Corporate Raider

Mehr "Raider" braucht das Land

EIN KOMMENTAR Von Christof Leisinger
21.06.2002
, 18:35
Übernahmespezialisten sind als Finanzhaie verschrieen. Dabei könnte man froh sein, wenn sich ihre Dynamik auch auf anderen Gebieten zeigen würde. Kommentar.

Was ist das Gemeinsame von Hedge Fonds, Short Sellern, Übernahmehaien, Firmenjägern oder sonstigen der oft gescholtenen Spekulanten? Ihr Image. Das ist gemeinhin schlecht.

Sie erzielten horrende Gewinne und schädigten die Allgemeinheit mit ihrem Tun, lautet der gängige Vorwurf. Anders als die „guten Menschen“, die mit solider Arbeit Güter produzieren oder Dienstleistungen verrichten, schaffen die "Zocker" in den Augen vieler Zeitgenossen keinen Wert. Bestenfalls werden sie noch als gut situierte Spieler betrachtet, die ihre Geschäfte in den edlen Büros ihrer Glaspaläste betreiben und von den Augenblicken leben, in denen ihnen das Glück hold ist.

Finanzleute werden dämonisiert ...

Oft werden sie gar als Feind des normal lebenden Menschen dargestellt. Sie schreckten in ihrer Profitgier nicht vor der Manipulation der Märkte zurück, lautet ein gängige Meinung. Anleihenhändler trieben die Zinsen nach oben und verteuerten so die Kredite für die produzierende Wirtschaft. Oder Short Seller trieben die Kurse „unschuldiger“ Unternehmen einfach so und grundlos in den Keller und vernichteten den zuvor auch bei den Aktionären im Depot aufgelaufenen Marktwert.

Die Aktienmärkte an sich seien schon irrational und unsozial genug, indem sie Unternehmen mit Kursgewinnen „belohnen“, die Mitarbeiter entlassen, um maximale Profite zu erzielen. Auch die Manager großer Investmentfonds überschütteten die aufstrebenden asiatischen und lateinamerikanischen Länder erst mit Kapital, um es dann beim leisesten Hauch von Schwierigkeiten wieder plötzlich und auf einen Schlag abzuziehen. Selbst Regierungen scheinen gegenüber diesen Großspekulanten machtlos zu sein. Soweit die gängigen und gerade von linkslastigen Politikern gerne genutzten Klischees.

... dabei hantieren sie nur mit den ökonomischen Grundregeln

Nicht selten dürfte die Wurzel einer solchen Weltanschauung darin liegen, dass geglaubt wird, die Finanzmärkte unterlägen eigenen Regeln und hätten mit dem Rest der Welt nichts zu tun. Aber das ist eine Illusion. Denn sie dienen der Finanzierung sämtlicher wirtschaftlicher Aktivitäten. Sei es von Unternehmen über die Börse oder gar staatlicher Aktivitäten in Form von Staatsanleihen über den Kapitalmarkt.

Grundlage für die Funktionalität sind grundlegende ökonomische Prinzipien: Es kann nicht mehr ausgegeben werden, als eingenommen wird, oder: Die Kosten müssen niedriger sein als der Umsatz, um einen Gewinn erzielen zu können. Nur wenn diese - und ähnliche - Grundregeln beachtet werden, steht die Familienkasse, ein Unternehmen oder auch ein Staat wirklich auch nachhaltig auf fundierten Beinen.

Nicht selten ist es jedoch so, dass genau diese ökonomischen Grundprinzipien auf Grund von politischen oder persönlichen Interessen missachtet werden, manchmal sogar unbewusst oder in einem schleichenden Prozess. Das führt dann zu Ineffizienzen, sei es einer Über- oder einer Unterbewertung von Aktien oder zu einer Begünstigung oder Benachteiligung von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen in einem Staatswesen. Gute Beispiele dürften dafür die Kranken- und Rentenversicherungssysteme in vielen Staaten sein, die nicht nur fehlgesteuert sind, sondern auch unsolide finanziert.

Früher oder später - bei Staatswesen kann es manchmal Jahrzehnte dauern - brechen solcherlei Unsoliditäten zusammen. Die marode DDR und Argentinien lassen grüßen. Solche Probleme auf politischem Wege lösen zu wollen, erscheint beinahe unmöglich. Denn die betroffenen Interessengruppen wehren sich, da ihnen populistische Politiker die Wahrheit vorenthalten.

Dem Staat täten mehr solche Aktivitäten gut

Ganz anders dagegen in der freien Wirtschaft. Dort haben sich Experten darauf spezialisiert, genau solche Fälle zu lösen. Übernahmespezialisten kaufen beispielsweise unterbewertete Firmen und sorgen mit ihrem Know How dafür, dass ihr „richtiger“ Wert am Markt zum Tragen kommt. Davon profitieren über die Wertsteigerung nicht nur sie selbst, sondern auch das Unternehmen, das plötzlich wieder florieren und unter Umständen auch Arbeitsplätze schaffen kann. Oder beispielsweise Short Seller. Sie entlarven mit ihrer Aktivität nicht nur Bilanzbetrüger, sondern sorgen zumindest dafür, dass Anleger nicht mehr an völlig unrealistisch bewertete Unternehmen geraten.

Im Fazit dürften viele der „verschrieenen Figuren“ dem Gemeinwohl nicht nur nicht schaden, sondern sogar nutzen. Gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich könnte man vielleicht sogar froh sein, wenn mehr dynamische Persönlichkeiten Ähnliches vollbringen und wieder mehr Schwung in verkrustete Strukturen bringen würden.

Quelle: @cri
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