Notenbank der Notenbanken

Gibt es an den Finanzmärkten eine „grüne Blase“?

Von Christian Siedenbiedel
21.09.2021
, 08:11
Windrad
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich weist auf gewisse Parallelen zwischen grünen Geldanlagen und Eisenbahnbau und Finanzkrise hin. Die Risiken müsse man im Auge behalten – bei aller Unterstützung für die große Transformation.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), gleichsam die Notenbank der Notenbanken, befasst sich in ihrem aktuellen Quartalsbericht mit der Frage, ob an den Finanzmärkten eine „grüne Blase“ droht. Die Autoren Sirio Aramonte und Anna Zaba schildern die starken Zuflüsse in Anlageprodukte rund um das Label „ESG“ („Environmental, Social and Corporate Governance“). Vor allem das Thema Umwelt sei vielen Anlegern wichtig, unterstützt auch durch Appelle aus Medien und Politik.

„Gleichzeitig stellt sich angesichts des sehr schnellen Wachstums der neuen Anlageklasse die Frage, ob sich nicht eine Blase bilden könnte, wenn die Markttransparenz nicht gewährleistet werden kann“, schreiben die Ökonomen: „Könnte eine grundsätzlich begrüßenswerte Entwicklung – die Unterstützung der Finanzierung des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Welt – zu erheblichen finanziellen Ungleichgewichten führen?“

Die Autoren betrachten das Wachstum dieser Anlageklasse anhand verschiedener Zahlen. Die genaue Quantifizierung sei wegen der unklaren Abgrenzung nicht einfach. Nach Schätzungen mit einer weiten Definition seien die ESG-Vermögenswerte zwischen 2016 und 2020 um fast ein Drittel auf 35 Billionen Dollar oder 36 Prozent der gesamten professionell verwalteten Vermögenswerte gestiegen. Andere Schätzungen berücksichtigten nur solche Fonds und ETF, also börsengehandelte Indexfonds, bei denen die Emittenten selbst von Anlagemandaten sprechen, die ESG oder SRI („Socially responsible investment“) berücksichtigten. Nach der Definition komme man auf ein noch schnelleres Wachstum, aber von niedrigerem Niveau aus. Das von diesen Fonds verwaltete Vermögen habe sich demnach in den vergangenen fünf Jahren mehr als verzehnfacht auf rund 2 Billionen Dollar. Auf Aktienfonds nach ESG oder SRI entfielen etwa 3 Prozent des verwalteten Vermögens, auf ESG-Anleihefonds nach diesen Kriterien etwa 1 Prozent.

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Begrenzte Offenlegungspflichten führten zu einem unvollständigen Bild darüber, welche Investoren die Anlagen hielten. Bei amerikanischen Versicherungsunternehmen und europäischen Banken machten die Bestände wohl nur einen kleinen Teil aus, etwa 1 Prozent. Bei amerikanischen Pensionsfonds beispielsweise seien die Anteile seit 2017 deutlich gestiegen und machten jetzt rund 4 Prozent ihres Engagements in Unternehmenskrediten aus.

Lehren aus der Finanzkrise

Historische Lehren aus dem Investitionsvolumen und der Preisdynamik bei schnell wachsenden Anlageklassen könnten für die ESG-Wertpapiere von Bedeutung sein, heißt es in dem Bericht. „Vermögenswerte, die mit grundlegenden wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen verbunden sind, neigen dazu, nach einem anfänglichen Investitionsboom große Preiskorrekturen zu erfahren.“ Eisenbahnaktien Mitte des 18. Jahrhunderts, Internetaktien während der Dotcom-Blase und hypothekarisch gesicherte Wertpapiere während der Weltfinanzkrise seien Beispiele dafür.

„Es ist daher bemerkenswert, dass das Wachstum und die Größe des Private-Label-MBS-Marktes vor der Finanzkrise mit denen vergleichbar sind, die in jüngster Zeit für ESG-Publikumsfonds und börsengehandelte Fonds beobachtet wurden“, heißt es in dem Bericht. Es gebe in manchen Segmenten Anzeichen dafür, dass die Bewertungen von ESG-Vermögenswerten überzogen sein könnten: So liege das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien selbst nach einem Rückgang vom Höchststand im Januar 2021 immer noch deutlich über dem von bereits hoch bewerteten Wachstumswerten. Das müsse zumindest beobachtet werden. Wenn der Markt weiterhin in dem Tempo wachse und immer ausgefeiltere Instrumente rund um diese Anlageklasse entstünden, werde es nicht nur wichtig sein, die Vorteile der Finanzierung des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Welt zu bewerten – sondern auch die finanziellen Risiken zu ermitteln.

Wie gefährlich ist die Inflation?

Die BIZ hat zudem die lockere Geldpolitik der Notenbanken der Welt angesichts der gestiegenen Inflation unter die Lupe genommen – kommt aber insgesamt zu eher beruhigenden Ergebnissen. Ein Großteil der Preisveränderung konzentriere sich in einem Umfeld mit lange Zeit niedriger Inflation auf wenige Wirtschaftsbereiche. Das lege den Schluss nahe, dass der jüngst scharfe Inflationsanstieg ein temporäres Phänomen sei.

Die BIZ stützt damit die Argumentation vieler großer Zentralbanken. So halten etwa die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) den derzeitigen Anstieg der Teuerung nicht für dauerhaft und wollen ihre Geldpolitik deshalb grundsätzlich locker belassen. Sie argumentieren mit coronabedingten Sondereffekten und sogenannten statistischen Basiseffekten aufgrund niedriger Vergleichswerte im Vorjahr.

Die BIZ hat in ihrer Studie die Preisentwicklung in 131 Sektoren der amerikanischen Volkswirtschaft über einen langen Zeitraum untersucht. Sie ist der Auffassung, dass die Resultate grundsätzlich auf andere Volkswirtschaften übertragbar sind.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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