FAZ-Euro-Index

Der weite Blick in die Börse

Von Holger Steltzner
23.09.2011
, 18:51
Der FAZ-Aktienindex begleitet Deutschland seit dem Wiederaufbau. Seit 50 Jahren wird er an jedem Börsentag berechnet. Jüngere ist der FAZ-Euro-Index.
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Der Aktienindex der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bildet seit 50 Jahren das Börsengeschehen in Deutschland besser ab andere Indizes. Er repräsentiert mit seinen 100 Werten die deutsche Wirtschaft in ihrer ganzen Breite. Der älteste deutsche Aktienindex wird seit September 1961 an jedem Börsentag berechnet, inzwischen im Sekundentakt. Er wurde 1961 gegründet und bis zum Jahr 1950 zurückgerechnet. Damit verfügt er über eine einmalige Historie aus gerechneten Kursen.

Wie wenig das damalige Geschehen mit dem heutigen Börsenhandel zu vergleichen ist, offenbart ein Auszug aus einem Börsenbericht der FAZ vom November 1949: „Der Wert der Aktien erschien völlig unklar, solange man noch keinen Begriff davon hatte, wie die Bilanzen der Aktiengesellschaften in dem neuen Gelde aussehen werden, welche Wirkungen außer der Währungsumstellung die Kriegsverluste, die Demontagen und die Dekartellisierung haben würden. Außerdem war der Außenwert der Deutschen Mark noch alles andere als konsolidiert. In allen diesen Fragen hat sich in den letzten Wochen aber einiges geklärt, wozu nicht zuletzt auch die Mitteilungen in den Hauptversammlungen der Vereinigten Stahlwerke und der Mannesmannröhren-Werke beigetragen haben. Mit fortschreitender Klärung wurde die Befestigung der Aktien immer intensiver.“

„Ludwig Erhard hat ein Denkmal verdient“

Das Wirtschaftswunder ist untrennbar mit dem Erfinder der D-Mark verbunden. Es gibt viele Väter der Sozialen Marktwirtschaft, aber nur einen Ludwig Erhard. Er hat die Aufhebung der staatlichen Bewirtschaftung und des Preisstopps verkündet – und das ohne Wissen der Besatzungsmächte. Im Handumdrehen erhielt Westdeutschland eine neue Währung und eine neue Wirtschaftsordnung – noch bevor es eine Verfassung und die Bundesrepublik als Staat gab. Erhards Ziel war eine freiheitliche und sozial verpflichtete Gesellschaftsordnung.

Der zügige Wiederaufbau wäre ohne ihn nicht möglich gewesen. Auch die Börse hat ihm viel zu verdanken. „Eigentlich hätte Ludwig Erhard auf dem Börsenplatz in Frankfurt ein Denkmal verdient“, schloss der legendäre Finanzredakteur Heinz Brestel im Sommer 2008 seinen letzten Bericht für die Frankfurter Allgemeine, für die er seit der Gründung des Blattes geschrieben und für die er auch den FAZ-Index maßgeblich mitentwickelt hatte.

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Das „Orakel von Frankfurt“ steht für Stabilität

Die Historie aus gerechneten Kursen ist für die Marktteilnehmer ein Schatz. Der FAZ-Index mit seinen 100 Werten und der Untergliederung in zwölf Branchenindizes erlaubt eine detaillierte Analyse des deutschen Aktienmarkts. Er bildet die deutsche Wirtschaft besser als der Dax ab. Die deutsche Wirtschaft besteht ja nicht nur aus Großkonzernen, sondern auch aus einer Vielzahl von Unternehmen mittlerer Größe, die in den jeweiligen Branchen zu den Weltmarktführern zählen. So ist der Maschinenbau mit MAN im Dax nur einmal vertreten, im FAZ-Index finden sich immerhin 12 Maschinenbauwerte.

