Schwellenländer

Indische Aktien sollten nüchterner betrachtet werden

27.06.2005
, 17:05
Der Chart zeigt die Entwicklung des Sensex.
Brasilien, Rußland, Indien, China - die Zauberwörter für Investoren in den vergangenen Jahren. Allmählich ist es jedoch Zeit, für eine nüchternere Betrachtung.

Das Zauberwort heißt BRIC. Es steht für Brasilien, Rußland, Indien und China. Diese werden - so meinen Investmentstrategen - Mitte des Jahrhunderts zu den sechs größten Volkswirtschaften der Welt gehören. Indien scheint da auf dem besten Weg zu sein. Mit einem realen Netto-Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 6,2 Prozent in den vergangenen zehn Jahren ist der Subkontinent zu einerder am stärksten aufstrebenden Volkswirtschaften der Welt geworden.

Ermöglicht hat dies ein Reformweg, der 1991 eingeschlagen und der bestrebt ist, die Fesseln des dritten Weges einer Mischung aus Privat- und Staatswirtschaft abzuwerfen, den Indien seinerzeit nach der Unabhängigkeit eingeschlagen hatte. Das hohe Wachstum hat in Verbund mit der wachsenden Konsumkraft der indischen Bevölkerung zahlreiche ausländische Investoren nach Indien gelockt: Zwischen 1990 und 2002 stiegen die ausländischen Direktinvestitionen von der für Indiens Größe lächerlichen Summe von 162 Millionen Dollar auf 3,5 Milliarden um das 21fache.

Den Aktienmarkt beflügelt

Beflügelt hat dies auch den indischen Aktienmarkt. Der Leitindex Sensex der Börse in Bombay startete 1990 bei 659,30 Punkten. Mittlerweile hat er 984 Prozent zugelegt und steht bei 7.148,62 Punkten. Im selben Zeitraum haben es der S&P-500 und Dow Jones auf 300 Prozent, der Dax nur auf 150 und der FTSE-100 sogar nur auf 110 Prozent.

Der Weg verlief dabei keineswegs kerzengerade, sondern war von langen Seitwärtsphasen und tiefen Einbrüchen gekennzeichnet, zuletzt im Mai 2004, als der Leitindex Sensex an einem Tag mehr als 15 Prozent verlor. Seitdem ging es aber auch wieder 59 Prozent nach oben.

Wer also auf dem indischen Elefanten reiten will, muß sich daran gewöhnen, daß es gelegentlich mal etwas rüttelt. Aber auch dann stellt sich bisweilen die Frage ob der Dickhäuter nicht bereits zu schnell unterwegs ist und im Dschungel euphorischer Erwartungen ins Stolpern gerät.

Keine guten Wachstumsnachrichten

Einen Dämpfer gab es am Montag. Nach Angaben der FAZ ließ der indische Ministerpräsident Manmohan Singh verlauten, daß Indien sein selbstgestecktes Wachstumsziel nicht erreichen wird. Zwar plane man weiterhin bis 2007 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von sieben bis acht Prozent jährlich. Das Ziel von 8,1 Prozent Durchschnittswachstum innerhalb des am 31. März 2007 endenden Fünfjahresplans aber sei zu ambitioniert. „Selbst wenn wir das Wachstum in den kommenden beiden Jahren erreichen, werden wir das ursprüngliche Ziel für den Fünfjahres-Plan verfehlen“, sagte Singh.

Das Fatale daran ist, daß die Regierung Singh bei ihrer Amtsübernahme im Mai vergangenen Jahres selbst gesagt hatte, acht Prozent jährliches Wachstum seien notwendig, um die Armut weiter Teile der Bevölkerung zu verringern und mit dem Nachbarn China mithalten zu können.

Den Grund für die Notwendigkeit zur Zurücknahme der noch von der Vorgänger-Regierung verabschiedeten Ziele sieht Singh vor allem im mangelnden Wachstum der Landwirtschaft. „Der Eckpunkt des Fünfjahres-Plans war eine Umkehr des immer schwächer werdenden Wachstums in der Landwirtschaft. Das Ziel lag bei einem Agrarwachstum von vier Prozent. Unglücklicherweise aber hat sich die Lage des Agrarsektors weiter verschlechtert, so daß sein Wachstum seit 2002 wohl die 1,5 Prozent jährlich kaum übertroffen haben wird“, räumt Singh ein.

Fast zwei Drittel der Bevölkerung Indiens lebt von Ackerbau und Viehzucht. Die Landwirtschaft trägt noch ein Fünftel zum BIP bei, und die Landbevölkerung ist damit die entscheidende Nachfragekraft in Indien.

Keine Panik

Damit bleibt das Land weiter abhängig vom Monsun-Regen, der auch den Verlauf der Börse stark beeinflußt. Zwar waren die Regenwerte in diesem Jahr bislang normal, doch kritisch werden die kommenden vierzehn Tage.

