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Insolventer Konzern

So kaufte sich die KTG Agrar ihr eigenes Getreide ab

Von Jan Grossarth
 - 10:31

Vom Acker bis auf den Teller, alles aus einer Hand. Das war seit ihrem Börsengang 2007 über neun Jahre die Geschäftsidee der KTG Agrar, die im Sommer Deutschlands wahnwitzigste und teuerste Insolvenz des Jahres geliefert hat. Konkret äußerte sich das Glück, die ganze Lieferkette in der Hand zu haben, im Geschäftsalltag der KTG so: Man war ganz frei vom Markt. Man machte die Preise einfach selbst. Etwa für Weizen und Mais. Siegfried Hofreiter, der Chef, entschied einsam und allein, wie viel Geld die KTG Agrar SE erlöste. Ein praktikables Vehikel, um die Umsätze zu schönen.

Diese stiegen und stiegen von Jahr zu Jahr. Meist im zweistelligen Prozentbereich. 326 Millionen Euro Umsatz wurden zuletzt für die KTG Agrar SE ausgewiesen, nochmal 89 Millionen Euro für die Tochtergesellschaft KTG Energie AG. Je gut ein Drittel Ebitda-Marge. Ein Investorentraum.

Ein Albtraum war es am Ende, mit rund 600 Millionen Euro Schulden und einer Überschuldung von 400 Millionen Euro. Dokumente, die dieser Zeitung zugespielt wurden, legen davon Zeugnis ab, wie das ging: Die KTG Agrar SE verkaufte die Ernte ihrer vielen Dutzend Agrarbetriebe einfach zu einem im Vergleich zum Marktpreis überhöhten Preis - an zwei Gesellschaften namens KTK. Davon, dass diese als eine Finanzdrehscheibe fungierte, berichtete die F.A.Z. schon mehrfach. Aber wie es genau ging, war noch schleierhaft.

Künstlich aufgeblähte Bilanzsumme

Jetzt scheint es klar. Die internen Buchungen ließen den Umsatz der Muttergesellschaft zuverlässig steigen. KTK - formal unabhängig, faktisch von Hofreiter-Getreuen und seinen finanziell begünstigten Vasallen geführt - verkaufte die Ernte dann zum Marktpreis weiter an die KTG Energie AG und/oder deren Tochtergesellschaften. Bei KTK, dessen Bilanzsumme mehr und mehr künstlich aufgebläht war, verblieben die Schulden. Sie wurden bei der KTG Agrar als Darlehen an die beiden KTK verbucht. Die Darlehen wuchsen im Laufe der Jahre auf mehr als 80 Millionen Euro an.

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Und wohin flossen die rund 400 Millionen, die als Überschuldung zu Buche stehen? Eine im Verborgenen gehaltene „Bad Bank“ der KTG Agrar spielte eine gewisse, bisher öffentlich nicht beleuchtete Rolle. Sie hieß „Sampi Verwaltungs AG“, geführt von Eugen Schwab, einem der vielen treuen Weggefährten des mehrfach wegen Konkursverschleppung vorbestraften bayerischen Kleinbauernsohnes Hofreiter. Bei Sampi waren zuletzt rund 25 Gesellschaften gebündelt, an die oder aus denen heraus über all die Jahre eine Menge Geld geflossen war - das waren rund 140 Millionen Euro Bankschulden und zudem vor allem das Geld der gut 10.000 Anleger, die zwei Mittelstandsanleihen der KTG gezeichnet hatten.

Zu Sampi gehörten Unternehmen, die für KTG-Gesellschaften als Generalunternehmer den Bau von Biogasanlagen durchführten, etwa eine „N.E.W. Organic Energy“. Die Rechnungen dafür sollen ausnehmend hoch ausgefallen sein, es blieben allein hier rund 14 Millionen Euro offene Forderungen. An wen das Geld letztlich floss, ist unklar. Nicht nur N.E.W. oder der Lohndienstleister Agroservice A.M.S., der der früheren Ehefrau Hofreiters und Mehrheitseignerin der KTG Agrar, Beatrice Ams, gehörte, sondern auch andere Gesellschaften dürften über überhöht abgerechnete Dienstleitungen Geld abgesaugt haben, berichten Insider.

Ordner als reine Dekoration

Wie eine Reihe anderer Gesellschaften aus dem Sampi-Geflecht, aber auch die beiden KTK-Firmen, hatte diese ihre Adresse in der Hamburger Poststraße. Ein Besucher erinnert sich, hier im Sommer nur auf zwei zufällig anwesende Mitarbeiterinnen anderer KTG-Gesellschaften gestoßen zu sein. Das Ein-Raum-Büro, wo eine Reihe von Unternehmen mit hohen Millionenumsätzen ihren Sitz haben, sei ziemlich aufgeräumt gewesen - kaum Papiere und Ordner. Die Mitarbeiterinnen hätten gesagt, nur nach angekündigten Besuchen würden hier Ordner ausgelegt - reine Dekoration.

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Das Schuldenkonstrukt der KTK-Gesellschaften geht nach Informationen eines Kenners auf Peter Carstensen zurück, der als Vasall Hofreiters und Leiter der Konzernbilanz beschrieben wird. Sonst hatte kaum jemand, auch nicht aus dem höchsten Managementkreis, Einblick in die Zahlen der KTG. Dabei gab es einige Vorstände und häufige Wechsel. Peter Carstensen aber wusste mehr. „Der Denker für die Zahlenwelt“ sei er intern gewesen, sagt ein Kenner, er durfte Hofreiter auch auf Delegationsreisen für die deutsche Wirtschaft nach St. Petersburg begleiten.

Der kreative Umgang mit den Schulden

Die Kreativität im Umgang mit den wachsenden Schulden war groß. Ein Teil wurde im Paket verkauft an die WCF Fine Trading in München. Finetrading ist ein Instrument zur Vorfinanzierung außerhalb von Bankkrediten. WCF kaufte Kredite von KTK und verkaufte sie dann an die KTG zurück - Zahlungsziel: drei Monate. Einfach nur ein Zeitgewinn.

Auch interne Darlehen gab es nicht wenige. Die mehr als 100 Tochtergesellschaften der KTG-Holding waren nicht nur auf komplexe Weise gesellschaftlich verbunden, sondern auch über eine Vielzahl an Darlehen. Ein Tochterunternehmen, KA-Service AG, war eine weitere Schuldnerin der KTG. Infolge der laufenden staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Hofreiter verlegte die erst kürzlich ihren Unternehmenssitz - mutmaßlich, um die Arbeit der Strafbehörden zu erschweren. Sie ermitteln gegen Hofreiter wegen Insolvenzverschleppung.

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Offiziell sah immer alles ganz anders aus - KTG Agrar als wachsender, grundehrlicher Bauernkonzern. Ein Gegenbild zur halbseidenen Finanzwirtschaft - so stellte Hofreiter seine vermeintlich heile Bauernwelt gern dar. Siegfried Hofreiter - ein Medienstar, bis Frühjahr 2016. Laut dem letzten offiziellen Geschäftsbericht stieg der Umsatz mit Feldfrüchten zuletzt um satte 161 Prozent zum Vorjahr. Und dies, obwohl die Getreidepreise am Weltmarkt 2015 stark gesunken waren. Und obwohl die Ernte miserabel war.

Aber niemand sah das. Auch hinterfragte niemand, warum KTG sich - offenbar panisch schnell - 2015 von rund der Hälfte seines Flächenbesitzes in Deutschland getrennt hatte. Sie brauchten Bargeld. Ganz dringend. Ganz einfach.

Quelle: F.A.Z.
Jan Grossarth
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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