Rentenmarkt Amerika

Sinkende Anleiherenditen: Kein Grund zur Sorge

Von Rich Miller und Peter Coy, BusinessWeek Online
24.09.2004
, 09:40
Was ist bloß am Rentenmarkt los? Amerika erhöht die Zinsen, doch gleichzeitig sinken die Renditen. Das ist aber kein Grund zur Sorge. Die Renditekurve spiegelt die abnehmende Angst vor Inflation, so Rich Miller und Peter Coy.
ANZEIGE

Was ist bloß mit dem Rentenmarkt los? Während die Federal Reserve die kurzfristigen Zinssätze in den vergangenen Monaten stetig angehoben hat, haben die Anleiheanleger dafür gesorgt, daß die langfristigen Renditen sinken. Die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Schatzanweisung gab am 22. September tatsächlich auf 3,98 Prozent nach und fiel damit auf den tiefsten Stand seit fast sechs Monaten - einen Tag nachdem die amerikanische Notenbank Fed die kurzfristigen Zinssätze abermals um einen viertel Prozentpunkt auf nun 1,75 Prozent erhöht hatte.

Die schwärzesten Pessimisten haben eine simple Erklärung für die scheinbar widernatürliche Entwicklung auf dem Rentenmarkt: Immer mehr Anleger befürchten, daß das zukünftige Wirtschaftswachstum geringer ausfallen könnte als Fed-Chairman Alan Greenspan und seine Kollegen glauben. „Der Markt steht den Prognosen der Fed, die eine deutliche Erholung der Konjunktur erwartet, skeptisch gegenüber“, sagt Craig Coats, Executive Vice President der Investment-Bank Keefe, Bruyette & Woods.

Sinkende Angst vor Inflationsgefahren

ANZEIGE

Aber Moment mal. Unabhängig von den Behauptungen der ewigen Pessimisten sind die sinkenden Anleiherenditen eher ein Anlaß zum erleichterten Aufatmen als ein Grund zur Sorge. In der Renditeentwicklung spiegelt sich vor allem die abnehmende Angst vor Inflation und das zunehmende Vertrauen der Anleger in die Entschlossenheit der Fed im Kampf gegen die Inflation wider - und weniger die Angst vor einem schwächer ausfallenden Wachstum des Bruttoinlandsprodukts.

Das ist ein gutes Zeichen für die Konjunktur. Solange die Anleger davon überzeugt sind, daß die Inflation niedrig bleiben wird, kann die Fed bei der Anhebung der Zinssätze auf ein normaleres Niveau langsamer vorgehen und so der Konjunktur Zeit zur Anpassung geben.

ANZEIGE

Werfen wir einen Blick auf die Zahlen. Während die Inflation der Verbraucherpreise in den ersten fünf Monaten 2004 um auf das Jahr umgerechnete 5,1 Prozent gestiegen ist, ging sie im Sommer sehr stark auf gerade mal 1,3 Prozent zurück. Der darauffolgende Rückgang der Anleiherenditen war keine Überraschung. Die Rendite der zehnjährigen Schatzanweisung erreichte ihr Jahreshoch von 4,87 Prozent am 14. Juni, einen Tag bevor das Arbeitsministerium einen starken Rückgang der Inflation vermeldete, und ist seitdem stetig weiter gefallen.

Renditerückgang durch veränderte Inflationserwartungen

Die Inflationserwartungen sind ebenfalls zurückgegangen und haben die Anleiherenditen mitgezogen. Nach dem inflationsgeschützten Markt für Schatzanweisungen zu urteilen, erwarten die Anleger für die nächsten zehn Jahre eine durchschnittliche Inflation von etwa 2,3 Prozent jährlich. Im Frühjahr, als die Angst vor Inflation am größten war, lagen die Erwartungen der Anleger im Vergleich dazu noch bei 2,8 Prozent. Das bedeutet, daß mehr als die Hälfte des Renditerückgangs auf die veränderten Inflationserwartungen zurückzuführen ist.

ANZEIGE

Was steckt hinter der rückläufigen Inflation? Es sind die beiden eng miteinander verknüpften Faktoren Wettbewerb und Produktivität. Obgleich das Produktivitätswachstum verglichen mit dem astronomisch hohen Niveau von 2003 zurückgegangen ist, zeichnet sich für dieses Jahr immerhin eine Zunahme von etwa vier Prozent ab. Das ermöglicht es den Unternehmen, die Preise zu halten ohne um ihre Gewinne fürchten zu müssen. Laut Standard & Poor's sind die Betriebsgewinne im S&P 500 im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 31 Prozent gestiegen und werden im dritten Quartal vermutlich 15 Prozent zulegen.

Es ist also kein Wunder, daß die Aktienkurse seit Anfang August unter dem Strich steigen. Obwohl die Kurse am 22. September aufgrund eines sprunghaften Anstiegs der Ölpreise und einer Gewinnwarnung der FedEx Corp. eingebrochen sind, stehen die wichtigsten Börsenindizes noch immer annähernd auf dem höchsten Stand seit zwei Monaten. Das deutet darauf hin, daß zumindest die Aktienanleger die Besorgnis der Pessimisten nicht teilen. „Ich glaube nicht an eine Abschwächung der Konjunktur, und der Markt tut das vermutlich auch nicht“, sagt Nariman Behravesh, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung beim Unternehmensberater Global Insight.

Vertrauen in die Konjunktur

Auf dem Markt für Unternehmensanleihen sieht es ähnlich aus. Wenn die Anleger an einen Einbruch der Konjunktur glauben würden, würden sie bei Unternehmensanleihen als Risikoausgleich eine höhere Rendite verlangen als bei amerikanischen Schatzanweisungen. Das ist aber nicht der Fall. Die Spanne zwischen den Renditen von Unternehmensanleihen und Schatzanweisungen ist statt dessen gleich geblieben, während der Kapitalmarkt als Ganzes sich erholt hat.

ANZEIGE

Ein Teil dieser Erholung vor allem in jüngster Zeit ist eher auf kurzfristig unter Druck geratene Pessimisten auf dem Rentenmarkt zurückzuführen als auf veränderte konjunkturelle Aussichten. Viele Investmentmanager verzichteten Anfang des Jahres auf den Kauf von Anleihen, weil sie davon überzeugt waren, daß die Renditen nach einer Erhöhung der kurzfristigen Zinsen durch die Fed steigen würden. Jetzt gegen Ende des Jahres glauben sie, auf den Markt zurückkehren zu müssen, um ihre Portfolios durch den Kauf von Anleihen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Solche Käufe treiben die Kurse nach oben und drücken die Renditen.

Es ist nicht immer einfach, die Entwicklung auf dem Rentenmarkt zu analysieren. Auf diesem Markt gibt es Millionen von Anlegern. Zweifellos kaufen einige von ihnen Anleihen, weil sie sich Sorgen um die zukünftige konjunkturelle Entwicklung machen. Für die meisten Käufe gibt es bisher jedoch viel harmlosere Gründe. Das damit einhergehende niedrige Zinsniveau sollte man daher nicht fürchten, sonder es vielmehr begrüßen.

Quelle: Bearbeitung: @thwi
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Tarifportal
Strom-Vergleich: Sparen mit günstigem Strompreis
Kapitalanlage
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
ANZEIGE