Christian Rieck

Können Roboter mit Geld umgehen?

Von Philipp Krohn
24.10.2015
, 12:49
Seit vielen Jahren forscht Finanzprofessor und „Roboter-Versteher“ Christian Rieck über die Interaktion von Mensch und Maschine. Plötzlich wird seine Wissenschaft ganz aktuell.

Wer Christian Rieck vor fünf Jahren getroffen hätte, hätte vielleicht gedacht: Was ist das denn für ein langhaariger Professor mit abstrusen Ideen? Vor zwei Jahren wird er womöglich gedacht haben: Der hat ja einen interessanten Blick auf die Zukunft der Finanzdienstleistungen. Inzwischen aber gilt er nicht mehr als Visionär. „Dass es Leute unmittelbar betrifft, nehme ich erst seit diesem Jahr wahr“, erzählt der Finanzprofessor der Frankfurt University of Applied Sciences. „Es weiß aber noch keiner, was man daraus macht.“

Rieck hat schon in den siebziger Jahren die Düsseldorfer Elektronikband Kraftwerk gehört. Vielleicht hat er sich deshalb schon früher als andere mit der Idee der „Mensch-Maschine“ befasst, die einem Album der Gruppe den Titel gab. Wenn er vor einem Fachpublikum von „Cyborgs“ sprach, erntete er zunächst Unverständnis. Doch inzwischen ist ein regelrechter Boom kleiner Fintech-Unternehmen festzustellen, die mit digitaler Technik etablierte Finanzdienstleister herausfordern. Was vorher wie esoterische Forschung wirkte, erhält aktuelle Relevanz. Riecks kleine Schrift „Können Roboter mit Geld umgehen? Die digitale Zukunft der Finanzberatung“ liest sich wie das Buch zur Zeit.

„Inzwischen sind unsere Instrumente der künstlichen Intelligenz so weit, dass sie auch sinnvoll auf die Finanzbranche übertragen werden können“, schildert Rieck den Wandel. „Deshalb haben wir jetzt einen Angriff durch einen Heuschreckenschwarm. Jeder versucht, die Festung einzunehmen, jeder nagt an einem kleinen Steinchen.“

Der Mensch gerät gegenüber dem Computer ins Hintertreffen

Während Finanzinvestoren auf die Suche nach der nächsten disruptiven Idee gehen, die einen ganzen Markt verändert, beobachtet Rieck die Entwicklung aus seiner wissenschaftlichen Perspektive. „Der Angriff ist massiv: Es sind viele, sie wachsen exponentiell, und es gibt einen Paradigmenwechsel“, sagt er. Viele kleine Start-Ups kommen auf - mit Ideen, die den Zahlungsverkehr, die Vertragsverwaltung von Versicherungen oder gleich die gesamte Finanzberatung auf den Kopf stellen. Den etablierten Spielern bleibt nur, die Entwicklung abzuwarten. Denn Abwehrmaßnahmen könnten die eigene Position schwächen, glaubt Rieck.

Dass die Finanzbranche erst jetzt angegriffen wird, habe sie einem besonderen Umstand zu verdanken. „Sie ist wesentlich betrugsanfälliger und wird deshalb stark reguliert“, sagt er. „So war es sehr schwer, dort mit neuen Technologien hineinzukommen.“ Junge Innovatoren suchten sich also zunächst Felder, in denen sie unmittelbar mit Neuerungen Erfolg haben konnten. Amazon und Ebay sind Kinder dieser Zeit. Den Vorteil, den ihre Technik bietet, könnten auch Fintechs für die Produktauswahl nutzen. „Wird die Auswahl wahnsinnig groß, kann es passieren, dass der einzelne Berater viel zu wenige Produkte kennt und deshalb gar nicht sinnvoll auswählen kann“, sagt Rieck. Menschliche Berater gerieten ins Hintertreffen gegenüber der Maschine. „Für einen Computer ist es kein Problem, Millionen Produkte zu überblicken. In dem Maße, in dem künstliche Intelligenz in der Lage ist, zu verstehen, was die andere Seite will, wird es richtig gefährlich für den natürlichen Berater.“

