Gastkommentar

Aktien, die Analysten nicht mögen, können interessant sein

Von John Dorfman, Dorfman Investments/Bloomberg
30.03.2005
, 11:06
Analystenmeinungen bewegen manchmal den Markt bei einzelnen Aktien. Allerdings nur kurzfristig, denkt John Dorfman von Dorfman Investments und hält bei einigen „unbeliebten“ Werten dagegen.
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Die Welt der Wallstreet ist meist kurzfristig orientiert. Es ist keine Seltenheit, wenn Analysten in ihren Empfehlungen für eine Aktie zwei bis drei Mal innerhalb eines Jahres zwischen „Kaufen“ und „Halten“ schwanken.

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Viele Anleger haben dagegen eine längerfristige Perspektive - richtigerweise, wie ich meine. Die amerikanische Steuergesetzgebung schreibt ihnen vor, daß sie Aktien mindestens ein Jahr lang halten müssen, damit die erzielten Gewinne als langfristige Kapitalgewinne gelten. Der gesunde Menschenverstand sagt ihnen, daß sie einen Titel mindestens so lange halten sollten, daß er eine faire Chance hat, Rendite zu erwirtschaften.

Verkaufsempfehlungen von Anlaysten nicht für bare Münze nehmen

Dies ist ein Grund, wieso Anleger Analystenmeinungen nicht für bare Münze nehmen sollten. Offen gesagt, verdienen ihre Ergebnisse es nicht, daß man sie auf ein Podest hebt.

Dennoch schüchtern Analysten viele gewöhnliche Anleger ein. Wenn ein Analyst, besonders der eines angesehenen Hauses wie Merill Lynch, Smith Barney oder UBS Paine Webber eine Aktie zum Verkauf empfiehlt, würden Anleger nicht im Traum daran denken, sie zu kaufen.

Die weit hergeholte Tatsache ist, daß man mit den von Analysten zum Verkauf empfohlenen Aktien oft einen beachtlichen Gewinn erzielen kann.

EDS - bessere Lage als es scheint?

Hier sind vier Titel, die ich mag, die derzeit bei Wallstreet-Analysten unbeliebt sind. Jede Aktie hat ein durchschnittliches Rating der Maklerfirmen von weniger als 3,0. Auf einer Skala von eins bis fünf entspricht die 5,0 einer unbedingten Kaufempfehlung, 4,0 einer schwachen Kaufempfehlung, 3,0 entspricht Halten, 2,0 eine schwache Verkaufsempfehlung und 1,0 eine unbedingte Verkaufsempfehlung. Dabei sollte berücksichtigt werden, daß „Halten“ oft ein Euphemismus für „Verkaufen“ ist.

Beginnen wir mit Electronic Data Systems, einer Firma, die für Hunderte anderer Unternehmen IT-Abteilungen führt. Ich halte für viele meiner Kunden EDS-Aktien im Portfolio. EDS begann als ein Strahlen in den Augen von Ross Perot, der später den Wettbewerber Perot Systems gründete. 1984 bis 1996 besaß General Motors EDS. Heute machen EDS rund 10 Prozent ihres Umsatzes mit GM.

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In seinem besten Jahr, 2001, verzeichnete EDS einen Gewinn von 1,36 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 21 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr betrug der Gewinn 158 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 20,7 Milliarden Dollar. Analysten hassen EDS zur Zeit. Es gibt nur zwei Kaufempfehlungen, zugleich aber neun Empfehlungen zum Halten, elf zum Verkaufen.

Könnte dies damit zu tun haben, daß die Aktien von ihrem Hoch bei 75 Dollar zum Jahresbeginn 2000 auf ihr derzeitiges Kursniveau von 20,27 Dollar gefallen sind? Sicherlich. Analysten geben Aktien oft dann das härteste Rating, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Noch Ende 2001, als der Kurs bei rund 70 Dollar lag, lag der Consensus der Analysten zwischen „Kaufen“ und „unbedingt Kaufen“.

