KTG Agrar

Deutschlands größter Bauer erntet 600 Millionen Euro Schulden

Von Jan Grossarth
12.07.2016
, 18:29
KTG-Ölmühle bei Anklam
Die Geschichte vom rasanten Aufstieg und Fall des Agrarkonzerns KTG ist wie ein Krimi von Agrarsubventionen, Klüngel und einem Mann mit unersättlichem Expansionshunger.

An einem Sommertag vor wenigen Wochen in Berlin Mitte hatte der Vorstandschef Siegfried Hofreiter einen seiner letzten öffentlichen Auftritte, bevor er die Insolvenz eingestehen musste. Auf der Bühne eines „Zukunftsdialogs Agrar“ plauderte er mit einem Sternekoch aus Sylt über gute Küche und schlechte Landwirtschaft. Hofreiter wirkte gelöst und so, als sei er sich seines Weges gewiss - ehe wenige Woche später bekannt wurde, dass sein Unternehmen, die KTG Agrar SE, zahlungsunfähig ist. Vermutlich werden viele tausend Anleger ihr Geld verlieren.

Die Geschichte, wie es dazu kam, ist eng mit der Person Hofreiter verbunden. Der rasante Aufstieg seiner KTG wäre nicht möglich gewesen ohne seine gewisse Abgebrühtheit. Hofreiter, 54 Jahre, im legeren grünen Pulli und mit frischem schwarzen Haar, muss an jenem Tag in Berlin schon gewusst haben, in wie großen Nöten der börsennotierte Agrarkonzern steckte. Er sagte den Termin trotzdem nicht ab, sondern plauderte von wachsenden Märkten für vegane Lebensmittel, von denen KTG profitieren werde, und von der Notwendigkeit kleiner Bauernhöfe und großer Konzerne wie KTG, denn beide machten „die Weltmarke Deutsche Landwirtschaft“ aus.

Protokoll des Größenwahns

Seine Vision für KTG, den ersten börsennotierten Agrarkonzern in Deutschland, war immer groß: Weltmarke, Welternährung, Weltbevölkerung. „Gegessen wird immer“ - mit diesem Slogan gelang es Hofreiter, Hunderte Millionen Euro einzusammeln. Seit dieser Woche hat er einen neuen Vorstandskollegen: Jan Oeckelmann, Insolvenzverwalter.

Die KTG Agrar, größter Ackerbaukonzern Europas, Verbindlichkeiten: 606 Millionen Euro, hatte im Juni den Anlegern 18 Millionen Euro Zinsen nicht zahlen können. Noch wenige Tage, bevor der Insolvenzantrag gestellt wurde, bestritt der Konzern die Finanznot: „Bedauerlicherweise“ hätten „Kommentatoren“ wohl „aus Unkenntnis der Geschäftslage (...) für Unsicherheit gesorgt“. Die Ernten würden gut werden: „Gegessen wird immer! Wir ackern für’s Leben.“

Betrachtet man die kurze, schuldenreiche Börsengeschichte der KTG im Rückblick, erscheint sie wie ein Protokoll des Größenwahns. Doch sie sah aus der Ferne die meiste Zeit vernünftig aus. Es ist gerade einmal zwei Jahre her, da kürte das Beratungshaus „Munich Strategy Group“ KTG Agrar noch zum besten deutschen Mittelstandskonzern. KTG führte die Rangliste „Top 100 Mittelstand“ an.

Finanzdrehscheibe

Durchblick war damals schon kaum möglich. Mehr als hundert Beteiligungen stehen im Geschäftsbericht, der voller Geheimnisse ist: Plötzlich war die Tiefkühl-Sparte abgestoßen, Gesellschaften klammheimlich umbenannt, Millionenkredite an die nicht benannten Käufer vergeben. Allerdings nahm diese Einzelheiten kaum jemand wahr.

Erst in diesem Juni und Juli stoßen Beobachter auf die bizarren Details. In den Bilanzen der KTG stehen als Vermögen verbuchte Forderungen über 214 Millionen Euro. Was sich hinter dem Posten verbirgt, ist unklar - bis heute. Aus Unternehmenskreisen war noch am gestrigen Freitag zu hören, die Prüfung dauere an, man könne es nicht sagen.

