Chance 2021

Alles Corona oder was?

Von Inken Schönauer
25.11.2020
, 09:01
Für Reise- und Luftfahrt-Titel brauchen Anleger gute Nerven, die Pharmabranche ist einen Blick wert. Was sind die Chancen für das Jahr 2021? Wir geben den Überblick in einer neuen Serie zur Geldanlage.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Als wir vor rund einem Jahr über die Chancen 2020 schrieben, waren die Schlagworte klar: Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit. Für diejenigen, die es dann noch ein bisschen diversifizierter wollten, kamen noch die Unterpunkte Gold, ETFs, Fintechs, Private Equity oder auch grüne Anleihen hinzu. All das waren unsere Chancen für Anleger im Jahr 2020.

Die Themen waren keinesfalls falsch gesetzt, die Liste war nur unvollständig. Was keiner auf dem Zettel hatte, war das Coronavirus. Mit aller Macht drängt das Virus in alle Bereiche des Lebens vor und lässt nichts unverschont. Auch aus Anlegersicht hat das Virus vieles verändert. Die Themen bleiben uns 2021 erhalten, und doch hat sich so manches verschoben.

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Tourismus und Luftfahrt boten aus Anlegersicht schon immer nicht ganz einfache Investmentoptionen, aber für Anlagen in diesen Sparten muss man starke Nerven und ein dickes finanzielles Polster haben. In Zeiten, in denen sogar in Deutschland Risikogebiete ausgewiesen werden, rücken Reisen ins Ausland vorerst in weite Ferne.

Unternehmen wie TUI oder auch die Deutsche Lufthansa brauchen die Hilfe des Staates, um überhaupt überleben zu können. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte gesagt, dass die Lufthansa 500 Millionen Euro im Monat an Geldabflüssen hat. Das sind umgerechnet eine Million Euro alle 90 Minuten. Boeing musste verkünden, dass sie in den nächsten zehn Jahren mit einem deutlich geringeren Bedarf an neuen Verkehrsflugzeugen rechnen. Die Nachfrage werde sich erst zwischen 2029 und 2039 wieder erholen. Keine rosigen Aussichten. Kein Wunder, dass die Aktienkurse von Tourismus- und Luftfahrtunternehmen am Boden liegen. Da helfen auch die kurzfristigen Ausreißer nach oben nichts, die dank der Erfolge um den Corona-Impfstoff Luftfahrtaktien beflügelten.

Erholung an den Finanzmärkten

Aktien aber sind tatsächlich ein gutes Stichwort. Denn nach dem Crash im März, als die Anleger geradezu panikartig ihre Aktien verkauften, haben sich die Märkte schnell wieder erholt. Zwischenzeitlich konnte man gar den Eindruck haben, als hätten sich die Finanzmärkte von der darniederliegenden Realwirtschaft abgekoppelt.

Bei näherer Betrachtung ist die Erklärung dafür nicht weit: Es gibt schlichtweg kaum Alternativen zu Aktien. Die Niedrigzinspolitik pumpt immer mehr Geld in die Märkte und macht Aktien attraktiv. Bei Anleihen ist fast nichts zu holen und bei Immobilien droht das Platzen einer Blase. Anleger tun also gut daran, die Zeiten für den Aufbau ihres Aktienbestands zu nutzen. Doch blinder Zukauf ist falsch. „Als Anleger braucht man unbedingt eine Bewertungsdisziplin“, sagt Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien bei Union Investment. „Irgendwann ergibt es keinen Sinn mehr, jeden Preis zu bezahlen.“

Wer auf Einzelaktien setzt, sollte Pharma in den Blick nehmen. Die Corona-Krise hat die Pharmaunternehmen in den Fokus gerückt. Doch muss auch jedem klar sein, dass nicht jeder, der an einem Impfstoff forscht, auch damit Erfolg haben wird. Die Wahrscheinlichkeiten, dass Produkte in die klinische Erprobung und dann auch auf den Markt kommen, sind sehr schwer zu bestimmen. Dennoch gehören Pharma und Biotechnologie zu den Gewinnern dieser Krise, und sie haben ohnehin ein enormes Zukunftspotential. Die Menschen werden immer älter, das Thema Gesundheit oder auch vielmehr die Vermeidung von Krankheiten spielt eine immer wichtigere Rolle.

