Anleihemarkt

Die Renditen scheren sich nicht um die Prognosen der Experten

18.10.2004
, 12:57
Der Chart zeigt die Entwicklung der Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihen
Die Renditen am deutschen Anleihemarkt sind inzwischen auf den tiefsten Stand seit sieben Monaten gesunken. Und charttechnisch gesehen sieht es so aus, als ob sie die meisten Experten weiter eines Besseren belehren sollten.
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Die Anleihemärkte erteilen den Zinsexperten derzeit eine Lektion nach der anderen. Denn während die meisten Beobachter schon lange einer baldigen und nachhaltigen Zinswende das Wort reden, fallen die Renditen immer weiter.

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In Deutschland sind die Renditen der zehnjährigen Bundesanleihen mit aktuell 3,87 Prozent inzwischen fast bis auf das Jahrestief von 3,84 Prozent zurückgekommen. Von der viel beschworenen Zinswende ist somit wenig zu sehen. Die wahre Lage läßt sich am besten dadurch beurteilen, wenn man sich erinnert, daß im Jahreshoch die Rendite Mitte Juni noch bis auf 4,42 Prozent geklettert war.

Ölpreis erweist sich als Kursstütze

Doch der Markt hielt sich danach nicht an das vorgeschriebene Skript, das einen weiteren Anstieg in Richtung fünf Prozent vorsah. Sondern die Renditen entschieden sich trotz des stärksten Wachstums in der Weltwirtschaft seit einigen Jahrzehnten für den Weg nach unten. Als große Stütze erweist sich dabei kurioserweise der immer weiter steigende Ölpreis. Denn dies wird momentan eher als Wachstumsbremse und weniger als Inflationsbremse gesehen.

Die auch aus anderen Überlegungen heraus geschürte Sorge vor einem Abschwächen des Wachstums sorgt dafür, daß die Prognosen der meisten Experten bisher nicht eingetroffen sind. Der Trend hin zu fallenden Renditen deckt sich im übrigen tendenziell mit der Inflationsentwicklung. So ist der jährliche Preisauftrieb in der Euro-Zone im September auf 2,1 Prozent nach 2,3 Prozent im August gesunken.

Die Inflationsrate liegt damit zwar noch knapp über der von der Europäischen Zentralbank (EZB) als Zielband für Preisstabilität vorgegebenen Rate von unter zwei Prozent. Aber angesichts der Rahmendaten, wie dem Weltweit strammen Wachstum und den steigenden Rohstoffpreise deutet das aktuelle Niveau doch auch auf im verborgenen arbeitende Deflationskräfte. Im übrigen dürfte die bisherige Inflationsentwicklung auch alle Marktteilnehmer ärgern, die auf der im Zuge einer Modewelle beliebt gewordenen inflationsgeschützten Anleihen setzen. Aber daß sich der Rentenmarkt oft nicht darum kümmert, was die Mehrheit der Anleger denkt, dürfte inzwischen angekommen sein.

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Die Charts signalisieren weiter fallende Renditen

Angesichts dieser Umstände scheint es müßig zu sein, zu viele Gedanken auf eine baldige Zinswende zu verschwenden. Natürlich wird es so sein, daß die Renditen kräftig klettern werden, wenn die Preise doch noch ins Laufen kommen sollten. Doch davon ist momentan noch nichts zu spüren und eine Wende bei den Renditen würde auch durch eine veränderte Nachrichtenlage angezeigt werden, so daß Anleger dann immer noch Zeit haben, entsprechend zu reagieren.

Die Charts sprechen momentan jedenfalls eine eindeutige Sprache und die suggeriert weiter fallende Renditen. Noch tiefere Renditen sind beim momentanen Datenkranz fundamental zwar kaum zu begründen, aber wenn sich die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen auch noch unter die Unterstützungszone zwischen 3,84 und 3,80 Prozent zurückbilden sollte, stünde charttechnisch gesehen anschließend theoretisch sogar ein Angriff auf das Rekordtief bei 3,47 Prozent auf der Agenda.

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Als Katalysator könnte dabei ein fester Euro fungieren, da er die Importkosten drücken würde. Aber auch das ist Musik von Morgen und wer weiß schon, ob dieser Titel auch gespielt wird. Schon jetzt Fakt ist lediglich der Chart, und der zeigt bei der Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen die Möglichkeit der Fertigstellung einer M-Formation. Und ins Deutsche übersetzt, würde das weiter fallende Rendite bedeuten.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @JüB
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