Zertifikate

Angenehmer Risikopuffer, mäßige Renditechance

08.07.2005
, 13:12
Mit einem „Step down“-Zertifikat will JP Morgan sicherheitsbewußte Anleger locken. Wenn alles gut läuft, gibt es nach einem Jahr den Einsatz zurück und 5,2 Prozent Zinsen. Im schlechtesten Fall verlieren Investoren mehr als 40 Prozent.

Trotz der schönen Erholung der Aktienmärkte seit dem Frühjahr 2003 blicken viele Anleger noch auf rote Zahlen in ihrem Depot. Wer zur Hochzeit des Börsen-Booms zu Aktien gegriffen und diese nicht rechtzeitig verkauft hat, sitzt nämlich weiter auf Verlusten. Und das nicht nur bei Technologietiteln. Angesichts dessen sind ein erhöhtes Maß an Sicherheit versprechende Anlageprodukte stark gefragt.

Von dem Verlangen nach überschaubarem Risiko möchte auch JP Morgan als Anbieter von „structered products“ profitieren und offenbar vor allem sicherheitbewußte Anleger anlocken. Der Finanzdienstleister hat ein „Step down“-Zertifikat auf den Eurostoxx 50 aufgelegt. „Attraktive Renditechancen von bis zu 5,2 Prozent per anno“ verspricht die Werbung und verweist auf einen „tiefliegenden Risikopuffer“.

Das klingt gut, aber ein Blick in die Details schadet nicht, im Gegenteil. Denn danach sieht der Titel nicht mehr ganz so toll aus. Wenn alles gut läuft, gibt es nach einem Jahr den Einsatz zurück und 5,2 Prozent Zinsen. Im schlechtesten Fall verlieren Investoren zum Laufzeitende am 30. Juni 2010 mehr als 40 Prozent.

Rendite bei gut 4,4 Prozent

Das Zertifikat ist am 27. Juni emittiert worden und kann an der Stuttgarter Börse täglich gehandelt werden. Zu haben ist es zu 100-Euro-Einheiten und ging am Donnerstag mit einem Kurswert von 100,43 Prozent bei geringen Umsätzen aus dem Handel.

Das Produkt funktioniert wie folgt: Jedes Jahr wird der Stand des Eurostoxx 50-Index am 30. Juni mit dem sogenannten Festlegungspreis vergleichen. Dieser entspricht dem Kurs von 3.147,55 Punkten. Wenn der Index diesen Wert trifft oder ihn übersteigt, wird das Zertifikat zurückgezahlt - und der Anleger erhält 5,20 Euro obendrauf, also Zinsen in Höhe von 5,2 Prozent. Auf diese Weise kommt er in den Genuß eines Papiers mit dem Charakter einer einjährigen Anleihe. Das sind zwei Prozentpunkte mehr, als eine zehnjährige Bundesanleihe abwirft. Gemessen am aktuellen Kurswert beträgt die Rendite gut 4,4 Prozent.

Klingt also schön und gut. Nur: Von Kursgewinnen hat der Investor im Grunde nichts. Ein Jahr rückwirkend betrachtet, wäre ein Käufer des Zertifikats angesichts des Kursgewinns von gut 16 Prozent im Eurostoxx 50 mit einem normalen Index-Zertifikat oder einem entsprechenden Exchange Traded Fund besser gefahren.

Orientierungsmarke sinkt jährlich um zehn Prozent

Sollte am Stichtag, also zuerst am 30. Juni 2006, der EuroStoxx 50 unter der Marke von 3.147,55 Punkten landen, läuft das Zertifikat weiter - ohne daß Zinsen fließen. Für das Jahr darauf gilt ein Indexstand von 90 Prozent des Festlegungspreises als Orientierungsmarke. Wenn der Index diesen Wert trifft oder darüber schließt, zahlt JP Morgan den Einsatz zurück sowie zweimal die Jahreszinsen, also insgesamt 10,40 Euro.

Nach diesem Strickmuster sinkt die Orientierungsmarke bis auf 60 Prozent vom Festlegungspreis. Wenn der Index am 30. Juni 2010 diesen Wert erreicht oder ihn toppt, gibt es ebenfalls 100 Euro je Zertifikat zurück und obendrauf fünfmal 5,20 Euro, also insgesamt 126 Euro je Schein. Sollte der Eurostoxx aber darunter liegen, zahlt JP Morgan den Gegenwert des Index zurück. Anders gesagt: In diesem Fall beträgt der Verlust 40 Prozent oder mehr.

Nun sieht der Risikopuffer komfortabel aus. Schließlich hat der Index seit 1987 aufs Jahr gerechnet um gut 13 Prozent zugelegt und seit dem Tief im März 2003 sogar um etwa 20 Prozent. Aber die Performance läßt sich auch anders rechnen: Verglichen mit dem Hoch bei 5.464 Zählern im Jahr 2000 fehlen dem Index gut 40 Prozent. Und allein zwischen der Bestmarke und dem Tief vom März 2003 hatte er 66 Prozent abgegeben.

Risikopuffer nicht zwingend ein Ruhekissen

Ein Jahresminus mag also aus heutiger Sicht nicht wahrscheinlich sein, da der Eurostoxx einen moderaten Aufwärtslauf hat und viele Unternehmen gute Zahlen liefern. Doch unmöglich ist ein solcher Kursabschlag nicht.

Mithin ist das „Step down“-Zertifikat nur etwas für Leute, die dem Eurostoxx, aus welchen Gründen auch immer, in den nächsten fünf Jahren nicht mehr als einen Kursgewinn von rund viereinhalb Prozent zutrauen - andererseits aber nicht glauben, daß der Index in diesem Zeitraum im Jahresdurchschnitt mehr als 9,7 Prozent fällt.

Viele professionelle Marktbeobachter sehen das anders. Die DZ Bank etwa prognostiziert für Ende Juni kommenden Jahres einen Index-Stand von 3.500 Zählern und mithin ein Plus von gut neun Prozent. In diesem Fall wäre ein normales Index-Zertifikat und vor allem ein entsprechender Exchange Traded Fund (ETF), wie er zum Beispiel von Indexchange oder BGI/iShares angeboten wird, die eindeutig bessere Wahl. Denn bei einem ETF gibt es unabhängig von der Kursentwicklung zudem noch eine Dividende, bei einem Zertifikat nicht.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @thwi
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