Interview

"Anleger sollten unbedingt in Rohstoffe investieren"

18.10.2004
, 08:21
Das aktuelle Börsenjahr verläuft bisher eher enttäuschend. Peter Oppenheimer von Goldman Sachs befürchtet im Interview enttäuschende Unternehmensgewinne, hohe Ölpreise und auch künftig kaum bessere Aktienkurse.
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Nach einer Rally im vergangenen Jahr entwickelt sich das aktuelle Börsenjahr eher enttäuschend. Nicht wenige hoffen noch auf eine fulminante Jahresendrally. Ob sie kommt ist allerdings eine andere Frage.

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Grund genug, sich mit Peter Oppenheimer dem Chefstrategen von Goldman Sachs zu unterhalten. Er betrachtet die Börsen eher skeptisch, rät aber unbedingt zu einem Engagement in Rohstoffen.

Herr Oppenheimer, sehen Sie den Dax künftig eher bei 5.000 oder bei 3.000 Punkten?

Ich rechne weder mit satten Kursgewinnen noch mit einem Einbruch. Vor wenigen Monaten fürchteten sich die Anleger noch vor Stagflation und steigenden Zinsen. Das wäre für den Aktienmarkt verhängnisvoll gewesen. Jetzt scheint das Konjunkturklima recht angenehm: Die Weltwirtschaft wird weiter wachsen, der Zinserhöhungszyklus der Notenbanken verläuft sehr moderat. Inflation ist kein Thema, glaubt der Markt. Wir sehen es nicht ganz so optimistisch.

Die Aktienkurse brechen so schnell nicht nach oben aus?

In den kommenden sechs Monaten werden sie noch in einer engen Handelsspanne stecken. In der Vergangenheit erholten sich die Kurse nach einem Bärenmarkt deutlich für rund ein Jahr - das haben wir 2003 erlebt - und gingen dann in eine Seitwärtsbewegung über, die im Schnitt ein bis eineinhalb Jahre dauerte. Ein neuer Trend wird sich erst Mitte 2005 herausbilden.

Was steht höheren Kursen im Weg?

Erstens der Ölpreis, auch wenn ich nicht erwarte, daß er nächstes Jahr viel höher notiert als heute. Öl wird durchschnittlich 47 Dollar pro Barrel kosten. Aber das bremst das Wirtschaftswachstum. Zweitens sind die Gewinnschätzungen für 2005 zu hoch. Anleger sollten nicht mit zu großen Erwartungen in die nächste Berichtssaison gehen.

Trügt der Eindruck, oder verspüren viele professionelle Vermögensverwalter den Druck, zum Jahresende noch ihre Performance aufzubessern?

Das Verlangen nach einer Jahresendrally ist bei Investoren groß. Bislang enttäuschte das Börsenjahr. Viele haben gerade aus diesem Grund Angst, einen Marktanstieg zu verpassen. Wer einen Kursaufschwung im letzten Quartal versäumt, kann die verlorenen Gewinne nicht mehr aufholen. Da noch viel Geld geparkt ist, kann es gut sein, daß eine Rally beginnt, die sich selbst beschleunigt, weil immer mehr Geld an die Börse fließt. In den vergangenen Wochen sind die Kurse ja bereits gestiegen, auch wenn die Anleger nicht mit großer Überzeugung investiert haben.

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Was könnte den Glauben stärken?

Niedrigere Ölpreise dürften die Kurse treiben. Oder ein Signal aus Amerika, daß neue Jobs geschaffen werden, ohne daß die Inflation anzieht. Dann wäre die These, daß die Fed die Zinsen nicht mehr so stark erhöhen muß, glaubwürdiger.

Was noch?

Eine größere Risikobereitschaft wäre hilfreich. Die Wahlen in Amerika, Terrorgefahren und der Ölpreis haben die Anleger verunsichert. Wenn Amerika gewählt hat, könnten sich die Leute ein wenig sicherer in ihrem Ausblick fühlen und bereit sein, höhere Risiken bei der Geldanlage einzugehen. Wir schätzen, daß Börsianer in Europa derzeit für Aktieninvestments 3,5 Prozentpunkte mehr Rendite fordern als für Staatsanleihen. Sinkt diese Risikoprämie auf drei Prozent, dürften die Aktienkurse um zehn Prozent steigen.

Aber Sie glauben nicht daran?

