Börse im besten Zustand

Goldene Zeiten für den Dax

Von Dennis Kremer
26.06.2017
, 18:06
Der Bulle vor der Frankfurter Börse symbolisiert steigende Kurse.
Der Dax eilt von Rekord zu Rekord. Die Anleger können sich freuen. Denn wir erleben gerade die beste aller Börsenwelten.
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Am Ende fehlten gerade einmal 49 Punkte. Minimal war der Abstand, der den Dax am vergangenen Dienstag von einer neuen historischen Schwelle trennte – der Marke von 13.000 Punkten. So aber erreichte das bekannteste deutsche Börsenbarometer zwar ein neues Rekordhoch von 12.951 Punkten, verpasste aber den ganz großen Sprung.

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Doch wer sich unter Profi-Anlegern umhört, muss unweigerlich an eine leicht abgegriffene Redewendung denken: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Denn das Gros der Experten ist sich sicher, dass der große Sprung über die Schwelle von 13000 Punkten nur noch eine Frage der Zeit ist – auch wenn sich der Dax bis zum Wochenschluss wieder ein wenig von diesem Ziel entfernte. Natürlich vermag an der Börse niemand zu sagen, ob der nächste Rekord nun schon in der nächsten Woche ansteht oder erst in zwei Monaten. Aber alle sind sich einig, dass bald damit zu rechnen ist.

Das Jahr 2017 ist bislang ein äußerst seltsames Börsenjahr. Aktienmärkte, das wissen nicht wenige Anleger aus eigener leidvoller Erfahrung, neigen zu Schwankungen – die Kurse steigen und fallen mitunter wie wild, sie sind auf kurze Sicht unberechenbar. In diesem Jahr allerdings sind die Schwankungen so gering wie nie in der jüngeren Dax-Geschichte. Von kleinen Unterbrechungen abgesehen, steigen die Kurse ohne Unterlass von einem Rekordhoch zum nächsten. Fast zehn Prozent hat der Dax seit Januar bereits hinzugewonnen. Auch wenn es im Zusammenhang mit Aktienmärkten merkwürdig klingen mag, weil sie mitunter in kürzester Zeit die Richtung wechseln können: Die Börse befindet sich zurzeit im besten Zustand, den man sich nur wünschen kann. „Goldilocks“-Szenario nennen die Amerikaner einen solchen Zustand in Anlehnung an ein Märchen, in dem ein Mädchen namens Goldilocks den besten Haferbrei seines Lebens isst – „nicht zu heiß, nicht zu kalt, genau richtig“.

Bild: F.A.Z.

Umstände, wie sie sich Anleger nicht besser wünschen könnten

Selbst erfahrene Investoren sind verblüfft darüber, wie gut es zurzeit an den Börsen läuft. Klaus Kaldemorgen, seit Anfang der 1980er Jahre in Diensten der Fondsgesellschaft DWS und einer der bekanntesten deutschen Fondsmanager, sagt: „Ich kann mich in meiner Laufbahn an keine Zeit erinnern, in der die Lage an den Aktienmärkten so freundlich war.“ Ganz ähnlich sieht dies Henning Gebhardt, Chefanleger der Hamburger Privatbank Berenberg und seit Jahrzehnten im Geschäft: „Wir befinden uns in einem perfekten Börsenumfeld, wie ich es in meiner Karriere noch nie erlebt habe.“

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Nun könnte man sagen: Was ist von Profianlegern, die mit dem Verkauf von Fonds ihr Geld verdienen, auch anderes zu erwarten? Doch das Bemerkenswerte an diesen Aussagen ist, dass die Starmanager in der Vergangenheit nie durch übertriebenen Optimismus aufgefallen sind. Insbesondere Kaldemorgen gilt als besonders vorsichtig. Beide Männer sind außerdem lange genug dabei, um die besondere Perfidie der Börse zu kennen: Gerade dann, wenn alles scheinbar wunderbar läuft, können die Kurse plötzlich fallen. Um dieses seltsame Börsenjahr 2017 besser zu verstehen, muss man sich darum beidem widmen – den idealen Bedingungen und dem Unbehagen, das die Rallye bei manchen hervorruft.

Um mit den Idealbedingungen zu beginnen: Tatsächlich treffen derzeit Umstände zusammen, wie sie sich Anleger nicht besser wünschen können. Da sind zunächst die guten Nachrichten von der Konjunktur. Die deutsche Wirtschaft wächst, die Ökonomen des ifo-Instituts haben erst in der vergangenen Woche die Prognose für 2017 auf 1,8 Prozent angehoben. Das ist sicherlich kein überragender, sondern allenfalls ein solider Wert, aber genau das kommt an der Börse üblicherweise gut an.

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„Es sind keine Überhitzungstendenzen zu erkennen“, sagt Berenberg-Chefanleger Gebhardt. Hinzu kommt, dass nicht nur die deutsche Wirtschaft wächst, sondern dass auch andere Länder sich wieder in besserer Verfassung befinden. Dies gilt sowohl für südeuropäische Staaten wie Spanien und Portugal als auch für Schwellenländer wie Brasilien und Russland sowie immer noch für die Vereinigten Staaten. Gerade für viele Dax-Konzerne ist das wichtig – sie erzielen einen gewichtigen Anteil ihrer Einnahmen durch Exporte.

