Scherbaums Börse

Bange machen gilt nicht – oder dieses Mal doch?

Von Christoph Scherbaum
10.09.2021
, 11:22
Die Spitzenkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, auf einer Wahlkampfveranstaltung in Halle.
Aktien bleiben für deutsche Anleger eine aussichtsreiche Langfristanlage. Daran kann auch der Ausgang der Bundestagswahl nichts ändern, oder doch?
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In gut zwei Wochen findet die Bundestagswahl statt. Und wie bei jeder Wahl werden anschließend viele Anleger, die gerne Börsenweisheiten zitieren, auf die eine alte Bekannte verweisen: „Politische Börsen haben kurze Beine“ – soll heißen, dass selbst eine solche wichtige Wahl wohl nur kurzfristig die Börsenkurse in Dax & Co beeinflussen wird.

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Hintergrund dieser These ist die Annahme, dass sich Investoren am Ende langfristig nur von Unternehmensbilanzen und Wirtschaftsdaten beeinflussen lassen. Doch ist es dieses Mal wirklich (wieder) so einfach? Die in diesem Jahr möglichen Koalitions-Konstellationen lassen genügend Spielraum für Szenarien, die Investoren nicht gefallen dürften.

Nach Ansicht von Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), hat diese Bundestagswahl für Anleger unmittelbare und auch mittelbare Folgen. „Rot-Rot-Grün würde zum Beispiel unmittelbar dazu führen, dass sich die steuerliche Belastung für Anleger wohl erhöht“, so der Aktionärsschützer und ergänzt: „Eine rot-rot-grüne Koalition würde zudem den Druck auf die Unternehmen deutlich erhöhen, in Sachen Nachhaltigkeit nachzulegen, was sicherlich gesellschaftlich richtig und auch gewünscht ist, dem Unternehmen aber auch ordentlich Rendite im kurz- und mittelfristige Bereich kosten wird.“

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. Bild: Christoph Scherbaum

Seiner Ansicht nach lässt ein Blick in die Wahlprogramme schnell erkennen, „dass eigentlich nur die FDP in Richtung Anleger und Aktionäre denkt.“ Dagegen zeigt sich laut Tüngler die CDU „vollkommen diffus und leider damit ohne Aussagen in Sachen Anlegen und Aktionäre.“ Zwar klinge an verschiedenen Stellen im Wahlprogramm der CDU das eine oder andere in Sachen Eigentum oder Altersvorsorge an, „wirklich greifen kann man da aber nicht wirklich etwas.“

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Mögliche Konsequenzen für Anlagestrategie

Der Berliner Kapitalmarktexperte Christian W. Röhl sieht ebenfalls die Gefahr, dass diese Bundestagswahl zumindest einen langen Schatten werfen könnte – wenn das Wahlergebnis mehrere Koalitionen möglich macht und die Regierungsbildung sich bis ins Jahr 2022 zieht. „Unsicherheit mag die Börse schließlich gar nicht und das Gespenst eines rot-grün-roten Bündnisses könnte vor allem ausländische Investoren verschrecken“, sagt aber auch: „Am Ende sollte aber doch eine von mindestens zwei bis maximal vier der fünf demokratischen Fraktionen getragene Regierung die Arbeit aufnehmen können – und damit könnte die Börse fürs erste gut leben.“

Auch Robert Halver, Kapitalmarktanalyst bei der Baader Bank, ist der Meinung, dass je nach Ausgang der Wahl am 26. September, es zu weitreichenden Konsequenzen für die Anlagestrategie, in Deutschland kommen kann. Viele Anleger hätten in den vergangenen Jahren weitsichtig auf Sachkapital, also auf Aktien, Immobilien oder Gold gesetzt.

„Mit ihrer privaten Vorsorge machen sich die Anleger unabhängiger von der gesetzlichen Rentenversicherung, die mehr und mehr zur Armenspeisung wird.“ Absurderweise sei diese Eigenverantwortung, so Halver weiter, „vielen Ideologen auf der linken Seite ein Dorn im Auge. Obwohl Anleger die Sozialkassen entlasten, will man sie dennoch bestrafen. Die Spekulationsfristen für Immobilien (zehn Jahre) sowie Gold und Kryptowährungen (ein Jahr) sollen abgeschafft werden.“

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Bestimmte Aktien-Sektoren im Fokus

Beim Vermögensverwalter NN Investment Partners geht man derweil für die kommende Bundesregierung als Basisszenario von einer Dreierkoalition aus – „mit einem breit aufgestellten Koalitionsvertrag, etwas progressiveren Einschlag, einer europafreundlichen Ausrichtung sowie moderat steigenden Ausgaben in den kommenden Jahren.“ Für den Aktienmarkt selbst zeigt sich Marco Willner, Investmentstratege des Unternehmens, gelassen. „Auf der Aktienseite dürfte der Wahlausgang nur in einzelnen Sektoren Wirkung zeigen, da die deutschen börsennotierten Unternehmen international diversifiziert sind.“

Zu den kritischen Fragen zähle aber, ob die Grünen bei einer Regierungsbeteiligung einen früheren Kohleausstieg durchsetzen. Dies könnte dann einzelne Versorger unter Druck setzen. Auch der Bau- und Immobiliensektor sei ein kritischer Bereich: „Während Förderungen des Wohneigentums und Abschaffung des Mietendeckels, wie sie etwa von der CDU/CSU vertreten werden, das Geschäft der Immobilienunternehmen unterstützen, dürften sich Forderungen aus dem linken Lager wie etwa eine weiter gehende Mietendeckelung negativ auf die Geschäftsentwicklung auswirken“, ergänzt Willner. Ein starker progressiver Block in der Regierung könnte auch die Diskussion um eine Transaktionssteuer für Finanzgeschäfte wiederbeleben. „Dieses Thema könnte Finanztitel belasten.“

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Anleger sollten konsequent bleiben

Bei allen Spekulationen, wie die Wahl ausgeht, was soll am Ende ein Anleger tun, wenn es zum „falschen Ergebnis“ kommt? Eines wohl auf jeden Fall nicht – sich von der langfristigen Aktienanlage verabschieden. Denn nur mit staatlicher Rente und einer privaten Riester-Rente allein dürfte der Ruhestand für die meisten finanziell eher unruhig werden. Die private Altersvorsorge kommt ohne den Finanzmarkt, die Börse und damit um die Anlageklasse Aktien nicht herum – auch wenn sich die einzelnen Depot-Positionen ändern könnten.

„Grüne Aktien, wie Unternehmen aus dem Erneuerbare Energien-Bereich, dürften unter jeder neuen Regierung weiter profitieren, bei starken Grünen wohl etwas stärker, bei einer starken Union wohl etwas weniger. Und für Wohnimmobilien-Konzerne wird die Luft sicherlich etwas dünner, wenn SPD und Grüne deutlich zulegen können“, sagt Röhl.

So oder so, deutsche Anleger werden an der Börse auch in Zukunft langfristig eine gute Rendite erzielen können – egal wer künftig in Berlin das Sagen hat. Denn letztlich wird die besagte Börsenweisheit mit den kurzen Beinen auch dieses Mal Bestand haben.

Quelle: faz.net
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