Nein, ich halte das für unrealistisch.

Die Unternehmensgewinne legten in den vergangenen Monaten überraschend stark zu. Wird es so weitergehen?

Die Gewinne werden 2005 zunehmen, aber bei weitem nicht so stark wie vom Markt erwartet. Hintergrund des Gewinnplus: Die Manager haben massiv Kosten gespart: Kredite sind billiger geworden, es mußte weniger abgeschrieben werden - weil in den vergangenen vier Jahren wenig investiert wurde -, und die Löhne waren unter Kontrolle, denn in Europa nahm die Arbeitslosigkeit zu, in Amerika die Produktivität. Viele dieser Faktoren ändern sich gerade zum Nachteil der Unternehmen und Aktionäre. Die Gewinnschätzungen der Analysten dürften zu hoch sein.

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Die Kurse müssen fallen?

Nicht unbedingt, vielleicht werden Aktien einfach höher bewertet als heute.

Belasten teure Rohstoffe nicht alle Firmen, die hohe Kosten nicht an ihre Kunden weitergeben können?

Teure Rohstoffpreise treffen nicht alle Unternehmen gleichermaßen. Die Gewinnmargen von Unternehmen, die viele Grundstoffe und viel Energie verbrauchen, schrumpfen. Das wird auch so weitergehen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Hersteller von Konsumgütern, die zugleich unter einem verschärften Wettbewerb durch Discounter leiden. Deshalb schwindet ihr Spielraum, die steigenden Kosten an den Verbraucher weiterzureichen. Anleger sollten vorsichtig sein, denn diese Aktien verlieren gerade ihren defensiven Charakter.

Es gibt aber auch Profiteure der Rohstoffhausse?

Alle, die Grundstoffe herstellen, profitieren natürlich von der regen Nachfrage nach diesen Produkten. Bergbauunternehmen, Stahlkonzerne, viele Chemiegiganten und vor allem klassische Rohstoffkonzerne zählen zu den Gewinnern. Sie erfreuen sich ungewohnter Preismacht. Die Kombination geringer freier Kapazitäten und reger Nachfrage erlaubt es ihnen, die Preise für ihre Produkte zu erhöhen. Das macht die einst für ihre heftigen Kursbewegungen gefürchtete Branche weit weniger zyklisch.

Sie schließen aus, daß höhere Ölpreise zu einem Debakel für den gesamten Aktienmarkt führen?

Öl spielt heute auf der Kostenseite keine so große Rolle mehr wie noch vor Jahren. Die Börse wird mehr durch schwächeres Wachstum, das Inflationsniveau und höhere Zinsen beeinflußt. Aber der Effekt ist nicht dramatisch: Verteuert sich Öl für sechs Monate um zehn Dollar, sinkt das Wachstum der Weltwirtschaft um 0,3 Punkte.

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Wieviel ist mit Aktien künftig zu verdienen?

Annualisiert sollten zwischen sieben und acht Prozent möglich sein. Dividendenausschüttungen werden einen großen Teil dazu beisteuern. Die Dividendenrendite in Europa beträgt bereits 3,5 Prozent. Anleger dürfen aber nicht erwarten, daß sie mit den breiten Aktienindizes gewinnen, sie sollten attraktiv bewertete Einzeltitel suchen. Statt "Kaufen und Halten" müssen sie das Depot in Zukunft schneller umschichten.

Sollten Anleger auch in Rohstoffe investieren?

Unbedingt. Es ist aber wie auf allen Märkten: sie sind von Zyklen geprägt. Wir sind jedoch überzeugt, am Beginn einer langen Periode steigender Rohstoffpreise zu stehen. Der Rückgang der realen Zinsen in den vergangenen 15 Jahren kam vor allem Aktien und Anleihen zugute, physische Güter wie Rohstoffe wurden vernachlässigt. Auch Unternehmen selbst haben viel zuwenig investiert. Heute können sie oft nicht genügend Rohstoffe fördern, transportieren oder lagern. Die Kapazitätsauslastung ist sehr hoch. Schon der kleinste Nachfrageschub hat großen Einfluß auf die Preise. Rohstoffe sind je nach Risikoneigung eine sehr gute Ergänzung zu Aktien und Anleihen und sollten als eigenständige Anlageklasse gesehen werden.

Das Gespräch führte Catherine Hoffmann

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.10.2004, Nr. 42 / Seite 51
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