Alternativen gesucht

RWE will weg vom Klumpenrisiko Innogy

Von Helmut Bünder und Brigitte Koch
30.06.2017
, 12:30
RWE-Chef Rolf Martin Schmitz
RWE-Vorstandschef Schmitz sucht nach alternativen Finanzanlagen. Er will neue Kraftwerke kaufen, um von höheren Strompreisen zu profitieren.
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Wer in diesen Tagen mit Vertretern der Energiebranche redet, der ist schnell beim Thema Fusionen und Übernahmen. Diverse Szenarien und Marktgerüchte machen die Runde, oft angestoßen von findigen Investmentbankern. „Es laufen viele Menschen mit interessanten Ideen herum. Solch einen Stoß an Vorschlägen habe ich auf dem Tisch“, schmunzelt Rolf Martin Schmitz und markiert mit weit geöffneten Armen einen fiktiven Stapel von Aktenordnern.

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Nicht zuletzt der überraschende Geldsegen aus der Rückerstattung der Kernbrennstoffsteuer eröffnet dem RWE-Vorstandsvorsitzenden unerwartet neue Spielräume. Rund 1,7 Milliarden Euro muss der Bund zurückzahlen. Davon gehen 615 Millionen Euro als einmalige Sonderausschüttung an die schwer gebeutelten Aktionäre, die zwei Jahre lang auf Dividenden verzichten mussten. Aber den überwiegenden Teil will der Vorstand nutzen, um Schulden abzubauen und die Finanzkraft des Konzerns zu stärken. Mit weiter gefestigter Bilanz könnten dann auch kleinere externe Wachstumsschritte folgen. „RWE steht für das Kerngeschäft Versorgungssicherheit, und das wollen wir auch durch die punktuelle weitere Abrundung des Portfolios untermauern“, erläutert Schmitz im Gespräch mit dieser Zeitung.

Damit meint er mögliche Zukäufe in den RWE-Kernländern Deutschland, Großbritannien oder den Beneluxländern, wo der Konzern in „flexible Assets“, also zusätzliche Kraftwerkskapazitäten, Energiespeicher und andere Themen rund um die Versorgungssicherheit investieren könne. „Unabhängig davon ist der Vorstand natürlich gehalten, alle Optionen zu prüfen, wenn sie denn Mehrwert für die Aktionäre schaffen“, wiegelt Schmitz konkretere Aussagen zu möglichen Übernahmezielen ab. Klar stellt er immerhin, dass ein Kauf des Düsseldorfer Konkurrenten Uniper, über den vor einigen Wochen spekuliert worden war, für RWE keine Option sei.

Die Diversifizierung von Finanzanlagen

Atomkraftwerke in Schweden und die Aktivitäten von Uniper in Russland passten nun einmal nicht zum Kerngeschäft von RWE, sagt Schmitz. Ein anderes vieldiskutiertes Szenario war das inzwischen von der Vorstandsvorsitzenden Isabelle Kocher verneinte Interesse des französischen Energiekonzerns Engie an der RWE-Mehrheitsbeteiligung Innogy. Knapp 77 Prozent der Tochtergesellschaft, in der RWE das Geschäft mit Energienetzen und Ökostrom sowie den Vertrieb ausgelagert hat, liegen noch beim Mutterkonzern.

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Zum Börsengang hatte der Aufsichtsrat festgelegt, dass RWE vorläufig einen Anteil von wenigstens 51 Prozent behalten wird. Für Schmitz ist das nicht in Stein gemeißelt. „Innogy ist für uns eine Finanzbeteiligung, an die wir nicht dauerhaft gebunden sind“, sagt er. Die von seinem ehemaligen Chef Peter Terium geführte Gesellschaft ist mit einer Dividendenausschüttung von zuletzt rund 680 Millionen Euro derzeit die wesentliche Ertragsquelle des Mutterkonzerns. „Wir sind mit den Erträgen hochzufrieden. Doch man muss langfristig auch beachten, dass in dieser Abhängigkeit ein großes Klumpenrisiko liegen kann“, schildert Schmitz die andere Seite der Medaille.

