Scherbaums Börse

Die nächste Generation Sixt

Von Christoph Scherbaum
05.03.2021
, 19:42
Schlüsselübergabe: Die Söhne von Patriarch Erich Sixt übernehmen bald das operative Geschäft.
Familienunternehmen bereitet der Generationenwechsel oft Probleme. Durch den Rückzug des Patriarchen Erich Sixt bekommt die Autovermietung künftig zwei Ko-Chefs. Was bedeutet das für die Aktionäre und den Wandel zum Mobilitätsdienstleister der Zukunft?
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Erich Sixt dürfte erleichtert gewesen sein, als er die Zahlen von Deutschlands größter Autovermietung für das Corona-Krisenjahr 2020 zum ersten Mal gesehen hat. Im Alter von 76 Jahren kommt er am Ende seiner Amtszeit als Vorstandschef doch noch um den ersten Verlust in 50 Jahren herum. Geholfen hat dabei der Verkauf des Leasinggeschäfts, sodass unter dem Strich doch noch ein Gewinn von 2 Millionen Euro nach Steuern stand.

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Zum Ablauf der diesjährigen Hauptversammlung am 16. Juni 2021 sagt Erich Sixt dann Servus. Er hat in den vergangenen fünf Jahrzehnten Sixt vom lokalen Autovermieter zu einem der weltweit führenden Premium-Mobilitätsanbieter geführt. Dennoch bleibt mit seinem (Un-)Ruhestand bei dem S-Dax-Unternehmen trotzdem alles beim Alten – gewissermaßen.

Nun sind die Sixt-Söhne dran

Der langjährige Vorstandsvorsitzende wird in den Aufsichtsrat wechseln und soll dort den Vorsitz von Tui-Chef Friedrich Joussen übernehmen. Finanzmarktteilnehmer müssen sich jedoch nicht an neue Gesichter gewöhnen. Der Vorstand wird in Zukunft gemeinsam von Erich Sixts Söhnen Alexander und Konstantin geführt. Die zukünftigen Ko-CEOs der Sixt SE sind seit 2015 Mitglieder des Vorstands. Damit wird die vierte Generation der Familie Sixt die Unternehmensleitung übernehmen.

Es ist keine ganz einfache Zeit, in der sie an die Unternehmensspitze kommen. Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Infektionen haben die Flug- und Reisebranche stark getroffen und die Nachfrage nach Mietfahrzeugen einbrechen lassen.

Gleichzeitig muss auch Sixt die Digitalisierung voranbringen, während neue Mobilitätskonzepte die Branche umkrempeln. Allerdings kann Sixt mit reichlich Erfahrung in diesem Bereich aufwarten, zum Beispiel beim Aufbau der Carsharing-App „DriveNow“ mit BMW.

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Kein Leasing-Geschäft mehr

Heute werden sämtliche Digitalisierungsinitiativen des Konzerns gebündelt. Im Mittelpunkt steht die globale Mobilitätsplattform ONE, in der das Unternehmen 2019 sein komplettes Produktportfolio digitalisiert zusammenführte.

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. Bild: Christoph Scherbaum

Über eine App werden Autovermietung, Carsharing sowie Taxi- und Fahrdienste angeboten. Im Sommer 2020 kam das Auto Abo Sixt+ hinzu. Auf diese Weise verleiht der Konzern nicht nur Fahrzeuge an seine Kunden. Diese werden gebunden und können wesentlich einfacher weitere Angebote des Unternehmens wahrnehmen, statt zur Konkurrenz zu laufen. Zudem wurde die Beteiligung an der Tochter Sixt Leasing im Februar 2020 an die Hyundai Bank verkauft und ein wichtiger Schritt bei der Neuaufstellung unternommen.

Derzeit gilt es für Sixt, neue Konzepte auszuweiten und sich für einen erwarteten Anstieg der Nachfrage von Mobilitätsdienstleistungen nach Überwindung der Corona-Pandemie zu rüsten. Dies hat man in finanzieller Hinsicht bereits mit einem neuen langfristigen Konsortialkredit in Höhe von 750 Millionen Euro getan.

