Rentenmärkte

Anleihen sind die Überraschung des Jahres

25.11.2004
, 06:09
Noch vor Jahresfrist hatten Bankexperten kollektiv zum Rückzug aus den Anleihemärkten geblasen. Mit bis zu knapp zweistelligen Wertzuwächsen haben sich Anleihen jedoch als positive Überraschung entpuppt.
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Anleihen sind als Anlageklasse die große positive Überraschung dieses Jahres. Selbst Anleger, die nur auf fast risikolose Staatsanleihen gesetzt haben, verbuchen seit Jahresbeginn knapp zweistellige Renditen. Kursgewinn und anteiliger Zinskupon der Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit bescheren bisher eine Rendite von mehr als 9 Prozent. Demgegenüber bringt es der Deutsche Aktienindex Dax unter Berücksichtigung der Dividendenzahlungen auf eine Rendite von nur 6 Prozent.

Noch vor Jahresfrist hatten Bankexperten kollektiv zum Rückzug aus den Anleihemärkten geblasen. Dahinter stand die Annahme, daß die Europäische Zentralbank (EZB) im Laufe dieses Jahres die Leitzinswende einleiten würde. Höhere Leitzinsen führen erfahrungsgemäß zu höheren langfristigen Zinsen und damit zu fallenden Anleihekursen. Bis Mitte Juni dieses Jahres schien das Szenario der Experten auch aufzugehen. Seinerzeit kletterte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf ein Jahreshoch von 4,43 Prozent. Dem steht jedoch in dieser Woche ein Jahrestief von 3,74 Prozent gegenüber.

Realität gibt Anlegern recht

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Was ist seither passiert? Die Konjunkturerwartungen haben sich in den vergangenen fünf Monaten deutlich verschlechtert. Dazu hat wesentlich der steile Anstieg des Rohölpreises beigetragen. Normalerweise ist ein steigender Rohölpreis Gift für die Anleihemärkte. Doch die von der Ölhausse ausgehende Inflationsgefahr wurde von den Anlegern niedriger gehängt als die weltweit um sich greifende Konjunkturskepsis. Und die Realität gab den Anlegern recht. Im dritten Quartal ist Deutschland wieder nahezu in eine Phase der Stagnation gefallen, wie das magere Wirtschaftswachstum von 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal signalisiert.

Allerdings wäre es wohl zu kurz gegriffen, würde man die überraschende Fortsetzung der Anleihehausse allein mit den verschlechterten Wachstumsaussichten erklären. Schließlich hat die reale Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, also die um die Inflation bereinigte Rendite, nach Angaben des Bankhauses M.M. Warburg ein 20-Jahres-Tief von 1,4 Prozent erreicht. Solch ein Niveau wäre eigentlich nur zu rechtfertigen, wenn die deutsche Wirtschaft wieder in eine Rezession schlittern würde, wovon derzeit aber keine Rede sein kann.

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Ausländisches Interesse steigt

Zinsexperten erklären die Anleihehausse denn auch nicht nur mit fundamentalen Faktoren. Vor allem Versicherer und Pensionskassen hatten zu Jahresbeginn in Erwartung der Leitzinswende große Anlagesummen im Geldmarkt geparkt. Spekulative Marktteilnehmer wie Hedge-Fonds verkauften Bundesanleihen sogar leer, gingen also Wetten auf fallende Anleihekurse ein. Doch inzwischen sind diese Investoren zu der kollektiven Erkenntnis gekommen, daß die Leitzinswende im Euro-Raum noch einige Zeit auf sich warten läßt. Die Hedge-Fonds sahen sich gezwungen, ihre Leerverkäufe glattzustellen, also Anleihen zu kaufen. Und bei den großen Kapitalsammelstellen, also den Versicherern, Pensionskassen und Fonds, wurden die Parkpositionen unter dem wachsenden Leidensdruck sinkender Renditen sukzessive wieder aufgelöst.

Doch damit nicht genug: Gerade in den vergangenen Wochen dürfte auch das ausländische Interesse an auf Euro lautenden Anleihen sprunghaft gestiegen sein. Seit der neuerlichen Wahl von George Bush zum amerikanischen Präsidenten hat sich das Dollar-Klima nochmals schlagartig verschlechtert. Im Markt wird allgemein erwartet, daß der Dollar gegenüber dem Euro weiter abwerten wird. International operierende Investoren schichten daher verstärkt vom Dollar- in den Euro-Raum um, wovon Bundesanleihen in der Regel noch stärker als deutsche Aktien profitieren. Diese Entwicklung ist auch deshalb bemerkenswert, weil die relative Attraktivität von Dollar-Anleihen mit den jüngsten Zinserhöhungen der amerikanischen Notenbank deutlich gestiegen ist (siehe Graphik). Das Währungsrisiko wird von den Investoren offenbar höher gewichtet als dieser Zinsvorteil.

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Quelle: dri. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2004, Nr. 276 / Seite 25
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