Börsenwoche

Fünf Prozent Inflation

Von Philipp Krohn
11.06.2021
, 19:47
Das Inflationsgespenst hält die Anleger in Atem. In Amerika stieg die Teuerungsrate zuletzt auf 5 Prozent, in Europa könnte das mit Verzögerung auch passieren. Doch zunächst lohnt ein Blick auf das Biotechunternehmen CureVac.

Der Aktienkurs-Chart von CureVac sieht aus wie eine Bergkette mit vier Gipfeln und tiefen Tälern dazwischen. Seit vergangenem Herbst gab der Titel immer mal wieder Anlass zur Hoffnung, dass der Durchbruch für den mRNA-Impfstoff gegen das Coronavirus kommen könnte. Doch das Tübinger Biotechunternehmen bleibt auf Berg-und-Tal-Fahrt.

Am Freitag ging es zeitweise um fast 14 Prozent herunter, sodass die Aktie auf dem niedrigsten Kurs seit fünf Wochen bei unter 75 Euro notierte. Dass sich die Zulassung des Medikaments weiter herauszögert, macht Anleger ungeduldig. Schon am Dienstag betrug der Kursrutsch ein Fünftel. Am Freitag wurde bekannt, dass das Bundesgesundheitsministerium in der nationalen Impfkampagne erst einmal nicht mit CureVac rechnet.

Davon abgesehen, war diese Börsenwoche von einer einzigen Zahl bestimmt. In den Vereinigten Staaten stieg die Inflationsrate auf 5 Prozent. Es ist das erste Mal seit dem Finanzkrisenjahr 2008, dass die Teuerung dieses Level erreichte.

Fachleute hatten mit einer Preissteigerung um 3,4 Prozent gerechnet

Obwohl Fachleute angesichts der raschen wirtschaftlichen Erholung nach der Corona-Krise schon mit einem deutlichen Anstieg gerechnet hatten, überraschte selbst sie das Ausmaß. Im Schnitt hatten sie nur mit einer Preissteigerung von 3,4 Prozent gerechnet. Nun waren sie überrascht, aber auch noch nicht beunruhigt.

Auch in Europa wird eine höhere Inflation prognostiziert – wenn auch nicht in allen Ländern ein so hoher Anstieg wie in Deutschland. Hier liegen die Vorhersagen zum Teil ebenfalls oberhalb von 4 Prozent. Im Euroraum insgesamt dürfte sie dagegen ein gutes Stück darunterliegen. An den Märkten gibt es eine wachsende Minderheit von Beobachtern, die nun einen Schwenk in der Geldpolitik zumindest in Amerika, womöglich aber auch in nicht allzu ferner Zukunft in Europa erwarten.

Doch vorerst war davon noch nichts zu spüren. In der beschriebenen Gemengelage galt die Ratssitzung der Europäischen Zentralbank am Donnerstag im Vorfeld durchaus als richtungsweisend. Manch einer hatte schon von einem „Superdonnerstag“ gesprochen.

Europäische Zentralbank sieht vorerst keinen Handlungsbedarf

Gemessen daran, war die anschließende Kommunikation der Notenbank geradezu langweilig. Weder änderte sich etwas an der Zinshöhe noch am Umfang der Intervention über den Aufkauf von Anleihen noch am Wording für die kommenden Monate. Die Anleihekäufe sollten im dritten Quartal „signifikant“ höher als im ersten Quartal ausfallen. Das entsprach der bisherigen Sprachregelung.

„Wir glauben, dass eine ruhige Hand die richtige Entscheidung ist“, sagte Präsidentin Christine Lagarde in der Pressekonferenz. Die wirtschaftliche Lage sei stabiler, es sei aber noch zu früh, auf Anleihekäufe zu verzichten. Starke Ausschläge auf die Aktienkurse an der deutschen Börse hatten die EZB-Entscheidung und ihre Erläuterung durch Lagarde nicht. Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen stieg in den Vereinigten Staaten zeitweise auf 1,52 Prozent, wovon institutionelle Anleger in Europa träumen können, die sich weiterhin mit Negativzinsen begnügen müssen.

Der Euro Stoxx 50 der 50 größten Industrieunternehmen im Euroraum steht bei mehr als 4100 Punkten. Weitere Höchststände zu vermerken lohnt sich nicht, da die Kurse stetig in geringen Schritten voranschreiten. Seit einem Zwischentief Ende Oktober haben sich die Kurse unvermindert weiterentwickelt. Dasselbe gilt für den Dax, der die Entwicklung der wichtigsten deutschen Unternehmen anzeigt. Die Konjunkturdaten sind positiv. An den Daten des US-amerikanischen Arbeitsmarkts aus der vergangenen Woche zeigte sich der Konjunktur-Optimismus in den Vereinigten Staaten.

Mit dem derzeit erlebten Auf und Ab ist das Biotechunternehmen CureVac derzeit eher eine Ausnahme. Die Impfkampagne geht mit einigem Tempo voran. Der Impfstoff der zum Teil im Staatsbesitz befindlichen Tübinger wird vorerst nicht mehr benötigt. Doch Rückschläge hatte das Unternehmen nach dem Gehirnschlag von Gründer Ingmar Hoerr kurz vor Ausbruch der Pandemie und den Unstimmigkeiten um eine angebliche amerikanische Übernahmeofferte an den Investor Dietmar Hopp verkraftet. Und das von vornherein auch auf internationale Vermarktung angelegte Impfstoffprojekt wird womöglich auch dann noch gebraucht, wenn in Deutschland ein großer Teil der Bürger schon geimpft ist.

In der ursprünglichen Version dieses Textes wurde die Rendite von 1,52 Prozent fälschlicherweise auf deutsche Staatsanleihen bezogen. Das wurde korrigiert.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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