Angst vor dem Grexit

Die Börsen in griechischer Hand

Von Dyrk Scherff
21.06.2015
, 18:12
Die Börse spielt verrückt: Anleger fürchten die griechische Staatspleite und das Ausscheiden aus dem Euro.
Der Dax hat seit April zehn Prozent verloren. Die Anleger ängstigen sich vor dem Grexit. Jetzt gilt die Devise: Bloß nicht hektisch werden. Zumal die Folgen eines Euro-Ausstiegs der Griechen wohl nur von kurzer Dauer wären.
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Erst runter, dann rauf, dann wieder runter: Am Ende der Woche notierte der Dax wieder auf dem Niveau vom Montagmorgen. Was harmlos klingt, zeigt die hohe Nervosität an den Börsen. Die Griechenland-Krise hat den Aktienmarkt voll im Griff. Sie ist das beherrschende Thema auf dem Parkett: Ein bisschen Hoffnung auf eine Einigung, und die Kurse schießen nach oben. Scharfe, kompromisslose Worte aus Brüssel und Athen – und sofort geht es bergab. Beides gab es in der vergangenen Woche – und so fiel der Dax in Richtung der Marke von 10.000 Punkten.

Monatelang hat Griechenland die Märkte kaum interessiert, der Dax stieg jede Woche kräftig an, obwohl die Verhandlungen mit der Tsipras-Regierung nicht vorankamen. Ein Grund war das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank, das viel frisches Geld an die Börsen brachte, welches auf den Aktienmarkt strömte. Und die Erwartungen einer wirtschaftlichen Erholung in Europa.

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Doch seit April geht es bergab. „Im Frühjahr war noch viel Zeit zum Verhandeln, und die Griechen hatten noch Geld, ihre Schulden zu bedienen. Deswegen waren die Börsen noch entspannt. Doch jetzt sind die Tresore des Staates so gut wie leer, die Pleite droht unmittelbar“, sagt Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden. „Die Anleger müssen jetzt handeln.“ Und Andrew Bosomworth, der Deutschland-Chef des größten Anleiheinvestors der Welt Pimco, warnt vor Turbulenzen.

Einigung brächte Aktienplus

Nur: Was sollen die Anleger nun tun? Niemand weiß ja, ob die Verhandlungen der europäischen Regierungschefs mit Athen am kommenden Montag oder in den Tagen danach doch noch zu einem Erfolg führen. Oder ob es zu einer Staatspleite Griechenlands mit anschließendem Ausscheiden aus dem Euroraum (Grexit) kommt. Also Aktien zur Sicherheit lieber verkaufen? Oder die gefallenen Kurse zum Einstieg nutzen?

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Eine Umfrage der Bank of America Merrill Lynch unter internationalen Vermögensverwaltern zeigt, dass sie die erste Variante wählen. Sie verkaufen europäische Aktien. Und sie sichern sich gegen fallende Kurse in den kommenden drei Monaten so stark ab wie seit der Lehman-Pleite 2008 nicht mehr. Das zeigt die Besorgnis. „Kommt es zum Grexit, könnte der Dax noch einmal um zehn bis 15 Prozent fallen“, sagt Chefstratege Stephan. Das wäre zwar eine stärkere Korrektur, mehr aber auch nicht.

Einigen sich hingegen die Gläubiger mit Griechenland, könnten die Kurse auch rasch um zehn Prozent auf die alten Rekordstände vom April zulegen. Doch Stephan will nicht auf eine Entscheidung wetten. „Wenn die Chance 50:50 steht, ergibt das keinen Sinn. Man sollte beim Geldanlegen immer bedenken, wie groß die Verluste sein können, wenn man mit seiner Entscheidung falsch liegt.“ Lieber ein paar Gewinne nach oben verpassen, als bei Verlusten voll dabei zu sein, lautet sein Credo. „Die Anleger sollten jetzt nicht den Helden spielen wollen.“

Bild: F.A.Z.

Daran hält sich auch die Deutsche Bank: Stephan hat die Aktienquote in seinem Musterdepot von 40 auf 25 Prozent gesenkt und dabei vor allem dividendenstarke Aktien weltweit verkauft, weil sie in diesem Jahr schon satte Kursgewinne eingebracht haben. Auch den Anteil von Anleihen aus Schwellenländern hat er reduziert. Einen Teil davon hat er in amerikanische Unternehmensanleihen reinvestiert. Vor allem aber hat er seinen Kassenbestand erhöht. Ein Viertel seines Depots macht der derzeit aus – das ist sehr viel und zeigt die Unsicherheit. Denn Rendite bringen die Barmittel so gut wie gar nicht.

