Technische Analyse

Europas Auto-Aktien überholen an der Börse

Von Achim Matzke
11.06.2021
, 15:31
Die Unternehmen BMW, Continental, Michelin und Volkswagen sind technische Käufe. Aktien von Autoherstellern weisen in diesem Jahr die beste Kursentwicklung im Vergleich zu anderen Branchen auf.

Der europäische Automobilsektor hat – mit dem Rückenwind der einsetzenden Konjunkturerholung und den (Ertrags-)Aussichten aufgrund der anstehenden Transformation hin zum emissionsfreien Fahren – im Jahr 2021 bisher die beste Kursentwicklung im Vergleich der 20 (Stoxx-)Sektoren erzielt. Da sowohl ausgewählte Sektorschwergewichte als auch ausgewählte Titel aus dem Sektormittelbau diese Kurstendenz tragen, dürfte sich die relative Stärke gegenüber wichtigen Gesamtmarkt- und Standardwerteindizes (zum Beispiel Stoxx 600; Euro Stoxx 50; Dax) in den kommenden Monaten fortsetzen. Für die zweite Jahreshälfte sollte aber eine langsamere Gangart einkalkuliert werden.

Während bei Daimler (technisch auf Halten) die im Herbst anstehende Abspaltung von „Daimler Truck & Bus“ abgewartet werden sollte, bieten sich BMW (technischer Kauf; Kursziel: 105 Euro), VW Vorzüge (technischer Kauf; Kursziel: 260 Euro) und Porsche Automobil Holding Vorzüge (technischer Kauf: Kursziel: 110 Euro) für Neupositionen an. Auch die Zulieferer Michelin (Kursziel 145 Euro) und – etwas spekulativer – Continental (Kursziel: 145 Euro) sind zukaufenswert. Dagegen stellen die italienisch-französische Stellantis (überkaufte Lage), die italienische Ferrari (relative Schwäche im Sektor) und die französische Renault (relative Schwäche im Sektor) zurzeit technische Tauschkandidaten dar.

Im europäischen Stoxx Automobiles & Parts sind aktuell „nur“ zwölf Automobilproduzenten und -zulieferer aus dem Stoxx 600 zusammengefasst. Dieser Sektorindex, der Ende Dezember 1991 – analog wie der Stoxx 600 – mit 100 Punkten startete, weist trotz aller Schwankungen eine mittel- und langfristige relative Stärke gegenüber dem Gesamtmarktindex auf. Aus technischer Sicht spiegelt sich dies – ausgehend vom Kurstief bei 83,30 Euro im Oktober 1992 – in einer sehr langfristigen Hausse-Bewegung wider. Hierbei lag (Start bei 144,40 Euro im März 2009 nach der Finanzkrise) eine beschleunigte, technische Bilderbuch-Hausse bis auf 694,30 Euro im März 2015 (bisheriges Allzeithoch) vor. Dann kam der Diesel-Skandal.

Unterhalb der Widerstandszone von 690 bis 695 Euro ergab sich in den letzten sechs Jahren eine Seitwärtspendelbewegung, die in der Kursschwäche der Corona-Baisse (Februar/März 2020) und in einem technischen Ausverkauf bei 255 Euro endete. Dort ist der Sektorindex nach oben umgeschlagen und hat – begleitet von mehreren Investment-Kaufsignalen – einen neuen Hausse-Trend etabliert, der den Index wieder an die sechsjährige Widerstandszone führte. Einerseits sollte es nicht überraschen, wenn es unterhalb dieser Zone zu einer normalen Konsolidierung kommt. Andererseits zeigt die Marktbreite, also die isolierte technische Lage, besonders der Sektorschwergewichte, dass der Sektor in den kommenden Monaten mit einem weiteren Investment-Kaufsignal (Sprung über die Widerstandszone) auf neue Allzeithochs steigen und sich die feine technische Hausse in Richtung 750 Euro fortsetzen dürfte.

