Scherbaums Börse

Anleger erwarten viel und unterschätzen die Risiken

Von Christoph Scherbaum
06.08.2021
, 12:16
Wirklich alles im Blick? Ein Kapitalmarktprofi an seinem Arbeitsplatz an der New Yorker Börse
Unternehmen haben mit ihren Geschäftszahlen für das erste Halbjahr hohe Erwartungen erfüllt – mehr aber nicht. Für den Rest des Jahres kommen nun Risikofaktoren hinzu, die nicht von allen gleich berücksichtigt werden.
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Die Bilanz-Saison für das zweite Quartal ist bisher gut verlaufen. Negative Überraschungen gab bis dato nur wenige. Die Prognosen und Ausblicke sind in Hinblick auf die Unsicherheitsfaktoren wie Probleme in der Lieferkette oder die Auswirkung der Delta-Variante positiv. Viele Unternehmen haben die eigenen Erwartungen für das dritte Quartal angehoben. Das alles wären an sich gute Gründe, weiter steigende Kurse zu sehen. Doch die relative Kursentwicklung ist eher schwach. Was ist im dritten Quartal und insgesamt im zweiten Halbjahr an den Börsen dann noch zu erwarten?

Patrick Moonen von NN Investment Partners erklärt die aktuelle Situation an den Aktienmärkten damit, dass die jüngsten Ergebnisse einfach „wenig überraschend“ seien. „Gute Zahlen waren immer erwartet worden, es herrschte Konsens darüber, dass das zweite Quartal hohe jährliche Wachstumszahlen aufweisen würde, insbesondere in den zyklischen Bereichen des Marktes.“ Ab dem dritten Quartal werde nach seiner Einschätzung eine rasche Normalisierung des Gewinnwachstums von fast dreistelligen Werten auf niedrige zweistellige Werte im Jahr 2022 einsetzen, was aber immer noch überdurchschnittlich wäre.

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Probleme in der Lieferkette

Ein weiterer Grund, dass sich Anleger derzeit an der Börse mit Käufen zurückhalten ist, dass ein gewisser „Druck auf den Gewinnen“ liege. „Probleme in der Lieferkette können länger andauern und zu einer suboptimalen Kapazitätsauslastung führen, die Rohstoffpreise steigen, die Löhne könnten sich erhöhen und in den Vereinigten Staaten könnten die Steuern steigen“, sagt Moonen. „Global gesehen hat sich das Risiko-Ertrags-Verhältnis bei Aktien seit Jahresbeginn etwas verschlechtert.“

Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei JP Morgan, ist ebenfalls der Meinung, dass die Lage an den Märkten unruhiger geworden ist – auch wenn das Börsenjahr 2021 bislang außergewöhnlich ruhig war. „Gerade einmal rund vier Prozent betrug der Rückschlag in diesem Jahr – verglichen zu rund 12 Prozent im langfristigen Durchschnitt.“ Grundsätzlich gehe es sowohl ökonomisch als auch an den Märkten weiter aufwärts, so der Experte – „nur eben etwas holpriger als bisher“.

Mark Holman von TwentyFour Asset Management stimmt gleichfalls zu, dass entgegen der anfänglichen Erwartung eines ruhigen Sommers die Volatilität an den Märkten in den kommenden Wochen deutlich zunehmen dürfte. Die wirtschaftliche Erholung könnte sich als nicht stark genug erweisen, wie von den Märkten zunächst erwartet und bereits eingepreist wurde, so Holman. Hinzu komme, dass die Märkte die potentiellen Auswirkungen der Delta-Variante von Covid-19 auf die Wachstumszahlen im dritten Quartal unterschätzt haben.

Potential sieht Galler von JP Morgan trotz ansteigender Unruhe vor allem noch in Europa: „Die Fortschritte bei der Impfung und starke fiskalische Anreize über den EU-Wiederaufbaufonds schaffen ein hohes Aufholpotential für Europa“, sagt der Ökonom. Seit Juli würden nun die ersten Tranchen des Wiederaufbaufonds ausgezahlt. In der Konsequenz könnte sich das ökonomische Momentum nun stärker von den USA hin zu Europa verschieben.

Bei Aktien sieht Galler vor allem Value-Werte als günstig bewertet an, während er regional bei europäischen Aktien noch Aufholpotential sieht. Auch japanische Aktien könnten mit Blick auf das vierte Quartal interessanter werden. Small Caps hätten hingegen nach der guten Wertentwicklung der vergangenen 12 Monate etwas an Attraktivität verloren. Wichtig sei grundsätzlich, die Vermögensallokation nun noch ausgewogener auszurichten.

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Auf Europa setzt auch Nikolas Kreuz vom Vermögensverwalter Invios – in Verbindung mit dem Megatrend Klimawandel. „Insbesondere europäische Aktien werden dank der Umstellung auf saubere Technologien einen Produktivitätsschub verzeichnen und nur minimale Verluste bei verlorenen Vermögenswerten erleben“, so Kreuz.

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Quelle: FAZ.NET
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