Rentenmärkte

Amerikanische Primärhändler: Bernanke ist „Inflations-Falke“

31.10.2005
, 15:16
Die größten Anleihehändler der Wall Street gehen davon aus, daß Ben Bernanke bei der Inflationsbekämpfung ähnlich eifrig sein wird wie sein Vorgänger Greenspan. Die Mehrheit rechnet mit einem Leitzins von 4,5 Prozent Mitte 2006.

Die größten Anleihehändler der Wall Street gehen davon aus, daß der designierte amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke bei der Inflationsbekämpfung ähnlich eifrig sein wird wie sein Vorgänger Alan Greenspan.

Die Federal Reserve Bank wird die Leitzinsen bis Mitte 2006 um mindestens einen Dreiviertelprozentpunkt auf 4,5 Prozent anheben, so die Prognose von 17 der 22 Primärhändler für amerikanische Staatsanleihen, die direkt mit der Fed handeln. Im August sahen nur zwölf der Primärhändler den Benchmarksatz bei diesem Wert, zeigt eine Bloomberg-Umfrage.

Banc of America Securities, Citigroup Global Markets, Lehman Brothers und Merrill Lynch haben in diesem Monat ihre Zinsprognose angehoben, nachdem die Verbraucherpreise in den Vereinigten Staaten den stärksten Anstieg seit 25 Jahren verzeichneten. Im September lag die Teuerung mit 1,2 Prozent gestiegen so hoch wie seit März 1980 nicht mehr.

Zwölfte Zinserhöhung in Folge wird für Dienstag erwartet

Wenn die Zinsentscheider der Fed am Dienstag zusammentreten, erwarten alle befragten Händler eine Zinsanhebung um einen Viertelprozentpunkt auf dann vier Prozent. Es wäre die zwölfte Anhebung in Folge, seit die Zentralbank im Juni 2004 begonnen hat, die Zinsschraube fester zu drehen. Außerdem erwarten die Händler eine Bekräftigung der Fed-Politik von „maßvollen“ Zinserhöhungen.

Bei den Prognosen für die Jahresmitte 2006 haben ABN Amro Bank, Bear Stearns, Goldman, Sachsund RBS Greenwich Capital die höchsten Einschätzungen abgegeben. Sie rechnen alle mit einem Leitsatz von fünf Prozent.

Der 79jährige Greenspan zieht sich nach mehr als 18 Jahren von der Fed-Spitze zurück. Bernanke, 51, war früher Professor an der Universität Princeton und von August 2002 bis Juni 2005 einer der Fed-Gouverneure. Im Juni verließ er die Notenbank, um Chef- Wirtschaftsberater von Präsident George W. Bush zu werden.

Die Rendite der zehnjährigen Benchmarkanleihe war am Montag kaum verändert bei 4,57 Prozent. Als Präsident Bush am 24. Oktober Bernanke nominierte, fielen die Kurse der Treasuries. Anleger machten sich Sorgen, daß die Fed ohne Greenspan an der Spitze die Inflation nicht so effektiv wie bisher kontrollieren kann.

Kurz nach seinem Amtsantritt als einer der Fed-Gouverneure sprach sich Bernanke dafür aus, die Zinsen zu senken, um eine Deflation zu verhindern. Das sorgte für Spekulationen, er reagiere möglicherweise Preissteigerungen gegenüber nicht so sensibel wie einige seiner Fed-Kollegen. Im Januar und April zeigte er eine „relativ wohlwollende Einschätzung der Inflation“, die sich später als Fehleinschätzung erwies, da die Verbraucherpreise schnellen stiegen, schrieben Zinsstrategen bei Barclays Capital in New York letzte Woche.

„Bei den Anleihehändlern ist Bernanke ein Schimpfwort“

Bei den zinspolitischen Entscheidungen stimmte Bernanke jedoch jedes Mal im Einklang mit den anderen Fed-Vertretern für Zinserhöhungen. Am 20. Oktober bezeichnete er die Eindämmung der Inflation als „den besten Weg“ für die Fed, „ihre Gesamtziele von wirtschaftlicher Stabilität, Preisstabilität und niedrigen Zinsen zu erreichen“. „Er ist dafür bekannt, daß er von der Notwendigkeit billigen Geldes spricht, und die Fed die Erwartungen dann nicht erfüllt“, kritisiert Ethan Harris, Chefvolkswirt für Amerika bei Lehman Brothers in New York. „Bei den Anleihehändlern ist Bernanke ein Schimpfwort.“

Höhere Zinsen dürften den Anlegern das vierte Jahr in Folge Anleiherenditen von unter vier Prozent bescheren, Kreditnehmern drohen höhere Zinskosten. In der vergangenen Woche stieg der durchschnittliche Zinssatz für einen 30jährigen Hypothekenkredit in den Vereinigten Staaten nach Angaben des halbstaatlichen Realkreditinstituts Freddie Mac auf 6,15 Prozent, das ist der höchste Stand seit Juli 2004.

„Die Nominierung von Bernanke ändert nichts an unserer Prognose“, sagt Lewis Alexander, Chefvolkswirt bei Citigroup in New York. „Die Fed hat ihre Rhetorik als Reaktion auf entstehende Inflationsrisiken verstärkt und ist nicht gewillt zu pausieren.“ Citigroup sieht die Leitzinsen bis Juni bei 4,5 Prozent, während sie im August noch von vier Prozent ausging. Im Laufe des nächsten Jahres erwartet die Bank einen Anstieg bis auf fünf Prozent.

Der Anleihemarkt leidet bereits unter der Erwartung steigender Zinsen. Amerikanische Staatsanleihen haben in diesem Jahr nur 1,21 Prozent gewonnen, nach 3,5 Prozent im Jahr 2004 und 2,26 Prozent 2003, zeigen Daten von Merrill Lynch. In den drei Jahren vor 2003 kamen die Treasuries im Schnitt auf eine jährliche Rendite von 10,6 Prozent.

Quelle: Bloomberg
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