Bislang zeigt sich die Bedrohung durch die neuen Angreifer vor allem für Banken. Immerhin böten sie Produkte, an denen Konsumenten von sich aus Interesse zeigten - etwa, um ihr Geldvermögen zu vermehren. Versicherungen dagegen seien Produkte, die bislang noch vom Vermittler auf die Tagesordnung gehoben würden. Das gebe der Assekuranz eine etwas längere Schonfrist. Schon heute nutzen viele Vermittler Analysewerkzeuge wie die Beratungssoftware Morgen & Morgen. „Also ist der Mensch schon jetzt reiner Übersetzer“, sagt Rieck. „Stellen wir uns das Ganze noch einen Schritt weiter vor: Diese Maschine, die schon viele Auswahlentscheidungen trifft, versteht, was der einzelne Kunde haben möchte, und findet Wege, es ihm so schmackhaft zu machen, dass er es kauft. Dann kann man den Mann in der Mitte weglassen.“

Versicherer drohten ihren exklusiven Zugang zum Kunden zu verlieren. Das sei die „disruptive“ Gefahr für die Branche. „Denn dann bleibt Versicherung ein austauschbares Produkt, ein Commodity-Gut, in dem keine Gewinnmöglichkeiten mehr stecken. Die liegen plötzlich bei jemand anders“, erklärt der Finanzprofessor. Auch der Aufstieg von Paypal habe mit der Kopplung an eine Versicherungsleistung begonnen: Vorher hatte der Zahlungsverkehrsdienstleister nur einen etwas besseren Komfort - nun war er unverzichtbar, wenn Käufer und Verkäufer auf Ebay Zahlung und Ware vor betrügerischem Handeln schützen wollten. „Die Banken haben uns jahrzehntelang erzählt, der Zahlungsverkehr sei nur ein Zusatzgeschäft, daran verdienten sie gar nichts. Auf einmal, wo er in andere Hände geht, sieht das ganz anders aus“, sagt Rieck. Inzwischen verlieren Banken und Kreditkartenunternehmen an Bedeutung im Zahlungsverkehr. Ähnlich ergeht es Versicherungsvermittlern, die sich dem Wettbewerb von Vergleichsportalen stellen müssen, und Hypothekenbanken, die durch Plattformen wie Interhyp aufgemischt worden sind.

Nicht ohne Interessenskonflikte

Doch sind Algorithmen zuverlässiger als natürliche Berater? „Natürlich werden sie von Menschen programmiert, die ein Eigeninteresse haben. Sie werden dafür sorgen, dass der Algorithmus es bestmöglich für ihn hinbekommt - innerhalb bestimmter Schranken. Dieser Interessenkonflikt steckt mit drin“, sagt Rieck. Doch die Verknüpfung von Mensch und Maschine in Fintech-Apps werde gegenüber der rein menschlichen Beratung viele Vorteile haben. „Ein mathematisches Modell wertet viele Faktoren aus - zum Beispiel das, was jemand in der Vergangenheit im Netz getrieben hat. Deshalb sollte es mich sehr wundern, wenn die Beratungsqualität eines Menschen besser wäre“, sagt Rieck.

Gelinge es, durch den Wettbewerb am Markt den Interessenkonflikt zugunsten der Kunden zu entscheiden, werde die Finanzberatung transparenter und objektiver, erwartet der Finanzwissenschaftler. „Fintechs suggerieren keine Einfachheit, sie schaffen eine Einfachheit.“ Zum Vergleich zieht er die Autoindustrie heran: Heutige Fahrzeuge seien voll von komplexer Technik. Ihre Benutzung sei aber einfacher als früher. „Während wir heute noch viel zu viel über die Details der Ausgestaltung der Produkte sprechen, müssen wir uns künftig Gedanken machen, was ein Kunde für seine Lebenssituation braucht. Dann lassen wir diesen Wunsch automatisch übersetzen“, sagt Rieck.

In der Finanzvermittlung dürften durch Digitalisierung viele Stellen wegfallen, aber auch neue entstehen. Doch bedeuten die kleinen Finanz-Cyborgs auch das Ende der charismatischen (und manchmal etwas windigen) Finanzberatung à la Carsten Maschmeyer? „Einen Charismatiker wird man weiter wertschätzen“, erwartet Rieck. „Aber mal ehrlich: Ist das der Standardberater?“ Roboter und Menschen würden in der Finanzberatung eine Symbiose eingehen, prognostiziert er. „Wir werden sie nicht als solche erkennen. Sie werden irgendwo eingebaut sein, so wie Amazon es schon heute macht. Ein intelligentes Smartphone wird irgendwann verstehen, was wir wollen. Im Zweifelsfall noch bevor wir es wissen“, sagt Rieck voraus.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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