Anleihenmarkt

Zinswende ohne Schrecken für den Anleihenmarkt

Von Steffen Uttich
05.10.2005
, 19:16
Die Zinswende hat ihren Schrecken verloren. Fällt im Gespräch unter Rentenmarktakteuren dieses Wort, geht inzwischen häufig ein Lächeln durch die Runde. Na klar, seit fast zwei Jahren wird nun schon der bevorstehende Richtungswechsel bei den Marktzinsen angekündigt.

Nach den teilweise historischen Renditetiefs ist eine Kurskorrektur an den Anleihemärkten aus der Sicht gestandener Investoren mehr als überfällig. Doch je lauter steigende Marktzinsen zuletzt herbeigerufen wurden, um so tiefer sanken sie bislang.

Mittlerweile will das Gerede von der Zinswende kaum noch jemand hören. Notorischen Skeptikern, deren Erinnerung an die letzte größere Korrektur vor mehr als zehn Jahren noch frisch ist, weil sie auf dem falschen Fuß erwischt wurden, wird nur noch freundlich auf die Schulter geklopft: Selbstverständlich seien die Warnungen angebracht, und selbstverständlich könne das Niedrigzinsumfeld nicht in alle Ewigkeit fortgeschrieben werden.

Risiko ausgeblendet

Die Zinswende wird kommen. Doch da keiner sagen kann, wann genau es soweit ist, freuen sich diejenigen über ansehnliche Kursgewinne, die in den vergangenen zwei Jahren trotz des allgemeinen Geschreis die Nerven und damit ihre langlaufenden Schuldtitel behielten. Das Risiko ist zunächst einmal ausgeblendet, wie das verbreitete Lächeln bei der Erwähnung des Wortes „Zinswende“ zeigt.

Aber ist es nicht immer dann am gefährlichsten, wenn niemand mit einem Kurswechsel rechnet? Die Argumente für steigende Zinsen sind zumindest wieder stichhaltiger geworden. Im Euro-Raum stiegen die Verbraucherpreise in den vergangenen zwölf Monaten um 2,4 Prozent, in den Vereinigten Staaten sogar um 3,6 Prozent. Ein Inflationsszenario zieht herauf, und zumindest die amerikanische Notenbank scheint gewillt, diesem mit einem weiter steigenden Leitzins zu begegnen. Der Euro als Niedrigzins-, der Dollar als Hochzinswährung, so lautet derzeit die Gleichung. Inzwischen fällt der amerikanische Geldmarktzins sogar höher aus als die Rendite dreißigjähriger Bundesanleihen.

Kein Schlußverkaufsgefühl

Steigende Marktzinsen sind für zwei Personengruppen besonders schmerzhaft. Für Anleger, die im Markt engagiert sind, bedeuten sie Kursverluste. Für Schuldner bedeuten sie wiederum eine höhere Belastung bei der Geldaufnahme, weil mehr für Zinszahlungen draufgeht. Deshalb könnte man eigentlich erwarten, daß in diesem Herbst noch einmal richtig viele Anleihen auf den Markt kommen. Doch das Inflationsszenario spiegelt sich im Neuemissionsgeschäft derzeit nicht einmal in Ansätzen wider. „Business as usual“, heißt es in den Emissionsabteilungen der Investmentbanken. Von Vorziehmanövern, um den derzeit niedrigen Marktzins noch optimal zu nutzen, sei derzeit nichts zu bemerken.

Eine Befreiung wäre eine Zinswende vor allem für Anleger, die nach attraktiven Renditen für ihre liquiden Mittel suchen. Die Verzinsung sicherer Euro-Schuldtitel ist inzwischen kaum noch der Rede wert. So verzweifelt ist die Suche nach der Extraportion Rendite, daß sich ernsthafte Marktstrategen schon einen Schlagabtausch über die Stabilität der isländischen Krone liefern.

Vor einer Woche hieß es an dieser Stelle, die nordische Währung werde sich auch im kommenden Jahr gegenüber dem Euro in fester Verfassung zeigen. Die DZ Bank führte für diese Einschätzung vor allem fundamentale Gründe über die zu erwartende Entwicklung der isländischen Wirtschaft ins Feld. Dagegen reitet nun der unabhängige Chartanalyst Heribert Müller auf seinen Fibonacci-Wellen an. Kürzlich errechnete er auf dieser Basis, daß in den kommenden Monaten mit einem Wertverlust der Krone gegenüber dem Euro von bis zu elf Prozent zu rechnen sei.

Welche Seite auch immer am Ende recht behält: Renditeaufschläge der derzeit angebotenen Kronen-Anleihen von sechs Prozent und mehr gegenüber vergleichbaren kurzlaufenden Euro-Schuldtiteln kann offenbar kein Renteninvestor mehr unbeachtet am Wegesrand liegenlassen.

Quelle: F.A.Z., 06.10.2005, Nr. 232 / Seite 23
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