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Das Grundkonzept des FAZ-Index hat sich bis heute nicht geändert. Es steht vor allem für Stabilität, berücksichtigt aber auch langfristige Veränderungen. Änderungen in den Branchenindizes – im Jahr 1961 gab es einen Branchenindex Bergbau, heute einen Branchenindex Erneuerbare Energie – spiegeln den Wandel in der deutschen Wirtschaftsstruktur. Bis zur Gründung des Dax war der FAZ-Index der bedeutendste deutsche Aktienindex; sein alter Beiname lautet „Orakel von Frankfurt“.

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Der Index schreibt Geschichte

Mit dem FAZ.-Index lässt sich Wirtschaftsgeschichte erzählen. Wer erinnert sich an die Ada-Ada-Werke, einen einstmals nicht unbedeutenden Hersteller von Kinder- und Straßenschuhen, der aber den Niedergang der deutschen Lederindustrie in den siebziger Jahren nicht überlebte? Andere Unternehmen wechselten ihr Gewand. Dynamit Nobel war ein Teil der IG Farben, notierte dann aber einige Jahre als selbständiges Chemieunternehmen im FAZ-Index.

In den achtziger Jahren wurde Dynamit Nobel mit dem zeitweise auch im Index vertretenen Papierhersteller Feldmühle zusammengelegt. Nach der Zerschlagung der Feldmühle gelangte Dynamit zur börsennotierten Metallgesellschaft, die längst ihre Heimat in einem anderen Indexwert, der Gea, gefunden hat. Das Chemiegeschäft von Dynamit wurde unterdessen aufgeteilt.

Kursindex mit großer Kontinuität

Ein weiterer Vorteil des FAZ-Index besteht in seiner Konstruktion als Kursindex. Damit entspricht er dem Wesen vieler führender ausländischer Indizes wie etwa des amerikanischen Standard & Poor’s-500, des japanischen Nikkei-225, dem britischen FTSE-100 oder des französischen CAC-40. Dadurch erlaubt der FAZ-Index aussagefähigere internationale Vergleiche der Börsenentwicklung als der Dax, der als Performance-Index konstruiert wurde, in den die Dividendenabschläge wieder hineingerechnet werden. Damit schneidet ein Performance-Index automatisch besser ab als ein Kursindex, aber er überzeichnet die wahre Kursentwicklung. Und schließlich verspricht der FAZ-Index eine größere Kontinuität, denn seine Zusammensetzung ändert sich nicht regelmäßig automatisch als Folge schwankender Marktkapitalisierungen und Handelsumsätze von Unternehmen.

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Vorbehalte gegenüber dem Dax und eine hohe Wertschätzung des FAZ-Index haben dazu geführt, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung von Teilnehmern aus dem Finanzmarkt auf die Möglichkeit angesprochen wurde, Lizenzen für Finanzprodukte auf den FAZ-Index und die Branchenindizes bereitzustellen. Für die daraus folgende Vermarktung des Index hat die FAZ GmbH eine Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Indexunternehmen Structured Solutions AG und der Baader Bank AG vereinbart. Dabei sorgt Structured Solutions für eine professionelle Berechnung des Index und die Vergabe der Lizenzen. Die Baader Bank stellt den liquiden Handel von Indexprodukten sicher.

Neue Marktanalyse beachtet auch kleinere Konzerne

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat sich nun entschlossen, zusammen mit ihren Partnern Baader Bank und Structured Solutions einen neuen Euro-Aktienindex mit zehn Euro-Branchenindizes einzuführen. Natürlich gibt es schon seit vielen Jahren Aktienindizes auf Europa und den Euroraum. Vor knapp zehn Jahren hat die FAZ selbst einen Euro-Aktienindex entworfen. Der Grund für unsere Neuentwicklungen liegt in ihrer innovativen Konstruktion, die sich wesentlich von anderen europäischen Indizes unterscheidet. In aller Regel ist die Marktkapitalisierung das wichtigste Kriterium für die Auswahl der Aktien. Der Börsenwert bestimmt zudem die Gewichtung der Einzeltitel in den meisten Börsenbarometern. Das führt dazu, dass Länder mit großen Börsengesellschaften europäische Aktienindizes dominieren. Länder mit einer weniger ausgeprägten Aktienkultur und weniger großen Börsenkonzernen finden hingegen kaum Beachtung.

