Nahrungsmittelhersteller

Vogelgrippe-Angst macht Fischverarbeiter zur heißen Wette

18.10.2005
, 18:27
Ist Südosteuropa derzeit mehr für den Müll als den Topf bestimmt: Geflügel
Die an Kerneuropa heranrückende Vogelgrippe hat der ohnehin gut laufenden Aktie des Fischfabrikanten Pescanova zusätzlichen Schub verpaßt. Vom aktuellen Wettfieber abgesehen ist der Titel moderat bewertet. Es gibt aber einen Haken.
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Ohne Umsätze ist der Kurs der Pescanova SA am Dienstag um 7,3 Prozent gestiegen. Die Notiz des spanischen Unternehmens hat die Kursgewinne an der Heimatbörse in Madrid nachvollzogen, wo die Notiz auf ein Fünfjahreshoch gestiegen ist. Pescanova und andere europäische Fischverarbeiter haben am Dienstag an den Aktienbörsen zugelegt, während es für Geflügelverarbeiter abwärts ging. Marktteilnehmer spekulieren darauf, daß die Nachfrage nach Meeresfrüchten anziehen wird, sollte sich die Vogelgrippe weiter über Europa ausbreiten.

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Nachdem bei Geflügel in Rumänien und der Türkei die Vogelgrippe diagnostiziert wurde, kamen am Dienstag die Minister der Europäischen Union zu einer Notsitzung zusammen, um über mögliche Maßnahmen zu beraten. Auch wenn gekochtes Hühnchen keine Gefahr darstellt, rechnet Professor Peter Openshaw von der Infektionsabteilung des National Heart and Lung Institute am Londoner Imperial College damit, daß Verbraucher von Hähnchenprodukten zu Fisch wechseln werden.

„Es wird sich auf den ganzen Aktienmarkt auswirken, wenn die Vogelgrippe Westeuropa erreicht“, sagte Gerard Rijk, Analyst bei ING Financial Markets in Amsterdam. Von dieser Wette abgesehen macht die binnen Jahresfrist um gut 60 Prozent gestiegene Pescanova mit einer moderaten Bewertung auf sich aufmerksam: Das anhand der Analystenschätzungen ermittelte Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2006 beträgt 14,6 nach knapp 19 für dieses Jahr. Um die aktuelle Bewertung mit Blick auf das KGV für nächste Jahr zu erreichen, müßte die Aktie auf gut 34 Euro steigen. Daraus läßt sich ein Potential von fast 30 Prozent. Die Sache hat allerdings aus deutscher Sicht einen Haken, der besonders Privatanleger betrifft.

Bild: FAZ.NET

Geflügel-Aktie auf beschleunigtem Sinkflug

Als die Geflügelpest vor zwei Jahren in den Niederlanden ausbrach, kostete das die 14,5 Milliarden Euro schwere europäische Geflügelbranche mehr als zwei Prozent der Produktion, geht aus Daten des Branchenverbands, der Vereinigung der Geflügelschlachtereien und des Geflügelhandels der EU (AVEC), hervor. Damals waren mehr als 25 Millionen Hühner geschlachtet worden.

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Für Pescanova aus dem spanischen Pontevedra ging es in Madrid um bis zu 9,2 Prozent hoch auf den Rekordkurs von 27,30 Euro. Aktien der norwegischen Pan Fish ASA verteuerten sich in Oslo bis zu 3,7 Prozent auf 1,7 Kronen, nachdem sie bereits am Montag 3,8 Prozent zugelegt hatten.

Bei den Geflügelproduzenten sackten hingegen LDC SA aus Frankreich bis zu drei Prozent ab auf 60,30 Euro, ein neues Neunmonatstief. Bereits am Montag hatte der Kurs 6,4 Prozent eingebüßt. Seit dem 7. Oktober, als die Hühnergrippe den rumänischen Behörden gemeldet worden war, hat sich die Aktie 17 Prozent verbilligt. Für den Konkurrenten Duc SA ging es seither 14 Prozent abwärts.

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„Starke Auswirkungen auf Pescanova“

„Sollte die Vogelgrippe in Europa richtig ausbrechen, würde sich das auf Pescanova stark auswirken“, schrieb Eduardo Pires Coelho, Analyst bei Banco BPI SA in Lissabon, schon am Montag in einem Bericht an Kunden und stimmt mit Gerard Rijk von ING überein. „Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Geflügelbranche sind gewaltig“, fügt Openshaw vom Imperial College laut Bloomberg hinzu. „Die Verbraucher werden wahrscheinlich keine Geflügelprodukte mehr kaufen, weder Fleisch noch Eier. Da sind die Leute lieber übervorsichtig.“

Die Seuche kann von Geflügel auf den Menschen übertragen werden und hat bereits 60 Todesopfer gefordert. Bis zu 7,4 Millionen Menschenleben wären durch eine Pandemie gefährdet, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. So eine Gefahr bestand seit 35 Jahren nicht mehr.

Umsätze mit der Aktie in Deutschland gleich Null

Glücklicherweise ist die Ausbreitung der Vogelgrippe über Europa bisher nur eine Spekulation. Selbst Investoren dürften kaum auf ein Übergreifen des Virus hoffen. Auf ein solches Ereignis zu wetten, grenzt an Geschmacklosigkeit. Dessen ungeachtet sprechen in den vergangenen Jahren stetig gestiegene Cashflows je Aktie und die Aussicht auf einen nach einer zwei Jahre dauernden Durststrecke wieder steigenden Gewinn für den Titel. Deutsche Privatanleger sollten sich gleichwohl zweimal überlegen, ob sie zu dieser Aktie greifen: Die Umsätze an der Stuttgarter Börse, dem einzigen Handelsplatz hierzulande, sind seit Monaten gleich Null. Die Aktie im Zweifelfall nicht oder nur mit einem deutlichen Abschlag wieder verkaufen zu können, ist mithin offensichtlich.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: Bloomberg/@thwi
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