Neobank

Wie groß sind die Probleme bei N26?

Von Franz Nestler
23.08.2021
, 16:33
N26 hat Probleme mit der Finanzaufsicht BaFin.
Der Berliner Neobank N26 droht ein Stopp des Neukundengeschäfts. Wo das Problem liegt und was es für die Kunden bedeutet - Fragen und Antworten.
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Die Werbung der Berliner Neobank N26 ist gewohnt großspurig: „Die beste Bank der Welt“ heißt es da ohne eine Spur von Bescheidenheit. Doch hinter den Kulissen rumort es und bedroht das noch junge Unternehmen.

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Worum geht es bei den Vorwürfen?

In Deutschland gibt es strenge Regeln, was Geldwäsche angeht. Durch sie wird illegal erworbenes Geld in den Geldkreislauf eingebracht und gewaschen. Das muss nicht immer Terrorismus sein. Im konkreten Fall geht es um betrügerische Onlineshops, die arglose Internetnutzer abzocken.

Was nutzen die Betrüger aus?

Das Problem liegt wohl in der Foto-Identifizierung. Mit ihr kann sich ein Nutzer digital gegenüber einer Bank ausweisen. Und hier wird es kompliziert: In einigen Märkten ist sie vorgeschrieben, in anderen nicht. In Deutschland ist zum Beispiel nur Video-Ident erlaubt, in dem man live mit einem Mitarbeiter sprechen muss. In Frankreich ist sie verboten. In den Niederlanden ist nur Foto-Ident erlaubt. Das aufsichtsrechtliche Chaos in Europa trägt also sein Übriges mit dazu bei.

Wie funktioniert die Betrugsmasche?

Die BaFin warnte schon vor zwei Jahren vor einer raffinierten Masche: So werden auf Job-Portalen Stellenanzeigen geschaltet. Diese sehen täuschend echt aus. Bewerber auf diese Stellen werden dann aufgefordert, an einem Online-Bewerbungsverfahren teilzunehmen. Dort werden dann alle möglichen persönlichen Daten abgefragt – bis hin zu Fotos vom Personalausweis. Diese Daten können die Täter dann für Kontoeröffnungen nutzen.

Ist N26 also unschuldig?

Natürlich ist N26 Opfer von den Betrügern. Allerdings hatten die Berliner lange genug Zeit, um sich vor den Betrügern zu schützen. Es sind die organisatorischen Mängel und ein Fehlen implementierter Prozesse, die für solche noch jungen Fintechs typisch sind.

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Seit wann gibt es die Probleme?

Die Finanzaufsicht BaFin und N26 sind dazu seit Jahren im Gespräch. Schon im Mai 2019 – also vor etwa 30 Monaten – gab es schon erste Warnungen seitens der Aufseher. In der Anordnung zur Prävention von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung forderte die Bafin schon damals vier konkrete Maßnahmen von dem Geldinstitut. Die unbearbeiteten Fälle sollten schnellstmöglich abgearbeitet werden, die Arbeitsabläufe sowie Prozessbeschreibungen zur Umsetzung des Geldwäschegesetzes nach den Vorgaben der BaFin sollten verbessert und dokumentiert werden. Die Identität einiger Kunden sollte abermals verifiziert werden, und die BaFin forderte eine angemessene personelle und technisch-organisatorische Ausstattung zur Einhaltung ihrer geldwäscherechtlichen Verpflichtungen. Genug Zeit war seitdem zum Reagieren. Schon damals kommentierte die F.A.Z.: „Warnschuss für N26“. Der wurde offensichtlich aber nicht gehört. Im Mai dieses Jahres wurde der Neobank sogar ein Sonderaufseher ins Haus gesendet. Genützt hat das alles offenbar zu wenig.

Um wie viele Konten geht es?

