Interview

"Shanghai könnte die wichtigste Stadt der Welt werden"

25.01.2002
, 06:58
Glaubt an die Märkte im Osten: Marc Faber
Kommt nach der Rezession eine neue Ära? FAZ.NET unterhielt sich mit dem Fondsberater und Asien-Experten Marc Faber über seine Prognosen.

Nach der entzauberten Technologieeuphorie, der Baisse und dem erhofften Ende der Rezession stellt sich die Frage, wie es dann weitergeht. FAZ.NET unterhielt sich mit dem Fondsberater und Asienexperten Marc Faber über seine "Visionen".

Herr Faber, Sie sind bekannt als "Contrarian": Sie kommen bei der Beurteilung der Finanzmärkte oft zu anderen Schlüssen als andere. Wie gehen Sie vor?

Wenn Sie einen Blick zurückwerfen, dann hätte ein Anleger in den vergangenen Jahrzehnten nur drei Anlageentscheidungen treffen müssen, um eine überdurchschnittliche Performance zu erreichen: Von 1970 bis 1980 hätte er in Gold, Öl oder Rohstoffen investiert sein müssen, von 1980 bis 1990 in japanischen Aktien und von 1990 bis 2000 in amerikanischen Aktien.

Schön, aber was sagt mir das?

Die Weltwirtschaft entwickelt sich zyklisch und es kommt immer wieder zu großen Trendbrüchen. Das Jahr 2000 dürfte nach meiner Einschätzung ein Trendbruch sein, die "neuen Regeln" für den kommenden Trend sind dem Anleger noch unbekannt.

Wie sieht so ein Trendbruch aus, wie kommt er zustande?

Es gibt immer wieder neue Erfindungen, die dann zu einem Investitionsboom führen. Dabei ist die Entwicklung immer schwierig abzuschätzen. Entweder ist die Nachfrage zu groß oder zu klein. Nehmen Sie als Beispiel ein Unternehmen wie Iomega. Es hat neue elektronische Speichermedien entwickelt, der Aktienkurs ist zunächst gestiegen. Allerdings war die Nachfrage nach den Produkten nicht so groß wie die Fantasie, und das Papier ist abgeschmiert. Nach jedem Ende eines Booms kommt dann eine neue "Spitzenreitergruppe".

In letzter Zeit hat sich die Geschwindigkeit der Erneuerung dramatisch beschleunigt. So hat etwa das Internet nur fünf Jahre benötigt, um 25 Prozent der Amerikaner zu erreichen. Das führt zu steileren Wachstumskurven bei den Produkten, die aber auch schneller verflachen. Am Anfang ist jedes Produkt "high-tech". Aber erfolgreiche Produkte werden heute innerhalb von drei bis vier Jahren zu Massengütern mit geringen Margen. Das zeigt sich dann auch bei der Gewinnentwicklung der Unternehmen. Das heißt aber auch, Länder können sich schneller industrialisieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Schauen Sie nach China. Das Land wird bald alle anderen Exportländer der Region übertrumpfen, da es unheimlich niedrige Löhne hat. War es produktiv am Anfang vor allem im Textilbereich tätig, so geht es jetzt immer mehr in Richtung Technologie. Die Wirtschaftsgeographie wird sich verändern, Shanghai könnte in ein paar Jahren wirtschaftlich die wichtigste Stadt der Welt sein.

Auch die Börse?

Auch die Börse wird sich stark entwickeln. Sie könnte in zehn bis 15 Jahren die Wall Street an Börsenkapitalisierung übertreffen.

Empfehlen sie dem Anleger, dort zu investieren?

Nicht unbedingt. Denn die Transparenz ist nicht sehr groß und es ist schwierig, die richtigen Aktien zu finden, sofern man überhaupt an sie herankommt. Außerdem sind sie momentan hoch bewertet. Wenn, dann am besten über Fonds. Etwa den Greater China Fund oder den Asia Pacific Fund. Beide sind in den USA kotiert.

Welche Branchen/Bereiche sind interessant?

Langfristig Immobilien. Mit steigendem Wohlstand werden die Leute weniger arbeiten. So gibt es Potenzial für die Unterhaltungsbranche, den Sport und auch den Gesundheitssektor. Auch die Ernährungsgewohnheiten werden sich ändern. Das ist positiv für die Rohstoffmärkte. Aber Chinesen werden nicht nur mit den anderen Ländern konkurrieren, sondern sie werden dort auch als Kunden auftreten. So könnte man in die Reisebranche investieren.

Wie werden sich die Märkte weiter entwickeln?

Da bin ich eher vorsichtig. In den 90-er Jahren kam alles Positive zusammen: Zusammenbruch des Kommunismus, die Öffnung Chinas, Entwicklung der Schwellenländer und hohe Liquidität. Das führte zum Boom. Langfristig können aber die Unternehmensgewinne nicht schneller wachsen als das Sozialprodukt. Und das wird nicht die Wachstumsraten der jüngeren Vergangenheit erreichen. Selbst in Asien nicht. Trotzdem gibt es dort gute Anlagemöglichkeiten, da die Aktien niedrig bewertet sind.

Was also tun?

Langfristig sind Anleihen nicht schlecht, unter dem Risikoaspekt. Positiv bin ich auch für Gold und alle Arten von Rohstoffen.

Wo würden Sie auf Sicht von ein bis zwei Jahren in den Emerging Markets investieren?

Indonesien, Thailand, Philippinen, und Malaysia, in dieser Reihenfolge.

Das Gespräch führte Christof Leisinger.

Quelle: @cri
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