50 Jahre F.A.Z-Index

„Der Markt ist als Kontrolleur unverzichtbar“

Von Daniel Mohr
22.09.2011
, 19:59
Warnt vor Eurobonds:Otmar Issing
Eurobonds konservieren nicht konkurrenzfähige Wirtschaftsstrukturen. Das sagt Otmar Issing, ehemaliger Chefvolkswirt der EZB, auf einer Feierstunde zum 50. Geburtstag des F.A.Z.-Index.
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Die Definition, was einen guten Europäer ausmacht, ist selten so umstritten gewesen wie derzeit. Dass Holger Steltzner, Herausgeber dieser Zeitung, ihn als einen Europäer angekündigt hat, freute Otmar Issing deshalb am Donnerstag besonders. „Wer die aktuelle Politik kritisiert, wird nur allzu leicht als Anti-Europäer dargestellt“, sagte Issing in seiner Festrede zum 50. Geburtstag des F.A.Z.-Index in der Alten Börse in Frankfurt. „Für mich ist aber nicht derjenige ein guter Europäer, der blind und ohne jedes Bewusstsein für Risiken für mehr Europa plädiert. Das wäre nicht ein Europa der Stabilität und des stabilen Geldes, das wir haben wollen.“

Issing hat die Einführung des Euro an entscheidenden Stellen begleitet: zunächst als Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank und von 1998 bis 2006 als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. Die jüngsten Entwicklungen seien jedoch besorgniserregend. „Dass der Euro sich in einem Stadium des Siechtums befindet, wie oft behauptet, ist falsch“, sagt Issing. „Eine Heilung ist möglich, vorausgesetzt man wendet nicht die falsche Medizin an. Eurobonds wären aber eindeutig die falsche Medizin, die zum Tod führen könnte.“

Hohe Wertschätzung für F.A.Z.-Index

Eine solche Vergemeinschaftung der europäischen Verschuldung würde eine adäquate Behebung der Ursachen der Krise verhindern und somit eine Lösung der Probleme unmöglich machen. „Mit Tag eins der Einführung des Euro haben südeuropäische Länder an Wettbewerbsfähigkeit verloren“, sagte Issing. „Die Lohnstückkosten in Portugal sind gegenüber dem deutschen Niveau in zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen.“ Die griechische Wirtschaft sei immer noch zunftmäßig organisiert. Zur Behebung der Krise hält der Ökonom es daher für unabdingbar, Strukturreformen in den hochverschuldeten Ländern durchzuführen. „Dafür ist aber die Kontrolle durch die Märkte unverzichtbar“, sagt Issing. „Italien hat binnen drei Tagen ein Sparpaket auf den Weg gebracht, nachdem die Risikoaufschläge für deren Staatsanleihen deutlich gestiegen waren. Solche Prozesse dauern sonst oft Jahre oder kommen gar nicht in Gang.“ Sobald die Risikoaufschläge wieder ein bisschen zurückgingen, ließe auch sofort der Reformeifer wieder sichtlich nach. „Das zeigt, wie dringend erforderlich die unabhängige Kontrolle durch die Finanzmärkte gerade in einem Währungsraum mit souveränen Staaten ist“, schloss Issing seinen Vortrag, nicht ohne der F.A.Z. zum Geburtstag ihres Aktienindex zu gratulieren.

Steltzner hob in seinem Grußwort die einmalige Historie des ältesten deutschen Aktienindex sowie dessen Besonderheiten hervor: „Deutschland besteht nicht nur aus Großkonzernen. Deshalb bildet der F.A.Z.-Index mit seinen 100 Werten die deutsche Wirtschaft in ihrer ganzen Breite und Vielfalt ab.“ Seit Juni gibt es erste Finanzprodukte auf den Index. „Die Wertschätzung für den F.A.Z.-Index im Markt ist hoch. Deshalb sind im Frühjahr Marktteilnehmer an uns herangetreten und haben darum gebeten, den Index für die Geldanlage zugänglich zu machen“, sagte Steltzner. Mittlerweile haben sieben Banken Zertifikate auf den F.A.Z.-Index begeben.

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Breite Abbildung der Wirtschaft

Neben dem Index für den deutschen Aktienmarkt und seinen zwölf Branchenindizes können fortan auch Finanzprodukte auf neue F.A.Z.-Euro-Indizes begeben werden. „Wie der F.A.Z.-Index die deutsche Wirtschaft in ihrer Breite und Vielfalt abbildet, so sollen die F.A.Z.-Euro-Indizes dies im Euroraum tun“, sagte Steffen Scheuble, Vorstand der Structured Solutions AG, die zusammen mit der Baader Bank AG Indexpartner der F.A.Z. ist. Der F.A.Z.-Euro-Index umfasst 100 Aktiengesellschaften des Euroraums. Auswahl und Gewichtung erfolgen nach der wirtschaftlichen Bedeutung der Länder und nicht wie sonst üblich nach dem Börsenwert.

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Deutschland erhält demnach 28 Indexmitglieder, die jeweils mit 1 Prozent gewichtet werden. Aus Frankreich kommen 21 Werte, aus Italien 17. Aber auch Länder wie Österreich, Griechenland oder Portugal sind im Index vertreten. Damit bildet der F.A.Z.-Euro-Index die europäische Wirtschaft breiter ab als der Euro Stoxx 50. Dort haben allein französische Titel ein Gewicht von fast 40 Prozent, während die wirtschaftliche Bedeutung Frankreichs im Euroraum nur 21 Prozent beträgt. Eine Rückrechnung des F.A.Z.-Euro-Index über zehn Jahre hat gegenüber dem Euro Stoxx 50 eine um 3,1 Prozent bessere Entwicklung je Jahr ergeben. Dies liegt neben der breiteren Streuung auch an der Gleichgewichtung der Indexmitglieder, die erwiesenermaßen zu einer besseren Wertentwicklung führt, weil so Klumpenrisiken vermieden werden.

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Quelle: F.A.Z.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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