Börse

Flucht aus Aktienfonds deutsches Phänomen

16.09.2004
, 21:41
Das Anlageverhalten deutscher Fondssparer hat sich in diesem Jahr von der weltweiten Entwicklung abgekoppelt. Die deutschen Fondsanbieter verzeichneten einen Nettomittelabfluß von 1,5 Milliarden Euro.
ANZEIGE

Das Anlageverhalten deutscher Fondssparer hat sich in diesem Jahr von der weltweiten Entwicklung abgekoppelt. Während Aktienfonds in allen großen Industrieländern zusätzliche Gelder bei den Anlegern einsammeln konnten, verzeichneten die deutschen Fondsanbieter insgesamt gesehen einen Nettomittelabfluß. Dieser belief sich im ersten Halbjahr auf 1,5 Milliarden Euro.

ANZEIGE

Gleichzeitig fiel der Absatz von vergleichsweise risikoarmen Rentenfonds mit 7,7 Milliarden Euro nirgendwo anders in der Welt so hoch aus wie in Deutschland. Das geht aus einer aktuellen Studie der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS über den Verlauf des weltweiten Fondsgeschäfts im ersten Halbjahr hervor. "Die deutschen Kunden sind weiterhin höchst verunsichert", kommentiert Steffen Leipold, der DWS-Verantwortliche für den Fondsvertrieb über Versicherer und Finanzmakler. Seine Gesellschaft ist dabei noch in der glücklichen Lage, zu den wenigen deutschen Anbietern zu gehören, die auch bei Aktienfonds Nettomittelzuflüsse verzeichnen.

"Mental noch in der Baisse"

Über die Gründe für die Flucht deutscher Anleger aus Aktienfonds, die sich im vergangenen Monat mit einem Abfluß von 1,8 Milliarden Euro noch beschleunigte, wird seit geraumer Zeit in der deutschen Fondsbranche diskutiert. Nach den gängigsten Theorien stecken die Kunden "mental noch in der Baisse", wie einst der Geschäftsführer der Allianz-Fondsgesellschaft Dit, Markus Rieß, formulierte.

Rüdiger Ginsberg, Vorstandssprecher der drittgrößten deutschen Fondsgesellschaft Union, verwies kürzlich auf das psychologische Phänomen der Orientierung an Einstiegskursen. Nach der Frustration der letzten Jahre seien viele Anleger in Aktien und Aktienfonds nun erleichtert, daß das Kursniveau nun wieder ungefähr dort ist, wo es schon einmal war. Nun tendierten sie dazu, ihre Positionen zu verkaufen.

ANZEIGE

Zu den Ergebnissen der Studie zu den internationalen Fondsmärkten verweist DWS-Vertriebsleiter Leipold darauf, daß sich deutsche Fondssparer besonders stark am heimischen Aktienindex - dem Dax - orientierten. Dieser bot nach dem Aufschwung im vergangenen Jahr im ersten Halbjahr 2004 wenig Anlaß zur Freude. Vor diesem Hintergrund wurden vielfach die Gewinne aus dem vergangenen Jahr mitgenommen, bei neuen Engagements Zurückhaltung geübt.

Kapitalmarktnah operierende Zertifikate

Doch auch konkurrierende Anlageformen kommen zunehmend in den Blickpunkt. Galt bislang das Hauptaugenmerk vor allem den ebenfalls kapitalmarktnah operierenden Zertifikaten, die sich in den vergangenen Jahren ein immer größeres Stück von dem zu verteilenden Anlegergeld abgeschnitten haben, so geraten seit kurzem auch die geschlossenen Fonds des sogenannten grauen Kapitalmarkts verstärkt in den Blick.

ANZEIGE

Nach Angaben des Berliner Analysehauses Scope wurde im ersten Halbjahr 2004 bereits Eigenkapital in der Größenordnung von 6,7 Milliarden Euro in geschlossenen Fonds (wie Immobilien-, Schiffs- und Medienfonds) plaziert. Damit ist das Ergebnis des Gesamtjahres 2003 mit einem plazierten Eigenkapital von 7,9 Milliarden Euro schon jetzt in Reichweite, obwohl die traditionell umsatzstärkste Zeit kurz vor dem Jahreswechsel erst noch bevorsteht. Neben dem im Vergleich zu Aktien geringeren Verlustrisiko dürfte auch der Steuerspareffekt einiger Beteiligungsmodelle einer in Deutschland weitverbreiteten Anlegermentalität entgegenkommen.

Trotz der Absatzschwäche deutscher Aktienfonds ist das Nettomittelaufkommen von Aktienfonds in Europa nach der DWS-Studie in den ersten sechs Monaten dieses Jahres im Vergleich zum ersten Halbjahr 2003 von 11,4 auf 17,7 Milliarden Euro gestiegen. In den Vereinigten Staaten sprang das Neugeschäft in dieser Produktgattung sogar von 35,5 auf 118,5 Milliarden Dollar. Parallel brach das Neugeschäft mit Rentenfonds europaweit von 34,7 auf 13,7 Milliarden Euro ein. In Amerika flossen sogar 22,6 Milliarden Dollar ab, nach Zuflüssen von 67,8 Milliarden Dollar im gleichen Vorjahreszeitraum.

Quelle: sfu. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2004, Nr. 217 / Seite 25
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE