Amerika

Die preiswertesten und die teuersten Aktienwerte

Von John Dorfman, Dorfman Investments/Bloomberg News
29.03.2005
, 00:00
Aus reiner Freude und um damit Geld zu verdienen, ermittelt Investor John Dorfman ich einmal im Jahr die drei preisgünstigsten und die drei teuersten Aktien Amerikas. Er weiß: Geringe Erwartungen sind einfacher zu toppen als hohe.
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Aus reiner Freude und natürlich auch ein wenig, um damit Geld zu verdienen, ermittle ich einmal im Jahr die drei preisgünstigsten und die drei teuersten Aktien am amerikanischen Markt. In diesem Jahr sind USG, Calpine und AMR die drei preisgünstigsten Werte. Die drei teuersten sind Lamar Advertising, R.H. Donnelley und Raser Technologies. Die zu Grunde liegenden Berechnungsregeln werde ich im Verlauf des Artikels kurz erläutern.

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Teure Aktienwerte sind beliebt. Denn diese Unternehmen sind in der Regel in einer schnell wachsenden Branche zu finden und verbuchen Rekordgewinne. Schlechte Nachrichten sind eher rar gesät, während gute Neuigkeiten fast jede Woche zu vermelden sind.

Preisgünstige Aktien wachsen einem nicht so leicht ans Herz. Vielleicht streichen sie Verluste ein. Oder die erreichten Gewinne hinken weit hinter einstigen Bestergebnissen hinterher. Die Branchen, denen sie angehören, sind meist ausgereift oder aktuell nicht besonders interessant. Schlechte Nachrichten gehören zum Alltag, während man sich an die letzte positive Meldung kaum noch erinnern kann.

Seltsamerweise haben die preisgünstigen Aktien bessere Chancen, eine gute Performance zu zeigen. Sobald sie die an sie gerichteten Erwartungen übertreffen, steigt ihr Kurs. Und geringe Erwartungen sind sehr viel einfacher zu toppen als hohe.

Ich habe diese Analyse bisher fünf mal durchgeführt: in den Jahren 2000, 2002, 2003, 2004 und 2005, jeweils im März. Darin identifiziere ich jeweils die drei Aktien, die mit dem geringsten Kurs-Gewinn-Verhältnis, dem geringsten Kurs-Buchwert-Verhältnis (Eigenkapital je Aktie) und dem geringsten Kurs-Umsatz-Verhältnis gehandelt werden. Außerdem finde ich die drei Aktien, die jeweils die höchsten dieser Kennzahlen aufweisen.

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Steigerung um 86 Prozent

Seit der Veröffentlichung jeder dieser Kolumnen bis zum 22. März 2005 haben die zwölf extrem preisgünstigen Werte eine durchschnittliche Gesamtrendite von 86 Prozent erbracht. Die zwölf extrem teuren Aktien konnten hingegen nur eine Durchschnittsrendite von 7,1 Prozent aufweisen.

Diese Zahlen basieren auf Durchschnittswerten, die für Zeitabschnitte zwischen einem und fünf Jahren gebildet worden sind. Die wöchentlichen Kurse werden nur in älteren Kolumnen verwendet, die täglichen Kurse in den neuesten. Um geeignet zu sein, muß eine Aktie einen Marktwert von mindestens einer Milliarde Dollar aufweisen. Die Berechnung des Kurs-Gewinn-Verhältnis sollte auf mindestens zehn Cents Gewinn beruhen, die Berechnung des Kurs-Buchwert-Verhältnisses auf mindestens 40 Cents je Aktie.

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Werfen wir nun einen Blick auf die preisgünstigsten und im Anschluß auf die teuersten Aktien der diesjährigen Analyse:

Das Chicagoer Unternehmen USG Corp. stellt Dämmpappe, Innenbeplankungen und andere Baumaterialien her. Mit 4,3 weist die Aktie das geringste Kurs-Gewinn-Verhältnis auf. USG verwendete zwischen 1930 und 1972 Asbest und andere Verbundstoffe für seine Wellpappeprodukte. Heute ist bekannt, daß das Mineral Atemwegserkrankungen und Asbestmesotheliom verursacht, eine sehr seltene und meist tödlich verlaufende Krebserkrankung.

Schadensersatzklagen und hohe Benzinpreise

USG sieht sich mit mehr als 100.000 ausstehenden Asbest-Klagen konfrontiert. Im Juni 2001 erklärte das Unternehmen Insolvenz nach Chapter 11, um nicht völlig von Schadensersatzklagen überrollt zu werden. Nun steigt und fällt der Aktienkurs je nach den veröffentlichten Meldungen darüber, was der amerikanische Kongreß unternehmen wird, um die Asbest-Fälle von den überlasteten Gerichten fernzuhalten.