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Wenn es zum Grexit kommt, wird es keinen Crash wie nach der Lehman-Pleite geben, erwarten die meisten Experten wie Ulrich Stephan. 2008 war vor allem verheerend, dass niemand wusste, wie viele faule Papiere die Banken besaßen und damit in den Abwärtsstrudel gerissen werden konnten. Das zerstörte das Vertrauen in das Finanzsystem, die Kurse fielen dramatisch.

Diesmal ist hingegen bekannt, dass griechische Staatsanleihen fast nur noch bei öffentlichen Schuldnern wie dem Internationalen Währungsfonds oder der Europäischen Zentralbank liegen. Es ist also klar, wer unter einer Pleite leiden würde, ein Vertrauensschwund ist daher unwahrscheinlich.

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Jüngste Nachrichten stimmen Anleger froh

Die meisten Fachleute glauben, dass die Marktreaktion nur kurz sein wird. Die Kurse werden auch bei einem Grexit am Jahresende höher als jetzt liegen. Von 15 wichtigen von Bloomberg befragten Analysten hat keiner seine Erwartungen für die europäischen Aktienindizes für Ende 2015 gesenkt. Gefragt sein dürften vor allem südeuropäische Aktien, etwa aus Spanien und Italien, aber auch deutsche Exportwerte.

Rasch würden sich die Märkte nach einem Grexit auf die anderen großen Themen des Jahres konzentrieren: die wirtschaftliche Entwicklung in Europa und vor allem die anstehende Zinserhöhung in Amerika.

Die jüngsten Nachrichten dazu machen den Anlegern eher Freude und könnten mögliche Turbulenzen im Zuge der Griechenland-Krise abfedern. So hat die amerikanische Notenbank gerade die teils für den Juni noch befürchtete Anhebung der Leitzinsen, die erste seit 2006, ausfallen lassen. September oder Dezember gelten mittlerweile als mögliche Termine für eine Anhebung. Präsidentin Janet Yellen hat aber jetzt betont, dass die Zinsen danach keineswegs rasch weiter steigen müssten, sondern nur, wenn die wirtschaftlichen Daten das rechtfertigen würden. Das hat die Märkte erst mal beruhigt.

Grexit hätte nur kurzweilige Wirkung auf Euro

Ein zweites positives Signal sendet gerade die Gewinnentwicklung der europäischen Unternehmen. Mehrere Jahre mussten die Analysten ständig ihre Erwartungen an die Geschäftsergebnisse reduzieren. Im ersten Quartal dieses Jahres haben sie ihre Prognosen jedoch erstmals stärker angehoben als gesenkt. Für 20 Dax-Gesellschaften wurden die Erwartungen erhöht. Jetzt wird für das Gesamtjahr mit einem Anstieg der Gewinne um 15 Prozent gerechnet.

Für das zweite Quartal könnten viele Analysten ihre Prognosen ebenfalls nach oben korrigieren. Das zeigt: Europas Unternehmen geht es besser. „Unsere Gewinnerwartungen scheinen zu konservativ“, räumt Andreas Hürkamp, Leiter der Aktienmarktstrategie der Commerzbank, ein. Sollte das zweite Quartal ähnlich gut wie das erste verlaufen, müsste er sein Ziel für den Dax von derzeit 11.800 Punkten erhöhen. Ulrich Stephan von der Deutschen Bank hat es gerade schon auf 12.000 Punkte angehoben.

Für Störungen könnte allenfalls der Euro sorgen. Er steigt wieder. Je länger die amerikanische Notenbank Fed mit der Zinserhöhung wartet, desto mehr bremst sie die Aufwertung des Dollars. Zumal die gute Gewinndynamik der europäischen Unternehmen Geld nach Europa lockt und damit den Euro stärkt. Ein Grexit würde den Eurokurs nur kurz belasten, meinen die meisten Experten. Würde der Euro aber zu stark, litten Europas Exportaktien. So weit ist es jedoch noch nicht. Noch hängen Wohl und Wehe an den Aktienmärkten weiter vor allem von der Entwicklung in Griechenland ab. Die nächste Woche könnte da schon eine Vorentscheidung bringen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Scherff, Dyrk
Dyrk Scherff
Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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