Anleihemarkt

Händler sehen Rendite zehnjähriger Anleihen in Amerika Ende 2005 bei fünf Prozent

21.01.2005
, 14:12
Die großen Handelshäuser rechnen bis Jahresende mit deutlich steigenden Renditen in Amerika. Die Renditen kürzer laufender Anleihen sollen dabei noch stärker steigen als am langen Ende, so das Ergebnis einer Umfrage.

Die großen Bondhandelshäuser an der Wall Street erwarten, daß die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen in diesem Jahr den höchsten Stand seit 2002 erreichen. Die Rendite klettert bis Jahresende auf fünf Prozent, von derzeit etwa 4,17 Prozent, lautet die durchschnittliche Prognose der 22 Primärhändler.

Die Renditeentwicklung würde damit der anziehenden Inflationsrate und den Zinserhöhungen der amerikanischen Notenbank folgen. Infolgedessen dürften sich auch die Fremdkapitalkosten, von Hypotheken bis Kreditkarten, verteuern, weil die zehnjährige Anleiherendite hier als Benchmark gilt. Zum Jahresende 2004 war die Rendite wenig verändert, obwohl die Notenbank fünfmal die Zinsschraube angezogen hat.

„Es ist seit langem überfällig, daß die Rendite nachzieht," sagt Henry Willmore, Chef-US-Ökonom bei Barclays Capital Inc. in New York. „Die Zinsen am langen Ende können eine Zeit lang von der amerikanischen Notenbankpolitik abweichen, aber nicht auf Dauer." Die Bandbreite der Prognosen der Häuser, die direkt mit der Federal Reserve handeln, reicht von vier Prozent bei HSBC Securities USA Inc. bis 5,8 Prozent bei JPMorgan Chase & Co. Eine Rendite von fünf Prozent würde bedeuten, daß der Kurs der umsatzstärksten zehnjährigen Anleihe auf 94 5/8 sinken würde, von derzeit 100 5/8.

Der Chart zeigt die Entwicklung der Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen
Der Chart zeigt die Entwicklung der Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen Bild:

Mit den Prognosen für 2004 lagen die meisten Händler schief

Die meisten Primärhändler lagen allerdings im letzten Jahr mit ihren Prognosen daneben. Im Schnitt hatten 55 Analysten in einer Umfrage prognostiziert, daß die Rendite Ende 2004 bei 5,25 Prozent liegen werden. Sie führten dafür den Konjunkturaufschwung und höhere Emissionen von Staatsanleihen wegen des Haushaltsdefizits an. Tatsächlich betrug die Rendite am Jahresende 4,22 Prozent, nachdem sich die Inflationsrate im zweiten Halbjahr 2004 abschwächte und ausländische Zentralbanken mehr amerikanische Staatsanleihen kauften.

Die amerikanische Notenbank hat im Vorjahr die Zinsschraube fünfmal angezogen, bis auf 2,25 Prozent derzeit. Der Leitzins wird bis 2006 auf 3,5 Prozent steigen, lautet die durchschnittliche Prognose der Primärhändler. In den vergangenen zehn Jahren hat die Rendite der zehnjährigen Anleihe die Fed Funds Rate im Schnitt um etwa 1,3 Prozentpunkte übertroffen, das würde einen Wert von etwa 4,8 Prozent ergeben.

Bereinigt um die Kerninflationsrate läge die zehnjährige Anleiherendite bei etwa zwei Prozent. In den vergangenen zehn Jahren belief sich die Realrendite im Schnitt auf 3 Prozent. „Die Realzinsen sind für eine gesunde gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu niedrig," erläutert Mickey Levy, Chefökonom bei Bank of America Corp. in New York.

Die große unbekannte Komponente ist die Inflation

Die amerikanische Wirtschaft wird im nächsten Jahr etwa 3,6 Prozent wachsen, lautet die Konsensprognose von 69 Ökonomen in einer separaten Umfrage diesen Monat. Bei einer derartigen Wachstumsdynamik ist die Fed-Funds-Rate zu niedrig, um ein Anziehen der Inflation zu verhindern, argumentiert John Ryding, Chefökonom bei Bear Stearns & Co. in New York. „Das große fundamentale Problem am Anleihemarkt ist die Inflation. Und wir werden wahrscheinlich eine höhere Teuerung sehen," als die Anleger im Schnitt erwarten, prognostiziert Ryding.

Höhere US-Leitzinsen werden auch dazu führen, daß Investoren höhere Renditen verlangen, erwartet Brian Fabbrik, Chefökonom bei BNP Paribas Securities Corp. in New York. Investoren können noch einen Anstieg auf 2,25 Prozent ignorieren, „aber wenn es auf 4-1/4 oder 4-1/2 Prozent geht, hat das große Auswirkungen," erklärt Fabbri.

Anderer Meinung sind hingegen die Ökonomen von CIBC World Markets Corp., HSBC und Merrill Lynch. Ein höherer Leitzins dürfte Konjunktur und Teuerung dämpfen, so daß die zehnjährigen Anleiherenditen stabil bleiben oder fallen können, sagen sie. Die Volkswirte, die für dieses Jahr einen Rückgang der Renditen prognostizieren, gehen von einem schwächeren Wirtschaftswachstum infolge der Zinserhöhungen aus.

Zinsdifferenz zwischen dem langen und kürzen Ende soll weiter schrumpfen

Stärker als die zehnjährigen Anleiherenditen dürften die Renditen am kürzeren Ende steigen, die sensibler auf Veränderungen der Fed-Funds-Rate reagieren, ergab die Umfrage. Die zweijährige Anleiherendite, die gegenwärtig bei 3,24 Prozent liegt, wird auf 4,20 Prozent anziehen, lautet die durchschnittliche Prognose.

Der Renditeunterschied zwischen zwei- und zehnjährigen Renditen, der mit 0,98 Prozentpunkten derzeit nahe des geringsten Wertes seit über drei Jahren liegt, wird auf 0,80 Prozentpunkte schrumpfen, erwarten die Ökonomen außerdem. Vor einem Jahr betrug die Differenz noch 2,44 Prozentpunkte. Der geringere Abstand ist ein Zeichen für die Erwartungen der Investoren, daß die Zinserhöhungen das Wirtschaftswachstum und die Inflation abbremsen werden.

Quelle: Bloomberg
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