Geldpolitik

Von der EZB wird eine Zinspause erwartet

Von Stefan Ruhkamp
09.01.2012
, 18:59
Leitzins, Inflationserwartungen, Bilanzsumme
Erstmals in seiner Amtszeit könnte EZB-Präsident Draghi am Donnerstag den Leitzins unverändert lassen. Doch viele Banken erwarten, dass es nach einer kurzen Pause weiter nach unten geht.
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Für das Direktorium der Europäischen Zentralbank dürfte die am Donnerstag bevorstehende Ratssitzung eine doppelte Premiere werden. Erstmals wird der gerade gekürte neue Chefvolkswirt Peter Praet die ökonomische und monetäre Analyse vortragen, und erstmals - so ist die gängige Erwartung auf den Märkten - wird der seit November amtierende EZB-Präsident Mario Draghi im Anschluss an die Sitzung keine Zinssenkung bekanntgeben. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit im November und dann auch wieder im Dezember hatte er den Leitzins gesenkt. Dieser liegt nun wieder auf dem Rekordtief von 1,0 Prozent.

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Donnerstag dürfte es die erste Zinspause unter Draghi geben, vermutet die Mehrheit der Banken. Nur zehn der von Reuters befragten 66 Analysten halten eine Leitzinssenkung am Donnerstag für wahrscheinlich. Auch auf dem Geldmarkt signalisieren die Preise für Terminkontrakte, dass die Marktteilnehmer nur eine geringe Chance für eine Zinssenkung vermuten. Auch für die kommenden Monate ist auf dem Geldmarkt allenfalls die Erwartung abzulesen, dass es eine Wahrscheinlichkeit von weniger als 50 Prozent für einen dritten Zinsschritt nach unten gibt.

Unter den Banken gibt es jedoch schon forschere Stimmen. Die Citigroup erwartet, dass die EZB in den kommenden Monaten ihre Prognosen für Inflation und Wachstum weiter reduzieren und in der Folge bis zum Sommer den Leitzins in zwei Schritten auf 0,5 Prozent reduzieren wird. Dann werde die EZB auch weitere Nothilfen für die Banken beschließen. Unter anderem würden die Ratinganforderungen für die Sicherheiten reduziert und die EZB werde im Sommer auch den erlaubten Anteil von unbesicherten Bankenanleihen im Sicherheitenpool einer Bank erhöhen, vermutet die Citigroup.

Inflationserwartung nähert sich wieder dem Durchschnitt

Fast zwei Drittel der Banken rechnet damit, dass die EZB ihre Zinspolitik weiter lockern wird und den Leitzins bis zum Sommer reduzieren wird - etwa ein Drittel rechnet mit 0,75 Prozent, ein Drittel mit 0,5 Prozent. „Diese Erwartung passt aber nicht zu den erwarteten Wachstums- und Inflationswerten“, sagt Michael Schubert von der Commerzbank. In diesem Jahr rechnen die Banken im Durchschnitt mit einer Schrumpfung der Wirtschaft um 0,2 Prozent und mit einem Zuwachs um 1,1 Prozent im nächsten Jahr. Die Inflationsrate wird in diesem Jahr bei durchschnittlich 1,9, im nächsten Jahr bei 1,8 Prozent erwartet. Damit liegen die Prognosen der Banken nicht allzu weit von dem entfernt, was die Fachleute der EZB vorhersagen. Legt man das Verhalten der Zentralbank in den vergangenen zehn Jahren zugrunde, spricht bei diesen Erwartungswerten nur wenig für eine Änderung des Zinssatzes, sofern sich die wirtschaftliche Lage nicht weiter verschlechtern und damit die Teuerung bremsen sollte.

Gegen eine weitere Zinssenkung spricht außerdem die Entwicklung der Inflation. Zuletzt ist die Inflationsrate für den Euroraum zwar von 3 auf 2,8 Prozent gesunken, das ist aber immer noch weit mehr als das Inflationsziel von knapp 2 Prozent. Zudem haben sich die Inflationserwartungen auf den Kapitalmärkten zuletzt wieder erhöht. Besonders beachtet wird von der EZB ein Erwartungswert, der aus Preisen für Derivate eine Inflationserwartung für den in fünf Jahren beginnenden Zeitraum von fünf Jahren ermittelt. Diese mittelfristige Inflationserwartung war im Oktober erstmals seit einem Jahr auf weniger als 2 Prozent gesunken.

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Inzwischen ist dieser Wert, auf den die EZB immer wieder hinweist, jedoch auf 2,3 Prozent gestiegen. Das ist im langjährigen Vergleich zwar kein hoher Wert, zumal in den Derivatepreisen, aus denen der Erwartungswert abgeleitet wird, Risikoaufschläge enthalten sind. Aber die Inflationserwartung nähert sich wieder dem langfristigen Durchschnitt. Aus der Sicht der EZB verringert sich dadurch der geldpolitische Spielraum. Das dürfte sich am Donnerstag auch in der Kommentierung durch den EZB-Präsidenten Mario Draghi spiegeln, mit der er die Erwartung auf den Märkten zu steuern versucht.

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Heikles EZB-Pfand

In den vergangenen Monaten haben Banken aus den finanzschwachen Euroländern Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro Anleihen begeben, die von ihren Heimatstaaten garantiert sind. Durch diesen Schritt sind sie als Pfand bei der Zentralbank beleihbar, obwohl weder die Banken noch die garantierenden Staaten als sonderlich kreditwürdig gelten. Allerdings sei der Beleihungswert deutlich geringer, heißt es bei der EZB. Nicht alle Anleihen seien als Pfand eingereicht, zudem würden die Anleihen zum täglich ermittelten Marktwert, abzüglich eines nach Rating und Laufzeit bemessenen Abschlags beliehen.

Quelle: F.A.Z.
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