Unternehmensanleihen

Europäische Firmen können Krise bewältigen

01.04.2009
, 13:40
Kein leichtes Leben, aber bewältigbar ist die Krise für Shell allemal
Die Kreditkrise macht europäischen Unternehmen das Leben nicht einfach. Doch Unternehmen guter Bonität können die Krise bewältigen, meint die Rating-Agentur S&P. Ein erfreulich normaler Ausblick für einen Abschwung.
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Auch wenn sich an der Börse vermehrt Hoffnung breit macht, die Kreditmärkte sind immer noch weit von der Normalität entfernt. Folgt man der Rating-Agentur Standard & Poor's, so sind in Europa auch bei Emittenten spekulativer Unternehmensanleihen zunehmend Refinanzierungsschwierigkeiten zu erwarten.

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Für Unternehmen mit besserer Bonität im Investment-Grade-Bereich ist Kreditanalyst Chris Dinwoodie indes vergleichsweise optimistisch, dass diese im allgemeinen ihre Finanzierung in den kommenden beiden Jahren bewältigen können, obgleich das von den Analysten veranschlagte Refinanzierungsvolumen von 330 Milliarden Euro im laufenden und 235 Milliarden im Jahr 2010 keine Kleinigkeit ist. Ausgewertet wurden dabei die Daten von 550 europäischen Rating-Kunden.

Anleihenmarkt offen, aber bisweilen teuer

So seien ihre Refinanzierungsmöglichkeiten grundsätzlich besser. Das treffe zum einen für ihren Zugang zum Anleihenmarkt zu. In jüngster Zeit hätten Unternehmen mit Bonitätsnoten der Kategorien „AA“ und „A“, etwas seltener mit „BBB“, erfolgreich Anleihen plazieren können, wenngleich zu höheren Kosten, wie etwa der französische Baustoffhändler Saint-Gobain, der im Januar Renditen von 525 Basispunkten über dem Referenzzinssatz bieten musste.

Bild: Standard & Poor's

Zum anderen erwartet S&P keine dramatischen Schwierigkeiten beim Erhalt von Bankkrediten. Die lokalen Banken seien daran interessiert, gute Kunden zu behalten, auch wenn die Analysten erwarten, dass sich das Wachstum des Kreditvolumens im laufenden Jahr abschwächt. Vorwiegend, gehen sie davon aus, würden die Banken ihre Kreditvergabe im Ausland einschränken, doch werde dieses Loch von einheimischen Banken gestopft werden.

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Finanzielle Disziplin erforderlich

Darüber hinaus seien die Bilanzen der Unternehmen vergleichsweise solide. Die Bestände an liquiden Mitteln seine hoch, nicht zuletzt weil viele Unternehmen durch eine rechtzeitige Schuldenaufnahme ihre Kassen für schlechte Zeiten gefüllt hätten. Zudem sei der freie Mittelzufluss groß, sowohl vor als nach der Berücksichtigung von Dividendenzahlungen. Selbst im schlechtesten Fall würden so Kassenbestände und der frei verfügbare Cashflow im laufenden Jahr deutlich übertreffen.

Indes heißt dies nicht, dass es für die Unternehmen einfach würde. Viel hängt von ihrer finanziellen Disziplin, vor allem bei den Investitionsausgaben und Dividendenzahlungen ab. Besonders schwer werde es für diejenigen Branchen, die am meisten von der Rezession betroffen seien, allen vor an der Automobilbau, der Refinanzierungsbedarf sowohl im operativen Geschäft als auch in seinen Finanzierungssparten habe. Diese hätten bereits einen Gutteil ihrer liquiden Mittel verbrannt und ihrer Kreditlinien in Anspruch genommen. S&P geht für das laufende Jahr von einem Refinanzierungsbedarf je Unternehmen von 1 bis 3 Milliarden Euro aus, wobei die Staatshilfen der Branche den Zugang zu den Kreditmärkten erleichterten.

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Schwellenländergeschäft belastet Telekommunikationsunternehmen

Nicht einfach werde es auch für die Öl- und Gasbranche, wobei dies weniger die westeuropäischen Großunternehmen treffe, deren Zugang zu den Kapitalmärkten gut sei, sondern vor allem russische und weniger stark diversifizierte Unternehmen.

Ähnlich ist die Situation der Telekommunikationsfirmen. Den großen Konzernen hülfen anders als im Jahr 2002 starke Mittelzuflüsse. Enger könne es für Unternehmen mit schwachem Investment-Grade-Rating oder einem hohen Geschäftsanteil in Schwellenländern werden, wie etwa Telenor, die Telecom Italia oder die Telekom Austria. In noch höherem Maße treffe dies dort heimische Konzerne, doch hätten gerade diese mit der Kürzung von Investitionsausgaben den richtigen Weg schon vorgezeichnet.

Ein fast ganz normaler Abschwung

Insgesamt zeichnet S&P ein erfreulich normales Bild des europäischen Kreditmarkts im Umfeld eines Abschwungs. Zwar werden die Ausfallraten stiegen, doch wird sich dies offenbar im Bereich der spekulativen Anleihen konzentrieren. betrachtet man beispielsweise das Verhältnis von liquiden Mitteln und Mittelzufluss einerseits und fälligen Schulden andererseits, so können mit „B“ bewertete Unternehmen ihre Refinanzierungsbedürfnis selbst im besten Fall nur zu etwa zwei Dritteln decken.

Weist Dinwoodie daraufhin, dass sich bei den Unternehmen mit Ratings im Investment-Grade-Bereich das Refinanzierungsrisiko am stärksten für solche mit Ratings in der 'BBB'-Kategorie ausprägen werde, so ist das insofern keine Überraschung, als diese nicht von ungefähr die schwächeren Bonitätsnoten haben, auch nicht dass in dieser Kategorie die Zahl der Verletzungen von Kreditvereinbarungen und Zahlungsausfälle rasch zunimmt.

Dinwoodie sieht die Banken bereit, Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen zu unterstützen. Dabei komme es vor allem auf die Entwicklung des Mittelzuflusses des Schuldners an. Sei die Einschätzung negativ, könnten die Geldinstitute ihre Engagements durchaus rasch zurückfahren.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: mho
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