Mit dem Aktienthema einher geht auch der Lauf, den die ETFs haben. So mancher hat die Corona-Krise genutzt, um sich tatsächlich mit der eigenen Anlagestrategie zu beschäftigen. Der ETF-Markt explodiert – auch weil so mancher Anleger ETFs als ein Aktien-Einsteigerthema begreift.

Ein Dauerbrenner der vergangenen Jahre wird auch 2021 wieder die Nachhaltigkeit sein. Auch wenn so mancher das Thema vielleicht noch immer als Kür abtut, es ist längst zur Pflicht geworden. Große Vermögensverwalter wie etwa der weltgrößte, Blackrock, richten sich praktisch komplett auf dieses Thema aus. Nicht, weil Blackrock es will, sondern weil die Kunden es so wollen. Blackrocks Vizepräsident Philipp Hildebrand hatte im Interview mit der F.A.Z. gesagt, dass der Druck auf die Vorstände, sich mit den Themen zu beschäftigen, kräftig steigt. „Wir leben von unseren Kunden. Wir haben das Thema Nachhaltigkeit ja nicht erfunden oder dem Markt aufgedrängt. Die Kunden treiben das Thema voran.“ Dabei hat Hildebrand durchaus zugegeben, dass es nicht nur um die Rettung der Welt geht. „Es geht eben auch nicht nur um Moral, sondern um bessere Zahlen.“

Sehr lange wurde sich bei der Nachhaltigkeit vor allem um die ökologische Dimension gekümmert. Das liegt auch nahe, denn es geht mit der Klimadebatte einher, die in vollem Gange ist. Vielleicht ist sie in Ansätzen sogar messbar, wenn man an den CO2-Fußabdruck denkt. Schwieriger wird es mit den Sozialkomponenten oder den Gouvernance-Strukturen, die eben genauso zu den vieldiskutierten ESG-Kriterien gehören. Wie lässt sich die Bedeutung von Kinderarbeit in den Lieferketten denn messen? Wann wird die Unternehmensführung in einem Unternehmen zu einem echten Problem?

Unternehmensführung von Wirecard

Der Betrugsfall Wirecard hat offenbart, wie schwierig es ist, klare Grenzen ziehen zu können. Schon lange vor Bekanntwerden des Betrugs wurde diskutiert, ob der Vorstandsvorsitzende Markus Braun nicht zu eng mit dem Unternehmen verbunden ist. Wirecard war schon am Taumeln, als viele noch der Meinung waren, dass Braun als Mastermind von Wirecard unabkömmlich für das Unternehmen sei. Im Sinne einer guten Unternehmensführung ist das sicher nicht. Diese Themen drängen jetzt in den Vordergrund und sind der Ökologie mindestens gleichgestellt. Auch das wird Investoren im kommenden Jahr mehr und mehr beschäftigen.

Interessant wird für Anleger sein, wie es im kommenden Jahr mit den Zahlungsanbietern weitergeht. Auch hier hat Corona ordentlich mitgeholfen. Das kontaktlose Bezahlen und die vielen Bestellungen über das Internet haben den Turbo in diesem Segment gezündet. Dort wird die Entwicklung rasant weitergehen. Immerhin hat auch der Report über die Superreichen in der zurückliegenden Woche gezeigt: Sie investieren in neue Technologien.

In unserer Serie “Chancen 2021“ beschäftigen wir uns mit den diversen Themen die das Jahr 2021 aus Anlegersicht bereit hält. Corona wird sicher eine Rolle spielen. Wer weiß, was wir für 2021 noch gar nicht auf dem Zettel haben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schönauer, Inken
Inken Schönauer
Redakteurin in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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