Niedrige Zinsen machen Aktien attraktiver

Kein Wunder, dass in einem solchen Umfeld auch die Gewinne vieler Firmen steigen – oft werden gar zweistellige prozentuale Zuwächse erwartet. Dies mag langweilig klingen, ist für die Börse allerdings entscheidend. Denn ob eine Aktie teuer ist oder nicht, lässt sich nicht am Kurs ablesen, sondern viel besser am Verhältnis des Aktienkurses zum Unternehmensgewinn. Gerade wenn an den Börsen neue Rekordstände erreicht werden, gilt es darum immer zu prüfen, ob die Unternehmensgewinne sich quasi im Gleichklang mit den Kursen entwickelt haben. Für den Dax fällt diese Prüfung ausgesprochen positiv aus: Das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt derzeit bei einem Wert von 15 und damit nur leicht über dem langjährigen Durchschnitt. Anders gesagt: Auch wenn längst nicht alle Dax-Aktien spottbillig sind, sind sie mit Sicherheit nicht zu teuer.

Börse
Der Dax ist auf Erholungskurs
© Reuters, reuters

Es gibt außerdem einen strukturellen Grund, der Aktien attraktiver als andere Anlagearten macht und den selbst unerfahrene Anleger mittlerweile kennen dürften. Die Rede ist von den niedrigen Zinsen, insbesondere im Euroraum. Dass das Argument bekannt ist, ändert aber nichts an seiner Richtigkeit, wie ein Vergleich zeigt: Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bringen zurzeit gerade einmal 0,3 Prozent Rendite – da sind Dax-Aktien trotz ihrer höheren Kursschwankungen mit einer Dividendenrendite von derzeit 2,7 Prozent (die Kennzahl setzt die Ausschüttungen ins Verhältnis zum aktuellen Kurs) deutlich interessanter.

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Alles bestens also? Eigentlich schon. Fragt sich nur, ob dies auch so bleibt: „Nicht zu heiß, nicht zu kalt, genau richtig.“ Das leichte Misstrauen, das erprobte Fahrensmänner wie Klaus Kaldemorgen trotz aller positiven Daten erfasst, speist sich aus einer Mischung aus Erfahrung und Statistik. Blickt man in die Historie des Dax, zeigt sich, dass es eigentlich nie ein Jahr ohne größere Kursverluste gab. 2015 beispielsweise hätten Anleger im ungünstigsten Fall fast 24 Prozent Verlust machen können, 2016 hätte ihr Minus im schlechtesten Fall rund 19 Prozent betragen. Einzige Ausnahme von der Regel bislang: das Jahr 2017.

Klaus Kaldemorgen erklärt sein Unbehagen daher so: „Gerade dass es nicht viel besser kommen kann, macht skeptisch. Denn woher sollen die positiven Überraschungen kommen, die die Kurse weiter nach oben treiben?“ Zudem mögen Profi-Anleger traditionell die Juli-Wochen nicht, weil in der ruhigen Ferienzeit eigentlich unbedeutende Ereignisse (wie zum Beispiel eine leichte Änderung der Konsumentenzufriedenheit) plötzlich an Wichtigkeit gewinnen und zu hohen Kursausschlägen führen können.

Zinsanstieg sei erst einmal nicht zu erwarten

Soll das nun also bedeuten, dass man beim Aktienkauf ausgerechnet dann vorsichtig sein soll, wenn die Bedingungen für Aktien nahezu perfekt sind? Das wäre die falsche Schlussfolgerung. Es ist eine Binsenweisheit, dass an der Börse Kursverluste stets möglich sind – und sei es nur, weil einige Anleger nach der Rallye der vergangenen Monate Kasse machen. Doch anders als den Profis kann normalen Anlegern die kurzfristige Wertentwicklung ihres Portfolios, um die sich Fondsmanager wie Kaldemorgen sorgen, in der Regel egal sein. Denn während Fondsmanager in den Vergleichsranglisten zurückfallen, wenn sie einige Monate schlechter abschneiden als die Konkurrenz, können Privatanleger die Angelegenheit etwas gelassener angehen.

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Das geht natürlich nur, wenn man das Geld nicht kurzfristig braucht, aber dann wären Aktien ohnehin die falsche Anlageart. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, sollte jedoch beherzt von den jetzigen Idealbedingungen profitieren. Denn die größte Sorge, die sich Aktienanleger in diesen Zeiten machen müssen, hat weder mit der Konjunktur noch mit der manchmal trügerischen Ruhe der Sommermonate zu tun.

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„Zu einer echten Abkehr von Aktien würde es nur dann kommen, wenn Anleihen wieder als ernsthafte Alternative wahrgenommen würden, die Zinsen also wieder steigen würden“, sagt der Kölner Vermögensverwalter Bert Flossbach. „Doch das ist erst einmal nicht zu erwarten.“ Es spricht viel dafür, dass er recht hat. Denn die Inflation im Euroraum ist zuletzt auf 1,4 Prozent gefallen – die Europäische Zentralbank (EZB) wird also wenig Handlungsdruck verspüren. Zumal kleine Veränderungen des Leitzinses an den Renditen von Anleihen mit längeren Laufzeiten zunächst nicht allzu viel verändern, wie das Beispiel Amerikas zeigt. Trotz mittlerweile vier Leitzinserhöhungen ist die Rendite amerikanischer Staatsanleihen bislang kaum gestiegen.

Die Zeichen für deutsche Aktien stehen also gut, der Kauf eines günstigen Dax-ETF, der die Wertentwicklung des Börsenbarometers exakt nachbildet, kann sich für Anleger lohnen. Wer sein Schicksal lieber einem Fondsmanager anvertrauen möchte, hat beispielsweise mit Henning Gebhardts Fonds „Berenberg Aktien-Strategie Deutschland“ oder mit dem „DWS Deutschland“ gute, wenn auch etwas teurere Optionen zur Hand.

Es ist wahr, Aktienmärkte haben mitunter ein störrisches Wesen. Doch es hat lange keinen so guten Moment mehr gegeben, um die Börsen lieben zu lernen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kremer, Dennis
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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