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Die neue Kreditlinie ersetzt den Anfang Mai 2020 abgeschlossenen, bislang ungenutzten Übergangskredit unter Beteiligung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Neben diesem Übergangskredit hatte Sixt zudem mit Einsparungen auf die Corona-Pandemie reagiert und ist auch deshalb relativ gut durch die Krise gekommen.

Im Geschäftsjahr 2020 schrumpfte der Konzernumsatz im Vorjahresvergleich um 38,8 Prozent auf 1,53 Milliarden Euro. Erhebliche Einschränkungen und Nachfragerückgänge in Folge der Covid-19-Pandemie sowie vor allem die hohen Investitionen im größten Wachstumsmarkt Amerika drückten das Vorsteuerergebnis auf minus 81,5 Millionen Euro, nach einem Plus von 308,2 Millionen Euro im Vorjahr.

Damit blieb der Vorsteuerverlust im Rahmen des angekündigten Korridors von minus 70 bis minus 95 Millionen Euro. Zudem hatte es Wettbewerber schlimmer erwischt. Vor allem die Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten steht finanziell schlecht da, während Sixt in der Autonation Amerika unverändert gut aufgestellt ist.

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Analysten raten zum Kauf

Auch Analysten sehen Sixt in einer guten Position und stufen den deutschen Autovermieter größtenteils als Kauf-Kandidaten ein. Die Privatbank Hauck & Aufhäuser hat zuletzt die Einstufung auf „Buy“ mit einem Kursziel von 120 Euro belassen und hebt hervor, dass die Expansion auf dem amerikanischen Markt dynamisch verlaufe.

Das Analysehaus Jefferies wiederum schreibt, dass sich Kapitalausstattung robust entwickle. Auch die genossenschaftliche DZ Bank traut nun Sixt (wieder) mehr zu und hat die Aktie von „Halten" auf „Kaufen“ hochgestuft sowie den fairen Wert 96 auf 122 Euro angehoben. Das Unternehmen stehe in den Startlöchern für den erwarteten Aufschwung, so die Begründung. Man sehe nicht nur die Chance auf einen „kleinen Reiseboom“ im Sommer, Sixt dürfte auch durch die Internationalisierung des Geschäfts mit Fokus auf Amerika weiteres Wachstumspotential generieren.

Wer als Aktionär dem Unternehmen seit langem verbunden ist, weiß um die langfristige Stärke von Sixt. Wer vor zehn Jahren eine Summe von 10.000 Euro in Sixt-Aktien investiert hat, kann heute auf eine Depotgröße von mehr als 47.000 Euro schauen.

Im Zuge des Corona-Börsen-Crashs verlor zwar die im S-Dax notierte Stammaktie von Sixt zwischen Februar und März 2020 zwei Drittel ihres Wertes. Anschließend starteten die Kurse aber eine volatile Aufhol-Rally. Bis Anfang März 2021 konnte sich der Kurs bis zeitweise knapp über die 110-Euro-Marke weiter nach oben arbeiten. Charttechnisch steht nun das Rekordhoch vom August 2018 bei 119,70 Euro im Fokus. Wird diese finale Kursbarriere überwunden, würde das für die Sixt-Aktie einen neuen Börsen-Meilenstein bedeuten.

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Dividende fällt aus

Für Dividendenjäger ist Sixt erst einmal kein Thema. Die Ausschüttung soll – von der Mindestdividende von fünf Cent für die Vorzüge abgesehen – wohl abermals ausfallen, wie Erich Sixt andeutete.

In Anbetracht der Pläne des Unternehmens, zum Mobilitätskonzern zu mutieren, dürfte es spannend sein zu sehen, was die Zukunft bringen wird. Das Unternehmen soll in der Hand der Familie bleiben, die weiterhin 58,3 Prozent der Sixt-Stammaktien hält. Zudem erteilte Sixt zuletzt den Spekulationen über eine Übernahme (VW ist angeblich interessiert) eine klare Absage.

Quelle: FAZ.NET
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