Nach der Insolvenz

Was bleibt den Gläubigern von KTG Agrar?

Von Martin Hock
06.07.2016
, 14:03
KTG Agrar: Abgewirtschaftet
Nach der Insolvenz der KTG Agrar stellt sich wieder einmal die Frage: Wie viel bleibt den Anleihegläubigern? Die Börse ist jedenfalls pessimistisch.

Manchmal möchte man nicht, dass Befürchtungen wahr werden. Das gilt mit Blick auf diejenigen Anleger, die im Vertrauen auf volkstümliche Slogans wie „Gegessen wird immer“ ihr Geld in Wertpapiere des Agrarkonzerns KTG gesteckt hatten. Nun ist das Unternehmen in Insolvenz, die Anleihen werden mit etwa 6 Prozent ihres Nominalwerts bezahlt.

Die Insolvenz kommt nicht aus heiterem Himmel. Das plausibel klingende Geschäftsmodell des Vorstandsvorsitzenden Siegfried Hofreiter, zunächst Land anzukaufen und zu pachten auf diese Weise zu wachsen und die steigende Verschuldung dann durch Landverkäufe wieder abzubauen, erschien Experten zumindest gewagt.

Schon 2014 hatten Restrukturierungspezialisten in einer internen Untersuchung auf eigene Veranlassung gewarnt. Das augenblickliche Verschuldungsniveau sei nicht tragfähig, hieß es da und es sei fraglich, ob das Unternehmen bis 2017, zum Zeitpunkt der Fälligkeit der damals noch nur 212 Millionen Euro umfassenden Anleihe, in seine Kapitalstruktur hineinwachsen werde. Bis zu 250 Millionen Euro Verschuldung erschienen den Analysten tragbar, tatsächlich waren es Anfang des Jahres rund 600 Millionen Euro.

An relativ geringem Betrag gescheitert

Im Endeffekt erwies sich die Verschuldung als nicht tragfähig und KTG konnte die am 6. Juni fälligen Anleihezinsen von 17,8 Millionen Euro nicht bezahlen. Dies weist auf zwei Dinge hin. Zum einen auf einen effektiven Mangel an Liquidität: Zu Jahresbeginn standen in der Bilanz noch 19,75 Millionen Euro an liquiden Mitteln sowie knapp 500.000 Euro an Wertpapieren. Das hätte für die Zinszahlung gereicht, doch offenbar war das Geld nicht mehr vorhanden oder anderweitig blockiert.

Zum anderen gab es offenbar keine Möglichkeit, die Liquidität kurzfristig zu beschaffen. KTG wies zu Jahresbeginn allein Anlagen und Immobilien im Wert von mehr als 230 Millionen Euro in der Bilanz aus, dazu Vorräte im Wert von mehr als 70 Millionen Euro. Und doch war es nicht möglich daraus kurzfristig 18 Millionen Euro durch Verkauf oder Beleihung zu generieren.

Auch wenn KTG mehr als 620 Millionen Euro Schulden hatte, so resultierten fast zwei Drittel davon aus unbesicherten Anleihen. Summa summarum kommt man auf in irgendeiner Weise gebundene Verbindlichkeiten von schätzungsweise 225 Millionen Euro. Schon dieser Wert ist nicht optimal, doch lässt er die Vermutung zu, dass sich die Bilanz seit Jahresbeginn spürbar verschlechtert hat. Dass die Kassen offenkundig leer sind, zeigt auch nicht zuletzt, dass zur Deckung der Löhne und Gehälter umgehend eine Insolvenzgeldvorfinanzierung in die Wege geleitet werden soll. Die laufenden Einnahmen scheinen dazu nicht auszureichen.

Anleihenkurse geben wenig Hoffnung

Wie viel wird für die Anleihengläubiger übrig bleiben? Dies ist eine Frage, die sich nach einem Insolvenzantrag immer stellt und die letztlich nicht seriös zu beantworten ist. Ein grobes Indiz für eine mögliche Obergrenze sind die Kurse, die sich nach dem Antrag einstellen. Sie zeugen in diesem Fall bei 6 Prozent schon jetzt von großem Pessimismus.

Blickt man auf die laut dem jüngsten Geschäftsbericht gewährten Sicherheiten, so kann man sich auch Sorgen machen. Nebst Grundschulden von 138 Millionen Euro sind alle Forderungen aus der Energieproduktion, Generalunternehmer-, Substratlieferungs-, Wartungs-, Betriebsführungs- und Versicherungsverträgen abgetreten, ferner einer ganzen Reihe von EU-Flächenprämien und weitere Forderungen. Darüber hinaus sind diverse technische Anlagen und Maschinen sicherungsübereignet sowie verschiedene Abtretungen und Globalzessionen gestellt. Dies erweckt den Eindruck, als ob nicht mehr viel dem Unternehmen selbst gehörte.

Tatsächlich soll KTG Agrar sich aber in Eigenregie restrukturieren und sanieren. Neben dem gerichtlich bestellten Sachwalter soll dies vor allem Rechtsanwalt Jan Ockelmann als Restrukturierungsvorstand obliegen. Dabei sollen die Gläubiger eng eingebunden werden. Was das im Endeffekt bedeuten mag, wird sich aber auch erst noch zeigen.

Große Spannbreite für Verluste

Auch die Restrukturierungsspezialisten hatten sich seinerzeit schon mit Sanierungsoptionen befasst. Dabei kamen sie bei Finanzverbindlichkeiten von 424 Millionen Euro gegenüber einem Unternehmenswert zwischen 177 und 345 Millionen Euro auf einen möglichen Verlust der Anleihengläubiger zwischen 23,5 und 73,4 Prozent.

Die Analysten unterschätzten damals zwar den operativen Gewinn für die Jahre 2014 und 2015, hatten aber mit positiven freien Mittelzuflüssen gerechnet. Tatsächlich waren diese aber deutlich negativ.

Auch den Anstieg der Nettofinanzverbindlichkeiten schätzten die Analysten damals geringer ein. Tatsächlich stiegen sie schneller. 2015 lag der Istwert dann um ein Sechstel über der Analystenprognose. Unter diesen Umständen könnten die Verluste für die Anleihengläubiger also höher ausfallen wie noch 2014 prognostiziert.

Letztlich aber sind dies alles nur Rechenexempel. Im Zuge des Insolvenzverfahrens wird sich die Werthaltigkeit der Gesellschaft herausstellen. Ein Gerücht hat sich indes nicht bewahrheitet. Demnach hätte KTG die Zinszahlung geleistet, um dann den Firmensitz nach Großbritannien zu verlegen und das dortige Insolvenzrecht für eine Sanierung zu nutzen. Denn ein großes Problem bleibt für KTG: Die Anleihen können nicht durch Mehrheitsentscheid restrukturiert werden. Das wiederum wäre in Großbritannien anders, hier könnten 75 Prozent der Schuldner – gemessen an der Höhe der Forderung – entscheiden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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