Wegen den preiswerten Bewertungen von USG und weil ich überzeugt bin, daß der Kongress ein Gesetzt verabschieden wird, um die Asbest-Opfer ohne Gerichtsverhandlung zu entschädigen, halte ich sowohl in meinem persönlichen Portfolio als auch für meine Klienten USG-Aktien.

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Der nächste Wert ist Calpine. Das Unternehmen mit Sitz in San Jose, Kalifornien, betreibt in 21 Staaten Kraftwerke. In diesem Monat kündigte die Unternehmensleitung eine Verzögerung ihres Jahresberichts an. Begründet wurde dies mit einem Fehler im Rechnungswesen. Außerdem wurde bekannt gegeben, daß die Unternehmensmanager für das Geschäftsjahr 2004 keine Boni erhalten werden. Ausgehend von seinem Höchststand bei 56,99 Dollar vor vier Jahren ist der Aktienkurs mittlerweile auf 2,99 Dollar gefallen.

Damit verzeichnet die Calpine-Aktie ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von nur noch 0,34 - wenn das nicht preiswert ist. Ich empfehle die Aktie dennoch nicht zum Kauf, da Calpine einen Schuldenberg aufweist, der fast dem Vierfachen des Eigenkapitals entspricht. Außerdem mußte das Unternehmen in sieben der vergangenen acht Quartale einen Verlust ausweisen.

Die AMR Corp. mit Unternehmenssitz im texanischen Fort Worth ist die Muttergesellschaft von American Airlines, der weltweit größten Fluggesellschaft. Die AMR-Aktie wird derzeit mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von gerade einmal 0,9 gehandelt - das ist wohl die niedrigste Kennzahl überhaupt.

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Allgemein verhaßt

Natürlich gibt es dafür auch einen triftigen Grund: AMR ist derzeit alles andere als profitabel. In Anbetracht eines Benzinpreises von 1,65 Dollar pro Gallone dürften in diesem Jahr Spritkosten von mehr als fünf Milliarden Dollar auflaufen. Auch die Flugzeuge und das Personal sind teuer, während sich die Fluggesellschaft gleichzeitig durch aufstrebende kleinere Unternehmen mit einem harten Preiskampf konfrontiert sieht.

Im vergangenen Jahr verbuchte American Airlines mit einem Verlust in Höhe von 761 Millionen Dollar den vierten Jahresverlust in Folge. Der Umsatz lag bei 18,6 Milliarden Dollar. Das Eigenkapital ist negativ, die langfristige Verschuldung der Airline entspricht 13,5 Milliarden Dollar.

Da Airline-Aktien derzeit allgemein dermaßen verhaßt sind, denke ich, daß einige für eine gute Spekulation bestens geeignet sind. Meine Firma ist in den vergangenen zwölf Monaten bei Airline-Werten sowohl long als auch short gegangen. Wir halten aber derzeit keine AMR-Position.

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Betrachten wir nun die beliebten und dementsprechend teuren Aktien:

Lamar Advertising mit Unternehmenssitz in Baton Rouge, Louisiana, ist der drittgrößte amerikanische Hersteller und Betreiber von Werbetafeln. Die Lamar-Aktie wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 274 (basierend auf den Gewinnen der vergangenen vier Quartalen) gehandelt. Im vergangenen Jahr konnte nach sechs Verlustjahren ein Unternehmensgewinn in Höhe von 13 Millionen Dollar verbucht werden. Die meisten Analysten mögen das Unternehmen, aber ich habe die Aktie short verkauft, da ich einen Kursrückgang erwarte.

Die “Gelben Seiten“

R.H. Donnelley mit Sitz in Cary, North Carolina, druckt und vertreibt die „Gelben Seiten“. Die Aktie wird mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 101 gehandelt. Die Verschuldung des Unternehmens beträgt etwa das 173-fache des Eigenkapitals. Wenn Sie diesen Artikel lesen, werde ich diese Aktie höchstwahrscheinlich ebenfalls geshorted haben.

Vor einigen Wochen habe ich bereits über Raser Technologies geschrieben, daß die Aktie in meinen Augen mit einem Kurs von 20,75 Dollar überteuert ist. Seither ist der Kurs sogar auf 23,20 Dollar gestiegen. Dies entspricht dem 38.000fachen des Unternehmensumsatzes je Aktie. Offensichtlich gefällt den Aktionären die Symetron-Elektromotortechnologie, die Raser Technologies kürzlich hat patentieren lassen. Das Unternehmen ist schuldenfrei, was natürlich sehr schön ist, und sollte nun Umsatz generieren. Die Aktie ist am OTC Bulletin Board notiert und soweit ich weiß, wird sie von keinem Analysten beobachtet. Ich denke, die Raser-Aktie verdankt ihren Auftrieb Internetchats und Meldungen auf elektronischen Pinnwänden, was sehr riskant ist, daher würde ich sie unbedingt meiden.

Quelle: Bearbeitung: @thwi
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