Technische Analyse

Führungswechsel in Europa

Von Achim Matzke
17.09.2021
, 15:24
Arbeit mit den Technologien von ASML
Am europäischen Aktienmarkt kam es zum Führungswechsel. Nestlé wird von ASML verdrängt, bleibt aber ein technischer Zukauf. Kann ASML diese Position halten, auch bei der nächsten Baisse?

In Europa ist es in den letzten Handelswochen zu einem Führungswechsel bei der größten Aktie mit Blick auf die Marktkapitalisierung im Streubesitz gekommen. Nachdem der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé jahrelang diese Position innehatte, wurde der Titel jetzt von der niederländischen ASML, dem Zulieferer für die Chiphersteller, überflügelt. Damit hat in Europa – etwa vergleichbar zu der Entwicklung in den USA, wo in den letzten Jahren einige Megatechnologieunternehmen eine sehr prägende Rolle an der Wall Street eingenommen haben – auch ein Technologieunternehmen wieder die Führungsrolle übernommen.

Aus technischer Sicht weist ASML aber nach der technischen Bilderbuch-Hausse eine deutlich überkaufte Struktur auf, sodass der Titel aktuell nur eine gute Halteposition darstellt. Hingegen ist und bleibt Nestlé der technisch defensive Wachstumswert und ein technischer (Zu-)Kauf.

Im Stoxx 600, in dem aktuell die führenden europäischen Aktien zusammengefasst sind, ist mit Blick auf die dort vertretenen 20 Sektoren der Stoxx Technology, der zurzeit 36 Titel umfasst, bereits der drittgrößte Sektor, auf Basis der Marktkapitalisierung nach Streubesitz. In der Eurozone ist der Euro Stoxx Technology, in dem 21 Titel enthalten sind, bereits der größte Sektor. Hier zeigt sich, dass auch in Europa der Technologiebereich an den Aktienmärkten eine immer bedeutendere Rolle einnimmt. Im Euro Stoxx 50 ist ASML bereits mit Abstand der größte Titel und hat jetzt ein Index-Gewicht von mehr als 10 Prozent erreicht.

Auch der Euro Stoxx 50 hat eine Kappungsgrenze von 10 Prozent. Wenn der Index-Anteil eines Titels bei einer Quartalsanpassung, die jeweils zu den Schlusskursen am dritten Freitag im Quartalsendmonat stattfindet, mehr als 10 Prozent beträgt, wird das Index-Gewicht dieser Aktie bei der Quartalsanpassung auf genau 10 Prozent begrenzt. Bei ASML greift diese Regel jetzt. Dieser Kappungsprozess kam zuletzt im März 2000 – damals bei Nokia – zur Anwendung. Sowohl im Stoxx 50, der auch ausgewählte britische und Schweizer Standardwerte enthält, als auch im Stoxx 600 ist ASML jetzt zur größten Aktie aufgestiegen und hat dort Nestlé, die für viele Jahre diese Position belegt hat, überholt. Hier muss sich noch zeigen, ob – aus mittelfristiger Sicht bei der nächsten Korrektur beziehungsweise Baisse an den europäischen Aktienmärkten – ASML diese Position auch verteidigen kann.

Technischer Nachteil der Bilderbuchentwicklung

ASML, deren Geschäftsschwerpunkte die Entwicklung, die Produktion sowie das Marketing und der Verkauf von Ausrüstungen verschiedenster Art für die Chipindustrie sind, wurde im März 1995 an der niederländischen Aktienbörse gelistet. Seitdem befindet sich dieser Titel – ausgehend von Kursen um 1,29 Euro – in einer sehr langfristigen Hausse-Bewegung. Seit dem Baisse-Tief bei 9,90 Euro im Dezember 2008 im Umfeld der Finanzkrise hat sich diese Hausse-Bewegung nach oben beschleunigt und wird von einem 13-jährigen, zentralen Hausse-Trend begrenzt. Allerdings hat dieser Trend aktuell nur einen geringen Einfluss auf das aktuelle Kursgeschehen. Ausgehend vom Corona-Baisse-Tief bei 177,5 Euro hat der Titel eine ausgeprägte Hausse-Beschleunigung etabliert. Hierdurch liegt jetzt seit dem November 2020 und Notierungen um 304,5 Euro ein idealtypischer Aufwärtstrend vor.