Das alles ermutigt nicht unbedingt, aber allem Anschein nach ist Panik derzeit unangebracht. Das Wachstum in Indien wird offenbar nicht die bisherigen - vielleicht etwas zu euphorischen - Erwartungen erfüllen.

Unter diesen Umständen ist es vielleicht Zeit für eine nüchternere Bewertung indischer Aktien. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Leitindex Sensex für das laufende Jahr liegt derzeit bei rund 14. Das ist für die Börse eines Schwellenlandes - und das ist Indien trotz aller Euphorie weiterhin - eine reichlich gute Bewertung. Der Dax ist derzeit beispielsweise mit einem KGV von 12,8 bewertet.

Einige sind überbewertet

Einige Werte im Sensex zeigen Anzeichen einer Überbewertung. Die höchste Bewertung mit 24,4 hat indes der Konsumgüterproduzent Hindustan Lever. Dahinter steckt die Phantasie des Kaufkraftpotentials der riesigen indischen Bevölkerung. Doch gerade da zeigt sich ein schwächeres Wachstum und die Abhängigkeit von der Agrarproduktion am deutlichsten. Eine Abschwächung des Konsums dürfte Hindustan Lever also am deutlichsten spüren.

Mit einem KGV von über 20 sich auch andere Titel bewertet - etwa die Pharma-Unternehmen Dr. Reddy's und Ranbaxy bringen es auf eine Bewertung, die deutlich über der von Eli Lily, Novartis oder GlaxoSmithkline liegen. Der Markt traut den Titeln ohnehin nicht über den Weg. Ranbaxy gehen seit Anfang 2004 in einem volatilen Korridor seitwärts, Dr. Reddy haben seit ihrem Hoch Ende 2003 mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren.

Auch Software-Titel wie Infosys oder Wipro sind mit KGVs um 20 herum bereits ehrgeizig bewertet - nämlich etwa so wie Microsoft. Dabei stehen die Firmen im globalen Wettbewerb und müssen sich vor allem auf dem nordamerikanischen Markt behaupten. Indien als Produktionsstandort hat jedoch die internationale Konkurrenz auch schon längst für sich entdeckt.

Fragezeichen bei Rohstoffwerten

Aber das KGV ist es nicht allein. Am anderen Ende der Bewertungsskala stehen etwa Aluminiumproduzent Hindalco mit einem KGV von 6,5 oder Stahlproduzent Tata Iron & Steel. Doch die Preise für Aluminium befinden sich auf Talfahrt. Hindalco mußte in den vergangenen zwei Monaten jeweils die Prerise senken. Und im Stahlbereich ist der Optimismus auch im Schwinden - vielmehr wird mit einer Stagnation auf hohem Nieveau gerechnet. Das gilt auch für Indien. Tat-Konkurrent Steel Authority hat die Preise bereits gesenkt. Es wird vermutete, daß Tata wird früher oder später folgen müssen.

Schwächen zeigen sich auch in der Industrie. Maschinenbauer Larsen & Toubro blieb aufgrund steigender Kosten im letzten Quartal des vergangenen Geschäftsjahres unter den Erwartungen.

Günstige Banken

Weiter profitieren sollten auch bei schwächerem Wachstum Werte, die geeignet sind Leistungen für den drängendsten Nachholbedarf des Landes liefern zu können und nicht die, die am Weltmarkt oder am Binnenkonsum hängen.

Ministerpräsident Singh hatte während seines Wahlkampfes immer wieder betont, die Landbevölkerung besonders unterstützen zu wollen, und sich damit die Stimmen der Bauern und der Armen gesichert. Nun betonte er erneut, Indien müsse die allgemeinen Investitionen in den Landwirtschafts-Sektor erhöhen, die Wasserversorgung und Infrastruktur ausbauen, die Kredite für die Bauern aufstocken und die Sortenvielfalt des Anbaus erweitern.

Das sind gute Voraussetzungen, bespielsweise für die verhältnismäßig günstig bewerteten Banken, wie die ICICI Bank mit einem KGV von 10,3, die gerade im Bereich der Agrarkredite expandieren möchte. Gut steht auch die HDFC Bank da, die im vergangenen Geschäftsjahr den Gewinn um 31 Prozent steiegern konnte. Allerdings ist sie mit einem KGV von 15 längst nicht so günstig bewertet wie die Aktie von ICICI.

Auch außerhalb des Sensex bietet sich ein ähnliches Bild. Schnäppchen sind kaum zu machen, besonders günstig bewertet sind Bankentitel. Aber hier gilt es vorsichtig zu sein. In vielen Banken hängt noch der indische Staat mit einer Beteiligung drin. Nachlassendes Wachstum und der Wunsch, den Agrarsektor zu entwicklen, könnten über politischen Druck längerfristig Spuren in den Bilanzen hinterlassen. Insgesamt ist es also Zeit, Investments in Indien genauer zu prüfen. Die Chancen sind allemal da.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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