Zum Vergleich: Das Ackerland und andere Flächen, die KTG in den vergangenen Jahren in großem Stil aufkaufte, sind nur mit 61 Millionen Euro verbucht. „Von außen betrachtet wirkt es so, als habe KTG Agrar als eine Art Bank oder Finanzdrehscheibe für Firmen aus dem Umfeld fungiert“, schreibt die Zeitschrift „Finance“.

Für Siegfried Hofreiter ist es nicht die erste Erfahrung mit der Insolvenz. Als er 2007 mit KTG, das damals formal von seiner Lebensgefährtin geführt wurde, an die Börse ging, hatte er gerade eine Vorstrafe und ein fünfjähriges Verbot hinter sich, eine Kapitalgesellschaft zu führen. Der gelernte Landwirt war mit mehreren Unternehmen gescheitert, von einer Fahrradfabrik bis hin zu Geflügelmästereien. Ein gewisser Expansionsdrang ist dem bayerischen Bauernsohn, der anders als sein Bruder nicht zum Hoferben bestimmt wurde, in die Wiege gelegt. Er wurde wegen Konkursverschleppung verurteilt.

Hofreiter wird von Mitarbeitern als kontrollbesessen beschrieben. KTG sei eigentlich viel zu schnell gewachsen, die Strukturen seien mit dem Wachstum nicht mitgekommen, sagt ein führender Mitarbeiter dieser Zeitung. „Hofreiter hat eine Vielzahl sehr unglücklicher Personalentscheidungen getroffen.“

Auch seine Kontrolleure waren nicht ganz unabhängig: Im Aufsichtsrat sitzen Beatrice Ams, seine langjährige Lebensgefährtin, und Julian Voss, ein junger Fachhochschulprofessor und Unternehmensberater, laut Geschäftsbericht „Universitätsprofessor“. Voss ist auch Vorstandsvorsitzender einer Finanzberatungsgesellschaft Areano, an der KTG beteiligt ist. Im deutschen Kodex für gute Unternehmensführung (Corporate Governance) steht, Aufsichtsratsmitglieder sollten in keinem Interessenkonflikt aus einer persönlichen oder geschäftlichen Beziehung zu der Gesellschaft oder verbundenen Unternehmen stehen.

Wachstum auf Kredit

Noch vor wenigen Jahren sah alles rosig aus: Hofreiter tourte durch die Zeitungsredaktionen und ließ seinen schneidigen Pressesprecher Fabian Lorenz die Geschichte des steigenden Welthungers und hoher Agrarpreise erzählen. Was niemand wissen konnte: Weizen, Mais und anderes Getreide sollten ab diesem Jahr tatsächlich aber immer billiger werden. Die Geschichte glaubten ihm dennoch viele. KTG emittierte die Mittelstandsanleihe „Biowertpapier II“ und verschuldete sich mit 250 Millionen Euro. Es war die Anleihe, die dem Konzern womöglich das Genick brach.

Doch das ahnte lange niemand. Der Agrarkonzern ließ in Ostdeutschland und dem Baltikum am Ende mehr als 45 000 Hektar beackern. Der Umsatz von KTG verzwanzigfachte sich von 15 Millionen Euro (2007) auf 326 Millionen Euro (2015). Doch das war teuer erkauft: Zwei Mittelstandsanleihen waren mit 6,75 Prozent und 7,125 Prozent verzinst, die dritte gar mit 7,25 Prozent.

Selbständige Bauern in Ostdeutschland ächzten derweil unter den steigenden Preisen für das Land, die auch durch den Einstieg von kapitalmarktfinanzierten Investoren wie KTG begründet waren: „Diese Preise sind doch durch Landwirtschaft nicht mehr zu erwirtschaften, über dem Land im Osten kreisen die Geier“, sagte der Landwirt Wolfgang Beer damals dem „Spiegel“. Gemeint waren die Mitarbeiter von KTG, die Bauern überreden wollten, ihr Land zu verkaufen. Hofreiter expandierte.

Und die Finanzwelt spielte mit. Analysten der DZ Bank oder von Equinet erhöhten die Kursziele für die Aktie, die sie zum Kauf empfahlen, auf 27 oder 23 Euro - tatsächlich erreichte der Kurs niemals die 20 Euro und fiel in diesem Jahr von knapp 14 Euro auf weniger als 50 Cent.