„Wenn es strategisch sinnvoll ist, den Innogy-Anteil zu vermindern, um ein breiteres Finanzportfolio aufzubauen, werden wir das prüfen.“ Allerdings sei es im Moment nicht leicht, Alternativen zu finden, die vergleichbare Erträge abwürfen. Dass sich seine Überlegungen rund um Innogy weniger um Großakquisitionen drehen als um eine Diversifizierung von Finanzanlagen, hat auch mit den hohen Rückstellungen für die Braunkohle und den Rückbau der Atomkraftwerke zu tun. Ziel sei es, diese auf Sicht von fünf Jahren vollständig und in einer Zehn-Jahres-Perspektive zu 75 Prozent mit dem Finanzportfolio zu unterlegen. Dafür würden rund 8 bis 10 Milliarden Euro benötigt. „Wir wollen für unsere Verpflichtungen aus Braunkohle und Rückbau nicht unter Verkaufsdruck geraten“, sagt Schmitz.

Dank der hohen Erträge aus Innogy hat Schmitz seinen Aktionären für das Geschäftsjahr 2017 eine Mindestdividende von 50 Cent in Aussicht gestellt, die auch die Untergrenze für die Folgejahre bleiben soll. RWE selbst hat in der Stromerzeugung noch ordentlich zu kämpfen. Während es im Energiehandel solide läuft, wird es mit dem Betriebsgewinn aus den Kraftwerken auch im kommenden Jahr weiter heruntergehen. Aber Schmitz sieht Licht am Ende des Tunnels: „Von 2019 an wird RWE aus dem eigenen Kerngeschäft wieder Dividende erwirtschaften“, kündigte er an.

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Trotzdem denken einige kommunale Miteigentümer, denen noch knapp ein Viertel des Konzerns gehört, wegen des zuletzt deutlich gestiegenen Aktienkurses über einen Rückzug nach. Bochum hat schon einen Teil seiner Aktien versilbert. „Die Kommunen müssen sich entscheiden: Wollen sie einmal Kasse machen, oder bevorzugen sie dauerhafte Erträge?“, gab Schmitz zu bedenken. Einen allgemeinen Trend für einen Ausstieg der Kommunen sieht er bisher nicht.

Strom-Großhandelspreise seit Jahren unter Druck

Seine Wachstumspläne stützen sich einerseits auf einen Ausbau des internationalen Handelsgeschäftes, in dem RWE sich nun verstärkt auch in Richtung Asien orientieren werde. „Vorsichtig und mit überschaubarem Risiko“, wie Schmitz hinzufügt. Zugleich setzt er perspektivisch auf steigende Gewinne aus den in der Sparte „Generation“ geführten Gas- und Steinkohlekraftwerken in Deutschland und im europäischen Ausland. „Generation ist auf Wachstum angelegt“, begründet Schmitz seine Absicht, den Kraftwerkspark zu verstärken. Das klingt erst einmal gewagt. Weil immer mehr subventionierter Ökostrom in die Netze drängt, stehen die Großhandelspreise seit Jahren unter enormem Druck. Bei RWE läuft ein Sparprogramm nach dem anderen, um das Kraftwerksgeschäft rentabel zu halten. Bis 2020 sollen noch einmal 2300 Arbeitsplätze wegfallen, davon 2100 in Deutschland. Die Kosten sollen insgesamt um weitere 300 Millionen Euro gekappt werden.

Jeder Euro weniger für die Megawattstunde Strom schmälere den Ertrag um 80 Millionen Euro, und dagegen müsse man ansparen, sagt Schmitz. Bis 2019 werden man einen Preisrutsch um rund 20 Euro je Megawattstunde aufgefangen haben. Alle Maßnahmen seien mit den Sozialpartnern abgesprochen, betonte Schmitz, der seit einigen Monaten auch das Personalressort leitet. Nach seinem Eindruck zieht die Belegschaft in der schwierigen Situation gut mit. „Auch die Mitarbeiter haben verstanden, dass wir sonst längst unter Wasser wären.

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Da hat sich eine Art Wagenburg-Mentalität herausgebildet, in der man zusammensteht“. Aber das Schlimmste, hofft er, ist für die Kraftwerkssparte in zwei, drei Jahren überstanden. „Noch gibt es Überkapazitäten am Strommarkt, doch wir laufen innerhalb der nächsten Jahre zwangsläufig in eine Knappheit mit wieder steigenden Strompreisen hinein.“ Es gehen nicht nur die Atomkraftwerke vom Markt, auch viele konventionelle Meiler stünden vor der Abschaltung, weil sie sich nicht mehr rechneten. „Dann kann es eng werden, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht ausreichend weht“, sagt Schmitz und erinnert an die „Dunkelflaute“ im Januar, bei der fast die gesamte Erzeugung aus erneuerbaren Energien wegbrach.

