Börse

S&P 500 wird auf Streubesitz umgestellt

15.09.2004
, 19:56
Die geplante Änderung der Berechnungsmethode für mehrere populäre Aktienmarktbarometer könnte in den kommenden Monaten die Aktienkurse von zahlreichen Unternehmen an der Wall Street beeinflussen.
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Die geplante Änderung der Berechnungsmethode für mehrere populäre Aktienmarktbarometer könnte in den kommenden Monaten die Aktienkurse von zahlreichen Unternehmen an der Wall Street beeinflussen. Der Indexanbieter Standard & Poor's will bis September 2005 die Gewichtung der Aktien im marktbreiten Aktienindex S&P 500 sowie drei weiteren Indizes auf Streubesitz (Free Float) umstellen.

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Damit wird die Gewichtung der Aktien zukünftig vom Volumen der frei handelbaren Aktien bestimmt. Bislang ist dafür die gesamte Marktkapitalisierung eines Unternehmens ausschlaggebend, also die Zahl der gesamten Aktien, multipliziert mit dem Aktienkurs. Große, nicht handelbare Blöcke von Aktien, die sich etwa im Besitz von Unternehmensgründern befinden, werden dabei mitgerechnet.

Gewichtung nach Streubesitz

Zahlreiche Fachleute halten die Gewichtung nach Streubesitz für die bessere Methode, die Stellung eines Unternehmens im Markt abzuschätzen. Die meisten Aktienindizes von Anbietern wie Morgan Stanley, Russell oder Dow Jones sind bereits nach Streubesitz gewichtet. (Der populäre Index Dow Jones Industrial Average bildet allerdings eine Ausnahme, weil dessen 30 Komponenten nach der absoluten Höhe ihres Aktienkurses gewichtet werden.) Standard & Poor's hatte die geplante Umstellung bereits im vergangenen März bekanntgegeben. Am 28. September sollen nach New Yorker Börsenschluß nun die an der Wall Street mit Spannung erwarteten Details der neuen Berechnungsmethode vorgestellt werden.

Analysten rechnen schon jetzt mit Verkaufsdruck auf Unternehmen, deren Aktien sich nur zu einem geringen Teil in Streubesitz befinden. Dazu zählt etwa der weltgrößte Einzelhändler Wal-Mart Stores, bei dem die Familie des verstorbenen Gründers Sam Walton 40 Prozent der Aktien hält. Der Verkaufsdruck dürfte aus den erzwungenen Portfolioumschichtungen von sogenannten Indexfonds resultieren, also Investmentfonds, die einen Index nachbilden. Auch andere Investmentfonds nutzen die S&P-Indizes als Meßlatte, was zu zusätzlichen Umschichtungen führen könnte. Nach Angaben von Standard & Poor's sind 1100 Milliarden Dollar in Fonds angelegt, die den S&P 500 abbilden.

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„Mit Wechsel gerechnet“

Indexfonds müssen wegen der neuen Berechnungsmethode Aktien im Wert von 38 Milliarden bis 45 Milliarden Dollar umschichten, schätzt man beim Wertpapierhaus Guzman & Co. Guzman rechnet damit, daß sich die Abflüsse auf 33 Unternehmen konzentrieren werden, die jeweils über ein Fünftel ihrer Gewichtung im S&P 500 abgeben. Analysten der Investmentbank CS First Boston hatten die Höhe der Umschichtungen im März sogar auf 70 Milliarden Dollar geschätzt.

Einige Fondsmanager haben in Erwartung der Umstellung bereits vorsorglich ihre Wal-Mart-Positionen reduziert. "Wir haben mit diesem Wechsel gerechnet und entschieden, unsere Aktien stärker an die zukünftige Indexgewichtung anzugleichen", sagt Fondsmanager Larry Jones vom Vermögensverwalter NCM Capital. Analysten rechnen damit, daß die Umstellung Verkäufe von Wal-Mart-Aktien im Wert von 7,6 Milliarden bis 9,2 Milliarden Dollar auslösen könnte. Derzeit hat Wal-Wart im S&P 500 ein Gewicht von 2,2 Prozent.

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Bestände reduzieren

Ein weiterer Wert, der möglicherweise unter Druck kommt, ist der Logistikkonzern United Parcel Service (UPS). Fast die Hälfte der UPS-Aktien entfällt auf sogenannte Class-B-Titel, die an der Börse gehandelt werden. Der Rest sind Class-A-Aktien, die von Mitarbeitern, Pensionären und den Gründerfamilien gehalten werden. Class-A-Aktien werden nicht öffentlich gehandelt, können aber im Verhältnis eins zu eins in Class-B-Aktien umgewandelt werden. Ob es zu Verkaufsdruck auf die UPS-Aktien kommen wird, hängt nun davon ab, ob Standard & Poor's die Class-A-Aktien als Streubesitz klassifizieren wird oder nicht.

Wird dieser Typ UPS-Aktie nicht als Streubesitz angerechnet, würde sich die Gewichtung von UPS im S&P 500 halbieren. UPS-Finanzchef Scott Davis hat bereits angekündigt, daß UPS wahrscheinlich Aktien zurückkaufen würde, falls Indexfonds ihre Bestände wegen der Berechnungsänderung reduzieren müßten.

Verkaufsdruck auf Aktien

Alex Budny, ein Analyst bei Lehman Brothers, rechnet neben Wal-Mart auch mit Verkaufsdruck auf die Aktien des Flaschenabfüllers Coca-Cola Enterprises und die Versicherung Met Life. Auch der Softwaregigant Microsoft könnte an Gewicht verlieren, weil Gründer Bill Gates und andere Unternehmensinsider 15 Prozent der Aktien besitzen.

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Bei der Investmentbank Goldman Sachs halten die ehemaligen Partner etwa 30 Prozent der Anteile. Zu Aktiengesellschaften, deren Gewichtung steigen könnte, weil sich fast alle Aktien in Streubesitz befinden, gehören die Mineralölkonzerne Exxon Mobil und Chevron Texaco sowie der Mischkonzern General Electric.

Analysten der Postbank halten neben Wal-Mart, Microsoft und Met Life auch den Versicherer American International Group, das Online-Auktionshaus Ebay, den Medizingerätehersteller Boston Scientific, den Softwarekonzern Oracle sowie den Touristikkonzern Carnival für abgabegefährdet. Profitieren dürften neben General Electric und Exxon Mobil die Pharmakonzerne Pfizer und Johnson & Johnson sowie der Technologieriese IBM.

Abgabedruck abfedern

Neben dem S&P 500 wird Standard & Poor's auch die Indizes S&P MidCap 400 (mittelgroße Werte), S&P SmallCap 600 (kleine Werte) sowie den S&P REIT Composite (Immobilienwerte) auf Free-Float-Gewichtung umstellen. Nach der Vorstellung der Berechnungsdetails Ende September wird Standard & Poor's vom 15. Oktober an zusätzlich zu den offiziellen Marktbarometern zunächst provisorisch angeglichene Streubesitz-Indizes veröffentlichen.

Mitte März des kommenden Jahres werden die Indizes zur Hälfte auf Streubesitz umgestellt. Am 16. September 2005 wird dann völlig nach Streubesitz gewichtet. Die gestaffelte Neugewichtung soll die Auswirkungen auf den Aktienmarkt abschwächen. "Der lange Übergangszeitraum und die Veröffentlichung von provisorischen Indizes dürften einen Großteil des Abgabedrucks abfedern", meint David Blitzer, der Vorsitzende des Index-Ausschusses von Standard & Poor's.

Quelle: nks. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2004, Nr. 216 / Seite 19
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