Die sogenannte „Financial Intelligence Unit“ (FIU) leitet regelmäßig Daten zur Geldwäsche an die Landeskriminalämter weiter. Über diese berichteten Handelsblatt und Wirtschaftswoche zuerst. In Brandenburg sollen Konten von N26 demnach in 10 Prozent der Geldwäscheverfahren eine Rolle spielen: Bei 42 von 362 Fällen ging es demnach in diesem Jahr um die Neobank. Dies sei überdurchschnittlich häufig. Auch in Niedersachsen hätte demnach seit dem Jahr 2019 jede zehnte Meldung einen Bezug zu N26 gehabt.

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Was macht die BaFin nun?

Laut Handelsblatt droht nun eine Beschränkung des Neukundengeschäfts. So jedenfalls sagt es ein Insider der Zeitung. Da das rechtlich ausführlich begründet werden muss, dauere es aber noch bis zum formellen Erlass.

Was kann die BaFin noch machen?

Die BaFin hat schon einen Teil ihres Ins­trumentenkastens ausgeschöpft. Dazu gehören die Anordnung von Maßnahmen und nun ein Sonderaufseher. Auch kann die nun nach außen gedrungene Drohung durchaus als letzte Warnung angesehen werden vor einer Einschränkung des Neukundengeschäfts. Als schärfere Maßnahmen drohen unter anderem noch ein Verbot weiterer Kundengelder, Geldbußen oder sogar eine vorläufige Schließung der Bank.

Was habe ich als Kunde zu befürchten?

Aktuelle Kunden haben wegen der im Moment diskutierten Maßnahmen nichts zu befürchten. Es betrifft nur das Neukundengeschäft. Sollte der Streit weiter eskalieren, sieht es aber anders aus.

Was heißt das für N26?

Das Neukundenwachstum ist seit einiger Zeit sowieso gebremst. Es muss kein Beinbruch sein, wenn die BaFin es nun erst mal einschränkt. Wenn danach wirklich alles reibungslos läuft, kann es auch ein Vorteil sein. Aber der Imageschaden ist erst einmal da.

Wie reagiert N26 da drauf?

Die Berliner verschickten vergangene Woche eine Mitteilung. In ihr hieß es, dass man nun mit Thomas Grosse einen Chief Risk Officer (CRO) benennt. Daneben hat Stephan Niermann nun die Rolle als Geldwäschebeauftragter übernommen. Die Pressemitteilung müht sich sonst in Allgemeinplätzen: Man möchte die Zusammenarbeit intensivieren, die Governance-, Risiko- und Compliance-Funktionen stärken sowie gegen Finanzkriminalität kämpfen. Das sind Selbstverständlichkeiten, bei denen man sich schon fragen muss: Warum hat sich N26 da nicht früher drum bemüht? Zusätzlich möchte man die Finanzholding-Struktur implementieren, die ja von der BaFin aufgenötigt worden war.

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Was heißt das für die Funding-Runde und einen möglichen Börsengang?

Hier liegt die größere Gefahr für das Fintech. Glaubt man dem Getuschel der Szene, steht N26 vor einer größeren Funding-Runde und könnte dann bis zu 10 Milliarden Dollar wert sein. Diese ist dringend notwendig, um mit den ausländischen Konkurrenten Schritt zu halten: Der amerikanische Konkurrent Chime hat zuletzt 750 Millionen Dollar erhalten und wird nun mit 25 Milliarden Dollar bewertet. Die brasilianische Nubank strebt an die Nasdaq und will sich so 2 Milliarden Dollar frisches Kapital besorgen. Und Revolut hat 800 Millionen Dollar erhalten und wird nun mit bis zu 33 Milliarden Dollar bewertet. Kann N26 da nicht mithalten, könnten sie bald selbst ein Übernahmekandidat werden. Doch eine mögliche hohe Bewertung von 10 Milliarden Dollar verträgt sich nicht mit den derzeitigen massiven Schwierigkeiten. Ein Börsengang, für den die Berliner im Jahr 2022 fit sein wollten, verträgt sich damit noch weniger.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Nestler, Franz
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
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