Minus gerutscht. Auch die Gewinne durch die Herstellung von Chemikalien dürften im Vorjahresvergleich und in Relation zum zweiten Quartal gefallen sein, was die hohen Energie- und Versorgungskosten widerspiegelt.

Am 27. Oktober 2005 veröffentlichte ExxonMobil seine Gewinne des dritten Quartals. Tina Vital rechnete mit einem Anstieg der operativen Gewinne je Aktie um 57 Prozent auf 1,51 Dollar. Wenn Chevron einen Tag später seine Ergebnisse publiziert, erwartete sie eine Zunahme der operativen Gewinne je Aktie um 49 Prozent auf 2,09 Dollar. Für ConocoPhillips ging Vital am 26. Oktober von einer Erhöhung der operativen Gewinne um 73 Prozent auf 2,52 je Aktie aus. Und für Total SA liegt ihre Erwartung für die Veröffentlichung der operativen Quartalsgewinne am 4. November sogar bei einer Steigerung um 108 Prozent auf 4,92 je ADR (American Depositary Receipts).

Kurzfristige Störung

Bei den reinen Raffinerien erwartet die Analystin sowohl für die größte amerikanische Gesellschaft Valero Energy als auch für Sunoco eine Steigerung der operativen Gewinne um das Dreifache. Valero dürfte laut Vital am 31. Oktober operative Gewinne in Höhe von 5,07 Dollar je Aktie und Sunoco am 3. November von 2,97 Dollar je Aktie vermelden.

„Im Grunde genommen werden die Wirbelstürme lediglich als kurzfristige Störimpulse betrachtet“, so ihre Beobachtung. „Vor den Hurrikans verspürte die Weltwirtschaft ein deutliches Momentum und sie ist auch danach wieder stabil.“ Nach Prognosen von S&P wird das globale reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2007 bei stabilen 3,2 Prozent liegen. Das Wachstum des amerikanischen realen BIP dürfte 2005 durchschnittlich 3,5 Prozent und 2006 3,2 Prozent betragen. Darin eingerechnet ist ein Verlust des amerikanischen realen BIP von 70 Basispunkten in der zweiten Jahreshälfte 2005. Der gleiche Wert dürfte aber 2006 durch den Wiederaufbau wieder dazukommen, lautet die weitere Einschätzung von S&P. Die Hurrikans haben auf der Angebotsseite einen Energieschock bewirkt, dicht gefolgt von einem weiteren Schock auf der Nachfrageseite - was die Öl- und Gaspreise in die Höhe schnellen läßt.

In Anbetracht des weltweit bestehenden Mangels an Kapazitätsreserven für die Ölproduktion geht Tina Vital von S&P davon aus, daß die Ölmärkte für einen gewissen Zeitraum recht angespannt bleiben werden. Vor den Hurrikans ist der Preis für West Texas Intermediate Rohöl (WTI) auf über 60 Dollar je Faß gestiegen und damit den S&P-Prognosen davongezogen. Abgesehen von einem kurzzeitigen Ausflug auf über 70 Dollar in der Folge von Katrina, haben sich die Rohölpreise aber etwas entspannt und liegen nun bei rund 61 Dollar. „Nachdem die Preise für WTI seit Ende August um zehn Dollar gefallen sind, erwarten wir keinen weiteren Preisrückgang. Sie befinden sich außerdem wieder auf einer Linie mit unseren vor dem Eintreffen der Hurrikans aufgestellten Prognosen“, ergänzt Vital.

Ölgesellschaften profitieren weiterhin

Global Insight und Standard & Poor's prognostizieren, daß die WTI-Preise von 63 Dollar je Faß zum Ende des laufenden Jahres bis Ende 2006 auf 54 Dollar je Faß fallen werden. S&P rechnet des Weiteren damit, daß sie bis 2008 bei über 45 Dollar liegen werden, was im historischen Vergleich immer noch hoch ist.

Da sich die Verluste bei der Gasproduktion an der amerikanischen Golfküste summieren, ist S&P der Ansicht, daß die prognostizierte Zielgröße von 0,09 Billionen Kubikmeter Gasreserven zum Ende des Monats nicht erreicht werden können. Für den U.S. Henry Hub Bid Week (Mischung aus aktuellem Kurs und Kontrakten) erwartet S&P daher, daß während des kommenden Winters die Preise in der Nähe von 13 Dollar je einer Million BTU (British Thermal Unit) verbleiben. 2005 dürfte der Durchschnittspreis laut S&P-Schätzung bei 8,61 Dollar und 2006 bei 9,56 Dollar liegen.

Tina Vital resümiert, daß die großen Ölgesellschaften auch weiterhin von einer stark wachsenden weltweiten Ölnachfrage und angespannten Energiemärkten profitieren dürften.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: Bearbeitung: @thwi
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