Handelsplattform Bitpanda

Eine Börse, die niemals schließt

Von Sarah Huemer
06.12.2021
, 12:31
Die Bitpanda-Gründer Christian Trummer, Paul Klanschek und Eric Demuth
Die Plattform Bitpanda erleichtert das Handeln mit Bitcoin, Gold und Aktien. Wie drei junge Männer eines der erfolgreichsten Fintechs Europas gegründet haben.
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Mal angenommen, den Aktienmarkt gäbe es noch nicht, und man erfände ihn heute. Wie sähe er aus? „Ähnlich wie der Kryptomarkt“, ist Eric Demuth, Gründer der Handelsplattform Bitpanda, überzeugt. Ohne Öffnungszeiten, Anleger könnten also rund um die Uhr handeln. Und es wäre ganz einfach, auch Bruchstücke von teuren Aktien wie Tesla zu erwerben – so, wie Investoren auch nur ein Zehntel eines Bitcoins kaufen können.

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Neobroker und Investmentplattformen wie das österreichische Start-up Bitpanda fordern die traditionellen Regeln des Finanzmarkts heraus. Günstiger, einfacher und digitaler soll das Handeln sein, am besten per Handy-App. Bitpanda gehört zu den am schnellsten wachsenden Fintechs in Europa, die Plattform ist auch in Deutschland nutzbar. Drei Millionen Nutzer kaufen und verkaufen auf ihr Kryptowährungen, Edelmetalle in digitaler Form und seit Kurzem auch Teilaktien.

Begonnen hat dieser Erfolg 2014 mit einem Problem. „Bitcoin war wahnsinnig schwierig zu kaufen. Man musste zuerst Geld in Dollar konvertieren und dann auf einer zusammengeschusterten Börse im Internet eine Order setzen“, erzählt Demuth. Ein paar hundert Euro war ein Bitcoin damals wert. Heute sind es etwa 50 000 Euro.

Auf Umwegen ist der gebürtige Norddeutsche in der Finanzbranche gelandet. Eigentlich wollte er Kapitän werden und reiste als Schiffsmechaniker rund um die Welt. Doch er änderte seine Meinung und begann, in Wien und London Wirtschaft zu studieren. Über gemeinsame Freunde lernte er den Österreicher Paul Klanschek kennen. Wie Demuth war auch Klanschek früh von Bitcoin fasziniert. Und auch er klagte über die Schwierigkeiten, mit denen sich Käufer konfrontiert sahen. Demuth und Klanschek beschlossen, ihren Frust in ein Start-up umzuwandeln. Die beiden waren überzeugt, dass Kryptowährungen die Finanzwelt in der Zukunft umkrempeln würden.

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Doch etwas fehlte: „Eine Techfirma ohne technischen Gründer, das ging absolut nicht. Wir brauchten jemanden, der richtig gut programmieren kann.“ Das Netzwerk Bitcoin Austria half aus und vermittelte den Softwareentwickler und Kryptoexperten Christian Trummer, Gründer Nummer drei.

Ein Webshop wird zur Plattform

„Anfangs dachten wir, dass wir ganz einfach einen Webshop für Bitcoins bauen. Das war aber eine naive Idee“, sagt Demuth. Anders als T-Shirts oder Schuhe waren Bitcoins schließlich nichts, was üblicherweise in virtuellen Warenkörben landete.

Dementsprechend groß war die Skepsis, etwa bei Regulatoren und Banken, die sie aber für den Geldtransfer brauchten. „Es war schwierig, Kryptowährungen aus diesem schlechten Image rauszubekommen. Das kostete uns viel Überzeugungskraft und Hartnäckigkeit.“

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Hartnäckigkeit, die sich nun bezahlt macht. Bitpanda ist seit März 2021 das erste Einhorn Österreichs, also ein Start-up, das mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet ist. Innerhalb von fünf Monaten hat sich die Bewertung dann auf 4,1 Milliarden Dollar verdreifacht, als das Start-up im August bei einer Finanzierungsrunde rund 263 Millionen Euro einsammelte. Auch die Gesellschaft Valar Ventures von Peter Thiel, Paypal-Mitgründer und Tech-Investor, ist beteiligt.

Dabei hat das Start-up lange gewartet, bis es sich professionellen Investoren öffnete. Erst im Jahr 2020, also sechs Jahre nach der Gründung, sammelte Bitpanda das erste Mal Geld von Start-up-Investoren. Auch heute halten die drei Gründer noch immer „etwas mehr als 50 Prozent“, was bei Fintechs dieser Größe quasi nie vorkomme, sagt Demuth. Aus der Idee eines Onlineshops wurde schnell eine ganze Plattform, auf der Nutzer seit 2014 ihre Kryptoanlagen verwalten können. Wer virtuelle Münzen wie Bitcoin kauft, möchte sie schließlich mithilfe einer virtuellen Geldbörse, eines Wallet, lagern.

