Quartalssaison

Kommt ein weiteres Kursfeuerwerk?

Von Norbert Kuls
05.07.2017
, 07:30
Der Aluminiumkonzern Alcoa aus Pittsburgh legte als erster seine Zahlen vor.
Die erste Jahreshälfte brachte in den Vereinigten Staaten kräftige Gewinne mit sich. Doch Börsianer fürchten nun, dass es damit im zweiten Halbjahr vorbei sein könnte.
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Das Kursfeuerwerk zum amerikanischen Unabhängigkeitstag am Dienstag hatte für Börsianer an der Wall Street in diesem Jahr symbolhafte Bedeutung. Nach kräftigen Gewinnen im ersten Halbjahr stellen sich Anleger nämlich die Frage, ob die Kurssteigerungen auch noch in der zweiten Jahreshälfte anhalten werden. Viele Anlagestrategen bei großen Banken und Wertpapierhäusern scheinen die Kursraketen jedenfalls für weitgehend ausgebrannt zu halten. Die durchschnittlichen Prognosen der Wall-Street-Auguren für den breitgefassten Aktienindex S&P 500 zum Jahresende liegen derzeit bei 2439 Punkten – nur 10 Zähler über dem aktuellen Niveau.

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Zwar ist nicht auszuschließen, dass die Marktstrategen ihre Prognosen angesichts des stärksten Jahresauftakts seit Jahren noch nachbessern werden. Aber selbst das muss nicht in überbordendem Optimismus münden, wie der Fall der Investmentbank Goldman Sachs zeigt. Goldman-Stratege David Kostin hatte das Kursziel für den S&P500 kürzlich von 2300 auf 2400 Zähler angehoben, weil die Analysten der Investmentbank mit höheren Gewinnen für Technologieunternehmen und Finanzinstitute rechnen. Aber selbst eine Prognose von 2400 Punkten unterstellt bis zum Jahresende einen leichten Rückgang.

Kursentscheidend sind die Unternehmensgewinne

Der S&P500 ist seit Anfang Januar um 8,4 Prozent gestiegen. Entscheidend für die weitere Kursentwicklung dürfte der Trend der Unternehmensgewinne sein, der langfristig wichtigste Treibstoff für Aktienkurse. Nach der traditionell ruhigen Feiertagswoche wird sich das Interesse der Börsianer daher rasch auf die anstehende Bilanzsaison für das zweite Quartal richten.

Nach Angaben des Informationsdienstes Factset rechnen Branchenanalysten für die im S&P500 abgebildeten Unternehmen im zweiten Quartal mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Regel übertreffen Unternehmen diese Prognosen leicht, da die Finanzchefs der Konzerne während des Quartals versuchen, die Erwartungen der Wall-Street-Analysten zu mäßigen. Der Grund: Aktienkurse reagieren positiv, wenn Unternehmen die Prognosen übertreffen.

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Wachstum wegen schwacher Ölpreise im Vorjahr

Die schon jetzt in den Kursen enthaltenen Erwartungen sind aber überdurchschnittlich hoch. Factset beziffert das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für den S&P500 auf Basis der Gewinnschätzungen für die kommenden 12 Monate auf 17,7. Diese Bewertungskennziffer liegt damit sowohl klar über dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre (15,3) als auch der vergangenen zehn Jahre (14,0). Vorsichtige Strategen an der Wall Street fürchten daher, dass die Gewinne der Unternehmen die bereits gestiegenen Aktienkurse möglicherweise nicht rechtfertigen können. Die Gewinnprognosen der unterschiedlichen Aktienmarktsegmente laufen zudem stark auseinander. Den stärksten Anteil am allgemeinen Wachstum werden Energieunternehmen haben, deren Gewinne sich verdreifachen dürften. Das liegt vor allem an den extrem schwachen Ergebnissen des Vorjahres, als die Branche von schwachen Ölpreisen überrascht wurde.

Die Ölpreise sind im zweiten Quartal 2017 zwar erneut gefallen, was zu entsprechend nachgebenden Gewinnprognosen und Aktienkursen geführt hat. Die Preise lagen im Durchschnitt aber immer noch über dem Niveau des Vorjahres. Auf den weiteren Trend des breiten Aktienmarktes haben Energieunternehmen aber einen vergleichsweise geringen Einfluss, weil sie gemessen am Börsenwert im S&P500 nur ein Gewicht von 6 Prozent haben. Weitaus bedeutender sind Technologiewerte mit einem Anteil von mehr als 22 Prozent, sowie Finanz- und Gesundheitstitel mit jeweils knapp 15 Prozent.

Technologieunternehmen waren im ersten Halbjahr eine der wichtigsten Triebfedern für den Aktienmarkt. Der Composite-Index der elektronischen Börse Nasdaq, die Heimat großer Technologie- und Internetaktien wie Apple, Microsoft, Alphabet oder Amazon, ist seit Jahresanfang um 13,5 Prozent gestiegen – 5 Prozentpunkte mehr als der S&P500. Für das zweite Quartal prognostizieren Analysten derzeit ein durchschnittliches Gewinnwachstum um 9,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Überdurchschnittlich viele Technologieunternehmen hatten zuletzt auch ihre eigenen Quartalsprognosen erhöht. „Die Aussichten für den Rest des Jahres sind ziemlich gut“, kommentierte Mike Baele, Analyst bei der U.S. Bank.

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Grünes Licht für Banken stützt Aktienkurse

Dennoch waren Aktionäre von Technologieunternehmen zuletzt nervös geworden. Börsianer an der Wall Street schichteten in Finanztitel um, die von der Aussicht auf höhere Dividenden und Zinserträge profitierten. Für Finanzwerte im S&P500 unterstellen Analysten derzeit ein Gewinnwachstum von 6,8 Prozent im zweiten Quartal. In den vergangenen Tagen hatten vor allem Bankaktien, deren Kurse nach einem starken Jahresauftakt zurückgefallen waren, eine Aufholjagd gestartet.

Der KBW Nasdaq Bank Index, ein vielbeachtetes Branchenbarometer ist in den vergangenen fünf Tagen um mehr als 5 Prozent geklettert. Das entspricht fast dem gesamten Kursgewinn dieses Jahres. Die großen Banken hatten den jährlichen Stresstest der Notenbank bestanden, haben nach Einschätzung der Bankenaufseher also genug Eigenkapital, um eine schwere Wirtschaftskrise zu überstehen. Die Banken erhalten damit grünes Licht für eine deutliche Erhöhung der Dividendenzahlungen sowie für Rückkäufe eigener Aktien. Diese Maßnahmen stützten in der Regel Aktienkurse.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kuls, Norbert (nks.)
Norbert Kuls
Freier Autor in der Wirtschaft.
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