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Die Insolvenz zweier großer Kunden, WorldCom und US Airways, hat EDS in den vergangenen vier Jahren zugesetzt. Hinzu kamen mehrere Verwirrungen um einen großen Vertrag mit der amerikanischen Navy. Mein Eindruck ist, daß sich die Probleme mit der Navy auf dem Weg zu einer Lösung befinden und daß bis 2006 die meisten Anleger EDS wieder als Wachstumswert wahrnehmen werden.

Marsh & McLennan - verünftige Bewertung nach Kursverfall

Marsh & McLennan ist der weltgrößte Versicherungsmakler. Im Januar hat das Unternehmen 850 Millionen Dollar gezahlt, um sich mit dem New Yorker General Attorney, Eliot Spitz, zu vergleichen, der dem Unternehmen vorgeworfen hatte, Versicherungspolicen zu fingieren und das Geschäft gegen Kommissionszahlungen zu bestimmten Versicherungsunternehmen zu leiten.

Die Aktie von Marsh & McLennan hatte im Oktober 2000 bei 67 Dollar ihren Höchststand erreicht. Derzeit liegt der Kurs bei rund 30 Dollar, weniger als der Hälfte des Kurshochs. Zum derzeitigen Kurs weist die Aktie ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 10 und ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 1,3 auf, die Dividendenrendite beträgt 2,3 Prozent. Das spricht mich an, Analysten dagegen nicht. Diese mochten die Aktie, als der Kurs vor einigen Jahren noch bei über 50 Dollar stand. Die Empfehlungen der Analysten: drei Kaufempfehlungen, fünf Empfehlungen zu halten, neun Verkaufsempfehlungen.

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Sun - Rückkehr in die Gewinnzone, geringe Verschuldung

Sun Microsystems aus Santa Clara, Kalifornien, ist ein traditionell innovatives Computerunternehmen. Zuletzt ist es durch harte Zeiten gegangen.
Das Schicksal von Sun hängt eng mit dem Betriebssystem Unix zusammen, das heute weniger Unternehmen nutzen. Zudem hat Sun innerhalb des Unix-Marktes Marktanteile an Wettbewerber verloren, insbesondere an IBM. Sun erhält nur zwei Kaufempfehlungen, gegen 13 Empfehlungen zu halten und sieben Verkaufsempfehlungen.

Ich möchte nicht näher auf die Probleme bei Sun eingehen. Es sollte jedoch berücksichtigt werden, daß die Verschuldung des Unternehmens nur bei 18 Prozent des Aktienkapitals liegt und daß Sun in den vergangenen beiden Quartalen erstmals wieder einen kleinen Gewinn ausgewiesen hat, nachdem zehn der zwölf Quartale davor mit Verlust abschlossen.

Übertriebener Pessimismus bei Ford?

Analysten sind besonders pessimistisch, was Aktien des Automobilsektors wie Ford Motor betrifft. Ein Grund ist die Erwartung, daß die Zinsen in Amerika steigen werden. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, daß Ford mehr als ein Drittel seiner Umsätze außerhalb der Vereinigten Staaten erzielt.

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Ermunternd ist, daß Fords Chief Executive, William Clay Ford Jr., am 24. März rund 14,7 Millionen Dollar für die Ausübung von Optionen und Aktienrückkäufe von 1.5 Millionen Ford Aktien ausgegeben hat. Der Kurs der Ford-Aktie weist derzeit ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 5,29 auf, das Verhältnis von Kurs zu Bilanzwert (Netto-Unternehmenswert pro Aktie) liegt bei 1,28 und das Kurs-Umsatz-Verhältnis bei 0,12. Die Dividendenrendite beträgt 3,6 Prozent.

Das klingt in meinen Ohren ganz gut - nicht jedoch in den Ohren von Analysten, die Ford mit vier Verkaufsempfehlungen, sieben Empfehlungen zu halten und nur drei Kaufempfehlungen bewerten.

Natürlich beunruhigt mich diese Auswahl. Alle vier Unternehmen, die ich eben empfohlen habe, haben offensichtliche Probleme. Allerdings sind diese Probleme bereits im Kurs enthalten. Obwohl es psychologisch unbequem ist, würde ich eher auf die von Analysten Geächteten setzen als auf ihre Favoriten.

Quelle: Bloomberg
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