Staatsanleihen

Flucht in die Sicherheit an den Anleihemärkten

Von Gerald Braunberger und Patrick Welter, Frankfurt/Washington
03.08.2011
, 07:00
Anleger suchen Zuflucht in Ländern, die derzeit als „sichere Häfen“ angesehen werden. In Europa profitieren besonders die Märkte für Staatsanleihen aus Skandinavien und der Schweiz von einer lebhaften Nachfrage.
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Die wachsende Sorge vor einer wirtschaftlichen Abschwächung in den Industrienationen und einer neuerlichen Eskalation der Staatsschuldenkrise in Europa hat am Dienstag das Geschäft an den Anleihemärkten geprägt. Ausgehend von kritischen Stellungnahmen von Ökonomen zu der Einigung über das amerikanische Programm zur Eindämmung der Staatsverschuldung kursierten an den Märkten Ängste vor einem Wiedereintritt der amerikanischen Wirtschaft in eine Rezession. Dies sorgte auch für Kursverluste in den Ländern der europäischen Peripherie, deren Volkswirtschaft sich in einer schwierigen Verfassung befinden. Stattdessen suchten die Anleger Zuflucht in Ländern, die derzeit als ein „sicherer Hafen“ angesehen werden.

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In Europa profitierten besonders die Märkte für Staatsanleihen aus Skandinavien und der Schweiz von einer lebhaften Nachfrage, die sich in rückläufigen Renditen äußerte. So fiel die Rendite der zehnjährigen norwegischen Staatsanleihe um 18 Basispunkte auf 2,59 Prozent. Die Rendite der Zehnjährigen aus der Schweiz ermäßigte sich um 7 Basispunkte auf 1,25 Prozent.

Im Kern der Europäischen Währungsunion bildeten sich die Renditen der Staatsanleihen zunächst leicht zurück; allerdings gingen die Gewinne im Nachmittagshandel wieder verloren. Die Nervosität zeigte sich unter anderem in steigenden Notierungen für Kreditausfallderivate (CDS) auf fünfjährige Staatsanleihen für deutsche und französische Staatsanleihen. Der Preis für CDS auf deutsche Bundesanleihen stieg um 4 auf 68 Basispunkte. Der Preis für CDS auf französische Papiere erreichte mit einem Aufschlag von 8 auf 133 Basispunkte einen neuen Höchststand.

Bild: F.A.Z.

Den Eindruck des gewöhnlichen Geschäfts aufrechterhalten

Sehr unruhig blieb es in den Euro-Peripherieländern. Die Renditen italienische und spanischer Zehnjähriger stiegen im Tagesverlauf bis auf 6,18 Prozent (Italien) und 6,45 Prozent (Spanien), ehe sie im Nachmittagshandel wieder leicht zurückgingen. Auch die Preise für CDS auf Anleihen dieser beiden Länder nahmen deutlich zu. In Italien hat die Börsenaufsicht die Deutsche Bank aufgefordert, sich zu den von ihr veröffentlichten Verkäufen von Staatsanleihen aus dem Bestand der Deutschen Postbank zu äußern. In Rom fanden politische Konsultationen über die Schuldenkrise statt. In Spanien verschob Premierminister José Luis Zapatero seinen Urlaub.

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Mit der Aussicht, dass mit dem Schuldenkompromiss die Schuldengrenze von 14,29 Billionen Dollar angehoben wird, versucht das amerikanische Finanzministerium, den Eindruck des gewöhnlichen Geschäfts aufrechtzuerhalten. Das Ministerium teilte in der Nacht zum Dienstag mit, es plane, im Quartal von Juli bis September netto 331 Milliarden handelbare Schulden am Markt aufzunehmen. Es hält zugleich daran fest, an diesem Mittwoch Details zu den in der kommenden Woche anstehenden großen vierteljährlichen Auktionen von Schuldtiteln vom 9. bis 11. August zu veröffentlichen.

Die Auktion steht unter der Vorbedingung, dass der Schuldenkompromiss rechtzeitig den Senat passiert und die Schuldengrenze angehoben wird. An der Wall Street erwarten die Primary Dealer (das sind Finanzhäuser, die den Handel mit Staatsanleihen organisieren), nach einer Bloomberg-Umfrage, dass das Ministerium in den Auktionen von Anleihen mit drei, zehn und dreißig Jahren Laufzeit wie im Mai insgesamt 72 Milliarden Dollar aufnehmen möchte. Wird die Schuldengrenze nicht rechtzeitig angehoben, kann das Ministerium nur auslaufende Schuldtitel erneuern, aber die gesamte Staatsschuld netto nicht mehr erhöhen.

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Barbestand höher als erwartet

Wegen Sorgen um einen möglichen Zahlungsausfall hatte das Ministerium am Montag Mühe, kurzlaufende Schuldtitel über 3 Monate am Markt unterzubringen. Anstatt der angebotenen 121 Milliarden Dollar nahm das Treasury nur 27 Milliarden Dollar auf.

Die Rendite auf Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit ist in dieser Woche weiter gesunken. Die Ängste um die Abschwächung der Konjunktur mehren sich. Am Dienstag lag die Rendite im frühen Handel um 2,72 Prozent, nachdem sie zuvor auf 2,67 Prozent gesunken war. Schwache Daten zum Konsum der amerikanischen Konsumenten im Juni dämpften die Stimmung weiter. Am Markt wird spekuliert, wie die Zentralbank Federal Reserve, deren Offenmarktausschuss in der kommenden Woche tagt, auf das zuletzt nur noch sehr schwache Wachstum der amerikanischen Wirtschaft reagieren wird.

Die geplante Schuldaufnahme im laufenden Quartal liegt 74 Milliarden Dollar weniger als vom Finanzministerium („Treasury“) noch im Mai angekündigt. Das Ministerium begründete die Reduzierung unter anderem mit geringeren Ausgaben. Auch war der Barbestand im Juni am Quartalsende mit 137 Milliarden Dollar höher als erwartet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
Herausgeber.
Autorenporträt / Welter, Patrick
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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