Und es blieb nicht nur bei Bitcoin. Rund 60 Kryptowährungen gibt es mittlerweile auf der Plattform, darunter die bekannten Stars wie Bitcoin und Ether, aber auch Spaßwährungen wie Shiba Inu oder Dogecoin. Außerdem können Anleger Gold, Silber und Platin als digitale Güter in ihr Portfolio legen. Die physischen Edelmetalle dafür hinterlegt Bitpanda in einem Hochsicherheitstresor.

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Drei Meinungen, eine Lösung

Die Technologie für den Handel haben die Gründer selbst gebaut, in den ersten beiden Jahren hat sich vor allem Christian Trummer um die Plattform gekümmert. Mittlerweile hat er als Chief Technology Officer reichlich Verstärkung bekommen. Rund 700 Beschäftigte arbeiten im gesamten Unternehmen.

Als Geschäftsführer stehen Demuth und Klanschek gemeinsam an der Spitze, oft beraten sie zu dritt. „Paul, Christian und ich sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Wir diskutieren oft lange, kommen aber schlussendlich auf ein besseres Ergebnis als jeder Einzelne zuvor“, sagt Demuth.

Im Juli hat Bitpanda auch in Berlin ein Büro eröffnet. Im deutschen Markt ist die Plattform vielen bisher unbekannt. Das könnte daran liegen, dass sie noch auf ihre offizielle Lizenz von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) wartet, um richtig durchzustarten. Eine Ausnahmeregelung macht es dennoch möglich, dass Anleger in Deutschland die Kryptobörse nutzen können.

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In anderen Ländern ist Bitpanda schon aktiver, neben Österreich agiert man in Spanien, Italien, Frankreich und seit dieser Woche auch in Dänemark. Schon bei der Namensgebung war den Gründern klar, dass Bitpanda weit über die Grenzen Österreichs hinausgehen soll. Ein Kriterium für den Namen war, dass er in allen Sprachen einfach ausgesprochen werden kann.

Ein weiteres Kriterium: „Die Domain musste gratis sein, wir hatten damals schließlich nicht viel Geld“, sagt Demuth. Das hat sich geändert. Im Jahr 2020 lag der operative Gewinn bei 12,7 Millionen Euro, seit fünf Jahren ist Bitpanda profitabel.

Können Konkurrenten auch Partner sein?

Das Start-up verdient sein Geld mit Handelsgebühren. Bei 1,49 Prozent liegt zum Beispiel der Aufschlag, wenn Anleger Bitcoin kaufen. Weitere Einnahmen wollen sie mit dem Verkauf ihrer eigenen Technologie an andere Unternehmen erzielen. „Wir haben hier einen Vorsprung, den kaum jemand aufholen kann“, tönt Demuth.

Erst Mitte November ist Bitpanda mit der französischen Neobank Lydia einen Deal eingegangen. „Wir sehen die anderen nicht als Konkurrenten, sondern als Partner. Im Finanzsektor wird es nicht einen großen Gewinner geben wie bei Netzwerkdiensten wie Facebook. Sondern viele große regionale Anbieter“, sagt Demuth.

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Doch Zusammenarbeit hin oder her: Die Unternehmen buhlen um eine ähnliche Zielgruppe, nämlich um junge Menschen, die ihr Geld am liebsten digital über einen Neobroker anlegen – und sich dabei ein vielfältiges Angebot wünschen. Um dem gerecht zu werden, bieten Trade Republic und Scalable Capital seit Kurzem die beliebtesten Kryptowährungen an.

Auch Bitpanda wagt einen ähnlichen Schachzug und erweitert sein Angebot. Seit April 2021 können Nutzer auf der Plattform auch Indexfonds (ETF) und Teilaktien kaufen, mit denen sie sich am Erfolg der ganz Großen, also der Teslas, Amazons oder Alphabets dieser Welt, beteiligen können – und zwar ohne mehrere hundert Euro für eine einzige Aktie hinzublättern.

Eine Provision zahlen sie nicht, dafür verdient Bitpanda an der Differenz zwischen dem Verkaufs- und Kaufpreis, dem sogenannten Spread.

Die Idee ist nicht ganz neu, in den USA sind Teilaktien, auch „fractional shares“ genannt, üblicher. In Europa ist es schwieriger, mit Teilaktien zu handeln. Bitpanda löst das über Derivate. Das sind Finanzprodukte, deren Wert auf einer Aktie basiert und so die Anleger am Erfolg oder Misserfolg des jeweiligen Unternehmens beteiligt.

Bitpanda hält die einzelnen Aktien, derzeit von etwa 130 Unternehmen weltweit, und kann sie für ihre Kunden aufstückeln. Auf ein Stimmrecht bei der Hauptversammlung müssen die Anleger allerdings verzichten. Und auch in ein anderes Depot lässt sich das Derivat nicht übertragen.

Dafür sind die Nutzer aber nicht an die Öffnungszeiten der Börse gebunden. Eine „Wall Street without Walls“, also ohne Mauern, wollen die drei so erschaffen. Immerhin: Die früheren Hindernisse, um Kryptowährungen zu kaufen, haben sie schon jetzt eingerissen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Huemer, Sarah
Sarah Huemer
Redakteurin im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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