Scherbaums Börse

Was geht jetzt noch an den Börsen?

Von Christoph Scherbaum
20.08.2021
, 11:22
An der Börse gehen die Kurse wieder runter: Kurstafel über dem New Yorker Handelsparkett.
Die Sorge, dass Amerikas Notenbank bald strafft, drückt die Anlegerstimmung. Abseits von Aktien könnte eine andere Anlageklasse interessant werden.
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Die zurückliegende lang anhaltende Rally an den Aktienmärkten hat Kraft gekostet. Es scheint nun ein bisschen die Luft an der Börse raus zu sein, nachdem beispielsweise der Dax die runde 16.000er-Marke vergangene Woche erstmals erklommen hatte. Die Sorge, dass die amerikanische Notenbank Federal Reserve schon bald geldpolitisch die Zügel straffer ziehen könnte, sorgte zuletzt für leichtere Kurse. Stellt sich einmal mehr die Frage: Was geht für Anleger im zweiten Halbjahr noch an der Börse?

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Gemessen an den gebündelten Gewinnschätzungen der Analysten seien die Märkte derzeit teuer, aber nicht zu teuer, meint Ivan Mlinaric von Quant Capital Management. „In der Öffentlichkeit werden häufig die Schätzungen der Gewinne für das laufende sowie für das kommende Geschäftsjahr, die Forward Earnings, als Grundlage für eine Einschätzung der Märkte genutzt“, so Mlinaric. Gemessen an diesen Gewinnschätzungen ergebe sich aktuell ein geschätztes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 von etwas mehr als 21, für den Dax von 14 und für den EuroStoxx von etwa 17. Im historischen Vergleich seien diese Werte zwar nach Aussagen von Mlinaric hoch, aber noch keine Höchststände.

Das Vertrauen in Prognosen und Schätzungen

Entsprechend würden viele Anlagestrategen die Aktienmärkte als nicht übermäßig teuer einschätzen. „Die Frage ist, wie weit man den Schätzungen vertrauen kann“, sagt Mlinaric und verweist in diesem Zusammenhang auf eine hauseigene Analyse, in der die Gewinnschätzungen über die vergangenen 20 Jahre überprüft wurden. Diese zeige, dass Analysten die Unternehmensgewinne häufig stark über- oder unterschätzt hatten, je nachdem, ob im Markt gerade Euphorie oder Panik herrschte.

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. Bild: Christoph Scherbaum

Demnach neigten Analysten im Durchschnitt eher dazu, die Gewinne zu überschätzen. Die mittlere Abweichung lag im Bereich von 10 bis 20 Prozent. Aktuell seien auch dank des umfassenden fiskalpolitischen Rückenwinds viele Marktteilnehmer besonders optimistisch. „Basierend auf den historischen Erfahrungen ist davon auszugehen, dass der Konsens die Unternehmensgewinne für das laufende sowie für das kommende Jahr deutlich überschätzt“, warnt Mlinaric. „Bei einem angenommenen Schätzfehler von 20 Prozent lägen die aktuellen Unternehmensbewertungen dies- wie jenseits des Atlantiks im Bereich ihrer historischen Höchststände.“

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Entsprechend stellt sich an dieser Stelle eine weitere Frage für Anleger, nämlich ob die Aktienmärkte nicht doch zu teuer sind. Die Antwort scheint nicht einfach zu sein. Auf der einen Seite sind die „politischen Rahmenbedingungen wie die umfassenden fiskalpolitischen Maßnahmen, die ultralockere Geldpolitik sowie die historisch niedrigen Zinsen historisch einmalig“ – und das Ganze gepaart mit der Nachfrage aufgrund der Alternativlosigkeit von Aktien angesichts von Nullzinsen. Auf der anderen Seite sollten Anleger, die sich jetzt erst entscheiden auf den Börsenzug aufzuspringen, sich im Klaren sein, dass die gekauften Aktien möglicherweise deutlich teurer seien als angenommen, so Mlinaric.

Nach Ansicht von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, bieten sich wiederum für Anleger durchaus Wandelanleihen als eine interessante Anlagemöglichkeit an, um in nächster Zeit konjunkturelle Hindernisse „zu umfahren“. Dabei handelt es sich um Unternehmensanleihen, die den Inhabern wiederum die Möglichkeit geben, während der Laufzeit die Anleihen in Aktien des Unternehmens zu tauschen.

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Der Vorteil eines solchen Investments ist, dass es eine geringere Volatilität gegenüber der reinen Aktienanlage aufweist. „Für eine Einschätzung über die Attraktivität spielen gleich drei Faktoren eine entscheidende Rolle: die Bonität des Unternehmens, die Wertentwicklung und die Volatilität der Aktie“, führt der Kapitalmarktexperte aus. Seiner Ansicht nach dürfte die Volatilität an den Aktienmärkten in der zweiten Jahreshälfte zunehmen. „Für den Wert der Optionalität bei Wandelanleihen sind das gute Nachrichten, denn je höher die Volatilität, desto höher die Ertragschance der Option und umso höher der Preis“, erklärt Galler.

Quelle: FAZ.NET
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