Das Wechselspiel aus neuen Investment-Kaufsignalen, kurzfristigen Aufwärtsschüben und normalen trendbestätigenden Konsolidierungen hat ASML in einer feinen technischen Neubewertung wiederholt auf neue Allzeithochs geführt. Durch diese ausgeprägte relative Stärke im Vergleich der europäischen Standardwerte hat die Aktie die neue Spitzenposition in vielen europäischen Aktienindizes erreicht. Der technische Nachteil dieser Bilderbuchentwicklung ist die mittel- und langfristig deutlich überkaufte Lage, die zur Vorsicht mit Blick auf Neupositionen mahnt.

Da auf dem jetzigen Kursniveau neue (Zu-)Käufe aus technischer Sicht einen sehr stark prozyklischen Charakter aufweisen, stellt die Aktie aktuell nur eine „gute Halteposition“ dar. Der Sicherungsstopp zur Sicherstellung von Kursgewinnen und von Outperformance bei indexorientierten Investments sollte bei 680,0 Euro liegen. Denn fällt ASML unter dieses Niveau, wäre der beschleunigte Bilderbuch-Hausse-Trend zur Seite verlassen, und eine mittelfristige Konsolidierung zum Abbau der überkauften Lage wäre keine Überraschung.

Nestlé bleibt defensiv

Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé ist und bleibt ein defensiver, technischer Wachstumswert. Die Aktie des Konzerns, der vor dem Hintergrund des sich ändernden Verbraucherverhaltens, aber auch der Wachstums- und Renditeerwartungen kontinuierlich sein Produktportfolio verändert und weiterentwickelt, gehört zu den technischen Marathonläufern in Europa. Dies steht für Aktien, die sich in langfristigen Hausse-Bewegungen befinden und im Regelfall während einer neuen Gesamtmarkthausse neue Allzeithochs liefern. Aus langfristiger technischer Sicht bewegt sich der Titel seit dem Jahr 2013 in einer intakten technischen Hausse, die durch einen Hausse-Trend, jetzt bei ungefähr 88,0 Schweizer Franken, begrenzt wird. Im Jahr 2019 kam es – vor der Corona-Baisse im Februar und März 2020 – bei diesem Wert zu einer von Kaufsignalen begleiteten Aufwärtsbeschleunigung. Diese führte den Titel bis zum September 2019 auf 113,2 Schweizer Franken. Hier ergab sich eine Widerstandszone. Unterhalb dieser Widerstandszone etablierte Nestlé dann eine Seitwärtspendelbewegung, die wieder einen trendbestätigenden Charakter nach oben aufwies. Im Sommer ist Nestlé dann mit einem neuen Investment-Kaufsignal, einem Sprung über die Widerstandszone, weitergelaufen und hat die moderate technische Neubewertung wieder aufgenommen.

Infografik ASML: Mittelfristig überkaufte Lage
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Angesichts dessen, dass die Aufwärtsschübe bei Nestlé im Regelfall von einer moderaten Aufwärtsdynamik geprägt sind, deutet sich aber als neues technisches Etappenziel ein Kursniveau um 125,0 Schweizer Franken an. Nestlé, bei denen sich unter Berücksichtigung der kontinuierlich leicht steigenden absoluten jährlichen Dividendenzahlungen mit Blick auf das Jahr 2022 eine Bruttojahresdividendenrendite von ungefähr 2,5 Prozent andeutet, bleibt damit ein defensiver, technischer (Zu-)Kauf.

Der Autor leitet den Bereich Technische Analyse und Index Research der Commerzbank.

Quelle: F.A.Z.
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