Der üblichen Orientierung an der Marktkapitalisierung folgt der FAZ-Euro-Index nicht. Wie für die Analyse des deutschen Aktienmarkts wird auch der europäische Blick auf das Börsengeschehen möglichst breit sein. Es sollen die tatsächlichen Wirtschaftsstrukturen der Volkswirtschaften erfasst, aber darauf verzichtet werden, den Börsenschwergewichten hinterherzulaufen. Deshalb bilden die neuen FAZ-Euro-Indizes die Größe der jeweiligen Volkswirtschaft ab. Für den 100 Werte umfassenden Euro-Index werden die Anteile aller Volkswirtschaften am gesamten Bruttoinlandsprodukt (BIP) der 17 Euroländer ermittelt. Danach bestimmt sich die Zahl der Aktien eines Landes, die im Index vertreten sind. Alle Länder, die über einen Anteil von mindestens 1 Prozent verfügen, werden in den FAZ-Euro-Index aufgenommen.

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Ein breiterer und tieferer Einblick in die Wirtschaft

Daraus ergibt sich eine Liste von derzeit elf Ländern, wobei die Zahl der Aktien dem volkswirtschaftlichen Gewicht entspricht. Da gegenwärtig Spanien auf einen Anteil von 11,7 Prozent am Euro-BIP kommt, enthält der Index zwölf spanische Aktien. Deutschland ist mit 28, Frankreich mit 21 Werten, Italien mit 17, die Niederlande mit 7 und Griechenland oder Irland mit 2 Aktien vertreten. Damit ermöglicht der FAZ-Euro-Index einen breiteren und tieferen Blick in die Wirtschaft als zum Beispiel der Euro Stoxx 50, in dem sich kein österreichischer, griechischer oder portugiesischer Wert findet.

Aus Frankreich kommen hingegen 17 Aktien für den Euro Stoxx, während andere wirtschaftliche Schwergewichte wie Italien (nur 6 Aktien) oder Deutschland (14 Aktien) unterdurchschnittlich vertreten sind. Im Zuge der in den neunziger Jahren eingeleiteten Konsolidierung entstanden viele große französische Börsengesellschaften. Dadurch kommt Frankreich im Euro Stoxx auf ein Gewicht von fast 40 Prozent, obwohl seine wirtschaftliche Bedeutung im Euroraum nur bei etwas mehr als 20 Prozent liegt. Das geht vor allem zu Lasten der italienischen Wirtschaft, die im europäischen Vergleich wenig Börsenschwergewichte hat.

FAZ-Euro-Index mit bemerkenswertem Ergebnis

Im FAZ-Euro-Index entscheiden nur innerhalb der einzelnen Länder die Marktkapitalisierung der Unternehmen (mindestens 2 Milliarden Euro) und die Liquidität (täglicher Handelsumsatz 5 Millionen Euro) über die Aufnahme. Innerhalb des FAZ-Euro-Index erhält jede Aktie anfänglich ein Gewicht von einem Prozent. Einmal im Jahr werden die Aktien wieder auf diesen Anteil zurückgesetzt. Auch die FAZ-Euro-Branchenindizes orientieren sich an der wirtschaftlichen Bedeutung der Länder im Euroraum.

Das Ergebnis dieses Ansatzes ist bemerkenswert. Eine Rückrechnung ergibt für den FAZ-Euro-Index in den vergangenen zehn Jahren eine deutlich bessere Wertentwicklung als für den Euro Stoxx 50, und zwar um 3,1 Prozent jährlich. Offenbar sorgt die breitere Streuung für ein besseres Abschneiden. Zudem führt die Gleichgewichtung im FAZ-Euro-Index zu einer besseren Wertentwicklung, weil das Klumpenrisiko weniger Schwergewichte vermieden wird. Wie stark dieses Risiko durchschlagen kann, haben Anleger gerade mit der Korrektur der Finanzwerte im Euro Stoxx 50 erlebt.

Quelle: F.A.Z.
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