Gastkommentar

Der aktuelle Bärenmarkt ist der viertlängste der Börsengeschichte

EIN KOMMENTAR Von John Dorfman, Bloomberg News
07.08.2002
, 16:01
Der momentane Bärenmarkt dauert nun schon 28 Monate. Der Nasdaq Composite hat inzwischen 75 Prozent von seinen Höchstständen eingebüßt.

Müde und entmutigte Anleger, die herauszubekommen versuchen, wann sich diese schreckliche Aktienmarktlage endlich wieder zum Besseren wendet, können hierzu einige Hinweise in der Vergangenheit finden. Durchaus aufschlussreich ist es daher für Vergleichszwecke, auf Episoden wie den Bärenmarkt von 1973 bis 1974 - den schlimmsten des letzten halben Jahrhunderts - zurückzublicken.

In diesen beiden Jahren war die Welt Zeuge des Ölembargos der Organisation erdölexportierender Länder (Opec), welches zu einer drastischen Verteuerung der Benzinpreise führte, sowie des Watergate-Skandals, der eine Atmosphäre des Zynismus und der Unsicherheit schuf. Auch heute regieren wieder Zynismus und Unsicherheit - nur sind es dieses Mal Terrordrohungen und unternehmensethische Skandale, welche die Schlagzeilen dominieren. In beiden Fällen liefern die Nachrichten jedoch nur die halbe Wahrheit. Heute wie vor knapp 30 Jahren ist der Fall der Aktienmärkte deshalb so steil ausgefallen, weil sie sich zuvor auf einem vergleichsweise hohen Niveau befunden haben.

Steiler Anstieg - tiefer Fall

Gemessen an den Standardkennzahlen wie Kurs-Gewinn-, Kurs-Buchwert- und Kurs-Umsatz-Verhältnis gehörte das Jahr 1972 zu den fünf teuersten Aktienmarktjahren in der Geschichte. Andere Bewertungshöchststände wurden in den Jahren 1929, 1962, 1987 und 2000 - dem absoluten Spitzenjahr - verzeichnet. Definiert man eine Börsenbaisse als einen Wertverlust bei den wichtigsten Aktienindizes von mindestens 20 Prozent, so handelt es sich beim aktuellen Kurseinbruch um den fünfzehnten Bärenmarkt seit 1919.

Im Folgenden wollen wir nun die gegenwärtige Marktturbulenz mit denen aus früheren Zeiten hinsichtlich Dauer, Ausmaß, Bewertungsniveau, sowie dem Zinsniveau vergleichen.

Baisse dauert nun schon 28 Monate

Der aktuelle Sinkflug setzte im Januar beziehungsweise März 2000 ein - je nachdem, welchen Index man für die zeitliche Festlegung zugrunde legt. Der Dow Jones Industrial Average erreichte seinen Höchststand am 14. Januar 2000, der Nasdaq Composite am 10. März 2000 und der Standard & Poor's 500 Index am 24. März 2000. Demnach dauert diese Baisse nun schon mindestens 28 Monate an, was weit über dem 18-Monats-Durchschnitt der letzten 15 Bärenmärkte liegt; damit ist sie die bisher viertlängste Durststrecke.

Der Rekord wird von dem im Jahre 1938 einsetzenden Bärenmarkt gehalten, der sich über 42 Monate hinzog. Die Kurstalfahrten von 1946 und 1929 stehen mit Blick auf ihren zeitlichen Umfang an zweiter beziehungsweise dritter Stelle. Sollte der aktuelle Baissemarkt noch weitere sechs Monate fortbestehen, würde ihn dies bezüglich der Dauer auf Platz drei katapultieren.

Auch Blue Chips bleiben nicht verschont

Der Dow Jones, der mit 11.722,98 Punkten im Januar 2000 seinen Höchststand erreichte, schloss am vergangenen Freitag bei 8.313,13 Zählern mit einem Minus von 29 Prozent. Dies ist der achtstärkste Verlust in diesem Index seit 1919 und der viertstärkste seit 1950. Andere führende Marktbarometer haben noch schlechter abgeschnitten. Während der Standard & Poor's 500 gemessen an seinem Spitzenstand im Jahr 2000 mit 43 Prozent im Minus liegt, hat der Nasdaq Composite seit März desselben Jahres sogar 75 Prozent eingebüßt. Der Crash von 1929 löste über einen Zeitraum von fast drei Jahren einen Kursrutsch in Höhe von 89 Prozent im Dow aus. Der Rückgang zwischen 1973 und 1974 - der schlimmste seit 1950 - machte 45 Prozent aus.

Die aktuelle Börsenbaisse hat selbst erstklassige Titel nicht verschont. Seit ihren Höchstständen haben beispielsweise Microsoft Corp. und International Business Machines Corp. bisher 63 beziehungsweise 51 Prozent abgeben müssen.

Die wohl erschreckendsten Statistiken sind diejenigen, die die Aktienbewertungen zu Beginn und am Ende eines Bärenmarktes miteinander vergleichen. In Spitzenzeiten wurden Aktien typischerweise mit dem etwa Zweifachen ihres Buchwerts (Vermögenswerte abzüglich der Verbindlichkeiten eines Unternehmens je Aktie) gehandelt. Mit Erreichen des Tiefpunktes waren es dann nur noch das etwa 1,1-fache des Buchwerts. Gegenwärtig notieren Aktien mit dem ungefähr Vierfachen des Buchwerts - weit über dem typischen Höchstniveau und nahezu viermal so hoch wie der übliche Tiefstand.

Zinsniveau als Lichtblick

Ähnlich verhällt es sich mit den Renditen von Aktienanlagen: Während sie zu Beginn eines Bärenmarktes im Durchschnitt noch bei 3,6 Prozent lagen, sind sie bis zum Ende der Baisse auf sechs Prozent angestiegen. Im Vergleich dazu liegt die durchschnittliche Rendite aktuell bei mageren 1,8 Prozent. In Baissezeiten lag das typische Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei ungefähr elf. Heute weist der Standard & Poor's 500 ein KGV von 31 und der Dow eines von 21 aus. Mit einem Wort: Während das Bewertungsniveau im März 2000 noch als haarsträubend zu bezeichnen war, ist es heute einfach nur noch hoch.

Zurückliegende Bärenmärkte wurden oftmals von hohen und/oder steigenden Zinsen begleitet. Gegenwärtig sind die Zinsen weder hoch noch steigen sie. Während früherer Börsentiefpunkte lag die durchschnittliche Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen bei sieben Prozent beziehungsweise bei etwa 5,5 Prozent für kurzlaufende Schatzbriefe. Aktuell rentieren die Anleihen mit ungefähr fünf Prozent und die Kurzläufer mit 1,9 Prozent. Die aktuellen Zinssätze sind demnach selbst aus Baissesicht als niedrig zu bezeichnen. Für mich stellt dies mit Blick auf die gegenwärtige Marktlage einen entscheidenden Pluspunkt dar.

Die Charts zeigen die Kursentwicklung des Dow Jones (oben) und des Nasdaq Composite (unten) in den vergangenen fünf Jahren.

Quelle: @mibe
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