Der RWE-Chef warnt davor, sich darauf zu verlassen, dass es auch in Zukunft gelingen wird, die Netze allein durch Notmaßnahmen und Eingriffe in den Kraftwerkspark zu stabilisieren. Auch in Deutschland werde es auf Dauer nicht ohne einen „Kapazitätsmechanismus“ gehen: Ähnlich wie jetzt schon in Großbritannien bekämen die Versorger dann Vergütungen dafür, dass sie Kraftwerke für den Ausgleich des schwankenden Ökostroms vorhalten. Allein im Vertrauen auf vorübergehende Preisspitzen, wie es die Bundesregierung hofft, werde kein Versorger in neue Anlagen investieren. „Trotzdem wird bisher nur für viel Geld an den Symptomen herumgedoktert.

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„Das ist ein ordnungspolitisches Vergehen und Flickschusterei“

Das kann sich ein auf sichere Stromversorgung angewiesenes Industrieland nicht leisten.“ Musterbeispiel für dieses Durchwursteln ist aus seiner Sicht, dass nun Übertragungsnetzbetreiber auf Kosten der Stromkunden in Süddeutschland selbst neue Gaskraftwerke bauen können, um die Netzstabilität zu garantieren. „Das ist ein ordnungspolitisches Vergehen und Flickschusterei“, kritisiert Schmitz, der vor wenigen Tagen seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Auf 2 Milliarden Euro im Jahr veranschlagt er den Finanzbedarf für einen deutschen Kapazitätsmarkt. „Umgerechnet auf die Kilowattstunde, sind das 0,4 Cent – ein sehr überschaubarer Preis für eine sichere Stromversorgung.“

Der Vorstandschef des Ruhrkonzerns zählt dabei auch auf die politische Unterstützung der neuen nordrhein-westfälischen Landesregierung. „Sie steht für Rationalität in dieser Diskussion. Die Versorgungssicherheit rangiert weit oben im Koalitionsvertrag. Mit Sicherheit wird dann auch über eine Art der Vergütung nachgedacht.“ Bei den augenblicklichen Strompreisen kommen selbst die RWE-Braunkohlekraftwerke nur noch gerade so zurecht. „Wir brauchen mindestens 28 Euro je Megawattstunde, damit wir kein Geld verbrennen“, sagt Schmitz. An der Börse gibt es derzeit um die 30 Euro, es ist also ziemlich knapp.

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Dabei kommt RWE zugute, dass die Kosten für die Emissionsrechte mit gut 5 Euro je Tonne Kohlendioxid ausgesprochen günstig zu haben sind. Schon eine Verknappung der Zertifikate, wie sie die Europäische Kommission plant, könnte die RWE-Rechnung über den Haufen werfen. Erst recht natürlich Forderungen aus Paris nach einem Mindestpreis von 30 Euro je Tonne CO2. „Das ist reiner Protektionismus. Wegen des hohen Anteils von Atomstrom könnte Frankreich damit prima leben, aber die deutsche Industrie wäre nicht mehr wettbewerbsfähig“, beschreibt Schmitz die sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen. Dass die deutschen Grünen ebenfalls nach einem CO2-Mindestpreis riefen, „hat mit Vernunft nichts mehr zu tun“.

Letztlich ist Schmitz indes zuversichtlich, dass die deutsche Politik die Rahmenbedingungen für die Energieversorger nicht weiter verschärfen wird. Sein Optimismus stützt sich auch auf den mit der Bundesregierung ausgehandelten Kompromiss zur Zwischen- und Endlagerung des Atommülls. Am kommenden Montag wird die RWE-Zahlung von knapp 7 Milliarden Euro für den Kernenergiefonds fällig. „Das war eine teure, aber auch eine kluge Lösung. Die Schützengräben sind wieder zugeschüttet worden, es ist neues Vertrauen entstanden. Das sollte auch in der Diskussion über die Zukunft der Kohleverstromung für mehr Rationalität sorgen“, hofft Schmitz.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bünder, Helmut (bü.)
Helmut Bünder
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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