Zertifikate

„TenGo“. Spielerpapier im Anleihegewand

24.05.2005
, 19:21
Kaum eine Branche versteht es besser, ihren Produkten klangvolle Namen zu verleihen wie die Zertifikate-Branche. Das macht die Produkte selbst nicht unbedingt attraktiver.

„TenGo“-Anleihe heißt das neueste Produkt, für das der Wertpapierhändler Driver & Bengsch wirbt. Obgleich offiziell eine Anleihe, gleicht das Produkt, dessen Emittent die Société Générale ist, viel eher einem Garantie-Zertifikat.

Nur im ersten Jahr wirft „TenGo“ eine feste Verzinsung von sechs Prozent ab. Das ist auch der einzig sichere Ertrag des Produkts, das eine Laufzeit von sieben Jahren hat. Darüber hinaus bietet das Papier ab dem vierten Jahr die Chance auf eine jährliche Verzinsung von bis zu zehn Prozent. Voraussetzung ist, daß ein zugrundeliegender Korb von 20 Aktien eine entsprechende Wertentwicklung aufweist.

Renditeentwicklung von mehreren Faktoren abhängig

Konkret: Die Wertentwicklung der Einzeltitel fließt mit jeweils höchstens acht Prozent in einen Durchschnitt ein, nach dem sich die Höhe des Kupons ab dem zweiten Jahr der Laufzeit richtet. Dieser Kupon hat eine Höhe zwischen null und zehn Prozent. Im zweiten und dritten Jahr kann er - da die maximale, in die Berechnung eingehende Entwicklung des Aktienkorbs acht Prozent beträgt - höchstens acht Prozent betragen.

Bild: FAZ.NET

Ab dem vierten Jahr indes kann dem Anleger ein Sperrklinken-Effekt zugute kommen. Denn wenn die kumulierte Zinszahlung (ohne den Fixkupon des ersten Jahres) zehn Prozent beträgt, werden ab dann in jedem Jahr zehn Prozent Zinsen bezahlt. Im besten Fall beträgt die jährliche Rendite des Papiers damit 8,86 Prozent. Im schlechtesten Fall, nämlich daß der Aktienkorb keine Wertsteigerung aufweist, sinkt die Durchschnittsrendite auf magere 0,84 Prozent (siehe Tabelle 1).

Grundsätzlich richtet sich die Rendite also zwar nach der Entwicklung des Aktienkorbs. Aufgrund der trickreichen Konstruktion des Papiers hängt sie aber tatsächlich von zwei Faktoren ab.

Erstens einmal hat durch die Kappung des Wertentwicklungsbeitrags der einzelnen Aktie die Verteilung der Wertentwicklung innerhalb des Aktienkorbs einen deutlichen Einfluß auf die Rendite. So weist der Aktienkorb in beiden Szenarien (siehe Tabelle 2) zwar dieselbe durchschnittliche Wertentwicklung von zehn Prozent auf, der Kupon fällt aber im zweiten Fall nur halb so hoch aus.

Zweitens nimmt durch den Sperrklinkeneffekt die zeitliche Verteilung der durchschnittlichen Wertentwicklung einen erheblichen Einfluß auf die Gesamterendite (siehe Tabelle 3). In beiden Fällen liegt die Gesamtrendite zwar über der des Aktienkorbs von 1,94 Prozent. Im ersten Fall aber bietet das Papier, bedingt durch den Sperrklinkeneffekt eine attraktive Rendite von acht, im zweiten Fall aber nur von 2,29 Prozent.

Wertentwicklung des Aktienkorbs selbst kaum zu prognostizieren

Hinzu kommt, daß die Wertentwicklung des Aktienkorbs selbst kaum zu prognostizieren ist. Zum einen besteht der Korb aus „20 internationalen Aktien von Unternehmen aus verschiedensten Branchen“. Es finden sich die National Australia Bank genauso wie Nintendo oder RWE. Eine Schwerpunktbildung im Sinne einer konsistenten Anlagestrategie ist nicht zu erkennen. Zum anderen beginnt die Berechnung der Kursentwicklung erst ab dem 20. Juni 2006. Aber bereits die Prognose eines einzelnen Aktienkurses für die kommenden zwölf Monate ist sehr schwierig - ganz zu schweigen von 20 Werten, beginnend ab 13 Monaten in der Zukunft.

Zwar soll das Tengo-Produkt zum Börsenhandel zugelassen werden. Doch der Sperrklinkeneffekt führt automatisch dazu, daß bei einer moderaten Entwicklung des Aktienkorbs das Halten des Papiers interessant wird, weil der Anleger darauf hoffen kann, daß er künftig trotz schwacher Aktienkursentwicklung zehn Prozent Rendite einstreichen kann. Unter Umständen bleibt aber das Kapital sieben Jahre gebunden und bringt letzlich kaum mehr Ertrag als ein Sparbuch.

Die Société Générale zeigt mittels einer über 25 Jahre angelegten Simulation, daß TenGo durchschnittlich eine Rendite von 5,54 Prozent erbracht hätte. Das klingt gut. Aber es läßt sich einfach dagegenhalten. Der Dow Jones erbrachte im Zeitraum von 1983 bis 2005 für jede sieben Kalenderjahre nicht unter sieben Prozent Rendite - ohne fixen Kupon für ein Jahr. Und Simulationen über die Vergangenheit bedeuten für die Zukunft leider gar nichts.

Kurzum: Was da mit der Bezeichnung Anleihe sicheren Ertrag suggeriert, ist ein Spielerpapier, dessen Rendite sich nicht seriös prognostizieren läßt. Und außer der Leidenschaft am Glücksspiel läßt sich leider kein Argument für eine Investition finden.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @hma
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