Starke Schwankungen

Die VW Vorzüge hatten im direkten zeitlichen Vorfeld des Diesel-Skandals im März 2015 ein Kursniveau von 262,40 Euro (Widerstandszone) erreicht. Nach dem Kurseinbruch bis auf 86,40 Euro (Oktober 2015) konnte die Aktie in den Folgejahren – unter hohen Schwankungen – bis auf ein Kursniveau um 192 Euro „hochfahren“, bevor die Corona-Baisse wieder einen technischen Ausverkauf bei Notierungen von 80 Euro (März 2020) ergab. Seitdem befindet sich die Aktie in einer Hausse-Bewegung. Begleitet von der besonders in den letzten Monaten aufgekommenen Markterwartung, dass der VW-Konzern unter den europäischen Automobilproduzenten ein umfassendes Konzept für die Massenproduktion von emissionsfreien Autos (mit Schwerpunkt E-Mobilität) aufweist, ist der Kurs mit neuen Investment-Kaufsignalen angesprungen. Die aktuelle Konsolidierung unterhalb der gestaffelten Widerstandszone um 245 Euro hat bisher einen trendbestätigenden Charakter nach oben.

Da der nächste mittelfristige Aufwärtsschub die VW Vorzüge bis zur Widerstandszone von 260 bis 265 Euro (Kursniveau im Vorfeld des Diesel-Skandals) führen sollte, bleibt die Aktie ein technischer (Zu-)Kauf. In früheren Gesamtmarktaufwärtsbewegungen folgten einzelne und mit einer Zeitverzögerung viele Automobilzulieferer der bestehenden, technischen Hausse bei den Autoproduzenten. Der Automobilzulieferer Continental bietet aktuell eine attraktive technische Lage. Dies findet vor dem Hintergrund statt, dass sich Continental mit Blick auf die Herausforderungen im Sektor neu aufstellt. Im zweiten Halbjahr will Continental die „Vitesco Technologies“ abspalten. Für aktuell fünf (alte) Continental-Aktien soll es dann fünf (neue) Continental-Aktien plus eine Vitesco-Aktie geben. Vitesco, die damit dieselbe Großaktionärsstruktur wie Continental aufweisen würde, hat als Geschäftsschwerpunkt Antriebstechnologie für viele Fahrzeugtypen.

Diese neue Aktie sollte eine S-Dax-Aufnahmechance besitzen. Aus technischer Sicht war Continental – ausgehend vom bisherigen Allzeithoch bei 257,40 Euro im Januar 2018, begleitet von mehreren Verkaufssignalen – in einer sehr ausgeprägten Baisse-Bewegung bis zum Ausverkauf in der Corona-Baisse auf 51,50 Euro (März 2020) eingebrochen. Seitdem ist die Aktie nach oben umgeschlagen und befindet sich in einer neuen Aufwärtsbewegung (zur Aufarbeitung der vorherigen Baisse).

Diese neue Hausse wird von einem Aufwärtstrend (aktuell bei 110 Euro direkt oberhalb der steigenden 200-Tage-Linie) begrenzt. In den letzten Monaten steckte Continental in einer Konsolidierung beziehungsweise einem Trading-Markt um 120 Euro fest. Diese Konsolidierung hatte bereits einen trendbestätigenden Charakter (nach oben). Zuletzt ist die Aktie mit einem neuen Investment-Kaufsignal angesprungen. Hier deutet sich als nächstes technisches Etappenziel der Bereich von 145 Euro an. Das langfristige technische Kurspotential der laufenden Aufwärtsbewegung sollte aber noch um einiges höher liegen. Aus technischer Sicht stellt Continental einen – etwas spekulativen – technischen (Zu-)Kauf dar.

Über den Autor

Der Autor leitet den Bereich Technische Analyse & Index Research der Commerzbank.

Quelle: F.A.Z.
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