Börsenkurse

Saisonale Anlagestrategien stehen auf tönernen Füßen

23.06.2005
, 19:12
Fachleute raten von einer einseitigen Orientierung an saisonalen Gegebenheiten ab. Der Grund: Jahreszeitliche Kursmuster ändern sich im Zeitablauf. Eine systematische überdurchschnittliche Kursentwicklung könne nicht gewährleistet werden.

Saisonale Anlagestrategien sind in. Erst vor kurzem startete die Deutsche Börse mit dem Dax plus Seasonal Strategy einen Index, der die empirisch schlechtesten Börsenmonate ausblendet. Ein Rezept, das Erfolg garantiert?

Dies ist keineswegs der Fall, hat Helaba Trust mit Blick auf die Kursentwicklung deutscher Aktien seit 1970 festgestellt. Strategien, die sich ausschließlich an saisonalen Gegebenheiten orientierten, seien nicht empfehlenswert, denn derartige Muster änderten sich im Zeitablauf.

Signifikant negative Kursentwicklung

Wer kennt sie nicht, traditionelle Börsenregeln wie „Sell in May and go away“, also die Empfehlung, Aktien im Mai zu verkaufen und dem Markt zunächst den Rücken zuzukehren. Als besonders schlechte Börsenmonate gelten gemeinhin der August und September eines jeden Jahres, weswegen genau diese Monate in den neuen Dax-Index (F.A.Z. vom 14. Juni) nicht eingerechnet werden. Der Indexwert wird am letzten Handelstag im Juli festgeschrieben und erst im Oktober fortgesetzt.

Markus Reinwand von Helaba Trust hat die langfristige Kursentwicklung des deutschen Aktienmarktes untersucht und dabei festgestellt, daß sich eine solche Strategie in den Jahren 1988 bis 2004 für den Anleger durchaus ausgezahlt hätte. In den beiden Herbstmonaten hat der Deutsche Aktienindex Dax mit einem Minus von durchschnittlich 2,5 und 4,9 Prozent eine signifikant negative Kursentwicklung aufgewiesen.

Über den Zeitablauf stabil bleiben

Damit hätte ein Anleger, der nur in den Monaten Oktober bis einschließlich Juli investiert gewesen wäre, bis heute ein Renditeplus von jährlich 18,2 Prozent erwirtschaftet. Hätte er sein Portfolio unangetastet gelassen und die sogenannte Buy-and-Hold-Strategie verfolgt, wären es lediglich 9,1 Prozent je Jahr gewesen.

Doch ist eine solche Strategie mittelfristig tatsächlich geeignet, um auch künftig eine Überrendite zu erzielen? Das jahreszeitliche Muster müßte, um dies gewährleisten zu können, über den Zeitablauf stabil bleiben. Um diese These an der Realität zu messen, hat Helaba Trust die saisonalen Eigenheiten des deutschen Aktienmarktes von 1970 bis 1987 untersucht. Da der Dax erst mit dem Jahresbeginn 1988 gestartet ist, diente der F.A.Z.-Index für die vorangehende Periode als Maßstab.

Nur eine leichte Überrendite

„Es ist zu erkennen, daß sich das saisonale Muster im Zeitverlauf durchaus nennenswert verändert hat“, ist Reinwands Ergebnis. Im früheren Zeitraum sei der sogenannte Januar-Effekt - der besagt, daß sich in diesem Monat Aktien besonders gut entwickeln, da der Anlagebedarf zum Jahresanfang überdurchschnittlich hoch ist - stärker ausgefallen als nach 1987. Der schwächste Monat sei im Durchschnitt der Mai gewesen. Die herbstliche Schwächephase fiel Reinwand zufolge auf September und Oktober. Sie habe sich inzwischen vorverlagert. Offenbar verkaufen Anleger aus Angst vor Kursverlusten in den traditionell schlechtesten Monaten immer früher.

Für den Dow-Jones-Index zeige sich seit seiner Einführung im Oktober 1928 bis 1987 im übrigen ein ähnliches Muster; hier erweise sich zudem der Februar als eher schwacher Monat, meint der Analyst: „Anleger hätten in Kenntnis dieser Gegebenheiten vermutlich eine andere Strategie gewählt als die mit dem Dax plus Seasonal Strategy abgebildete.“ Allerdings hätte von 1970 bis jetzt die Strategie, die Monate Mai, September und Oktober am Aktienmarkt zu meiden, gegenüber einer „Buy-and-Hold-Strategie“ nur eine leichte Überrendite ergeben.

Sinkende Transaktionskosten

Der Grund für den Wandel: Das Erkennen von Mustern führt bei rationalem Verhalten der Marktteilnehmer zwangsläufig zu einem angepaßten Verhalten. „Insgesamt erscheinen rein saisonal geprägte Anlagestrategien daher nicht empfehlenswert, um eine systematische überdurchschnittliche Kursentwicklung zu gewährleisten“, lautet Reinwands Resümee.

Zumal auch die sinkenden Transaktionskosten jegliches Handeln erleichterten und zunehmend zu einer Zerstörung der Muster führen dürften. Vielmehr sollte eine rationale Anlageentscheidung auf umfassenden Analysen fundamentaler wie auch technischer Natur fußen.

Quelle: kpa. / F.A.Z., 24.06.2005, Nr. 144 / Seite 21
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