Schon 2014 mehrten sich die Anzeichen für eine Krise. Allerdings bemerkte es kaum ein Beobachter. Die Preise für Getreide an den Weltmärkten waren seit 2011 um fast 20 Prozent gesunken. Das hätte den Konzern härter getroffen, hätte er nicht in hohem Maß von Subventionen gelebt: Mehr als 10 Millionen Euro EU-Agrarsubventionen flossen jährlich auf sein Konto, die Betriebe hatte KTG geschickt so aufgeteilt, dass es kaum die von der EU vorgesehenen Kappungen für Großbetriebe gab.

Die Biogas-Sparte KTG Energie trug rund ein Drittel zum Umsatz bei: dank EEG-Gesetz. Nach dem Kauf der Deutschen Biogas war KTG der größte deutsche Biogas-Erzeuger. Andererseits standen bei KTG Agrar schon 462 Millionen Euro Nettofinanzverschuldung zu Buche - bei einem Jahresüberschuss von mageren 6,4 Millionen Euro.

Der Chinese, der nicht kam

Im Jahr 2015 kam es zu mehreren Vertuschungen, Verheimlichungen und seltsamen Ereignissen: „KTG wird weitere Investoren gewinnen, die Profitabilität steigern, das Eigenkapital stärken und Schulden senken“, versprach Julian Voss, der stellvertretende Aufsichtsratschef. Im Sommer wurde verkündet: Chinesen stiegen groß ein.

Die chinesische Beteiligungsgesellschaft Fosun werde 9 Prozent der Anteile übernehmen, über seine Tochtergesellschaft, den portugiesischen Versicherer Fidelidade-Companhia de Seguros. Das werde nicht nur Kapital bringen, sondern auch den Export nach China ankurbeln. Fosun werde KTG bei seiner Refinanzierung unterstützen. Sagte Hofreiter. Allerdings: Es geschah nie.

Im Dezember 2015 fliegen Hofreiter und seine Mannschaft nach Schanghai. Doch so ein Pech: Am Vorabend ist der Chef des Staatsfonds, Guo Guanchang, spurlos verschwunden. Die deutschen Agrarinvestoren fliegen ohne Vertragsunterschrift zurück. Die Absichtserklärung der Chinesen verliert ihre Gültigkeit zum Jahresende. In den Zeitungen steht seit Monaten, die Chinesen seien bei KTG eingestiegen. Niemand widerspricht dem.

Pathos statt Taten

Was Hofreiter stattdessen gelang, erfuhren die Anleger im Frühjahr 2016, im Geschäftsbericht: KTG hatte einen wichtigen Teil seines Geschäftsmodells, Lebensmittel vom „Acker bis auf den Teller“ servieren zu wollen, heimlich verkauft: an Franzel, einen Tiefkühlkostanbieter, mittlerweile in „FZ Foods“ umbenannt. Am Dienstag meldete nun auch die FZ Foods Insolvenz an.

Dafür kassierte KTG kein Geld, sondern gewährte einem nicht benannten Käufer 27 Millionen Euro Kredit. Hofreiter ließ die Sparte „KTG Foods“, ohne das öffentlich mitzuteilen, in FRS Foods International Russia & South Africa umbenennen. Vier von sechs Vorstandsmitgliedern verließen das Unternehmen oder kündigen ihren Abgang an. Die Vorstandsbezüge verdoppeln sich nahezu, vor allem wegen der Abfindungen.

Noch in diesem Frühjahr veröffentlicht KTG einen Brief des Vorstandsvorsitzenden an die Aktionäre. Der Tonfall ist so pathetisch, wie in einem Abschiedsbrief: „Wir sind voller Demut und Dank, dass es uns gelungen ist, ein Mitarbeiterteam aufzubauen, welches unsere mittelständischen Tugenden jeden Tag lebt. Wir lieben unsere Arbeit. 2015 erstmals die Viertelmilliarde Umsatz geknackt zu haben wäre ohne Ihre Unterstützung, liebe Anleger, nicht möglich gewesen. (...) Ihr Vertrauen ist für uns Motivation und Antrieb in den kommenden Jahren, mit Fleiß und Mut unser Bestes zu geben, getreu dem Motto: KTG - wir ackern für’s Leben.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot